Kultur und Natur im finnischen Saimaa-Seengebiet

Robben & Roben

Die Burg von Savonlinna und die dortigen Opernfestspiele kennendie meisten Finnlandurlauber. Dass die Umgebung des Städtchens mitseinen vielen Inseln und Seen für Aktivurlauber und Naturfreunde eintolles Reiseziel ist, zeigt ein Besuch in Oravi und Punkaharju.

TEXT&BILD: Thomas Krämer

Desinteresse. Völliges Desinteresse. Sie liegt da, die Robbe. Ruht aufeinem flachen Stein, der ein wenigaus dem Wasser ragt. Hebt ab und zu den Kopf, schaut mit ihren kleinen Augen zu uns herüber. Wohl ungefährlich, mag sich das Tier denken, bis das Boot nach einer gefühlten Ewigkeit wohl doch zu nahe kommt.

Ein abschätzender Blick, dann gleitet der massige Körper mit einem leisen Platschen in den See und taucht unter. Wir dagegen waren völlig aus dem Häuschen gewesen, als Marie-Louise Fant uns auf diese Rarität aufmerksam gemacht hatte.

Die Saimaa-Ringelrobbe passt sich perfekt an ihre Umgebung an

Ungeübten Augen wäre das perfekt getarnte Tier nicht aufgefallen. Regungslos im Schatten liegend war die Saimaa-Ringelrobbe nahezu eins geworden mit ihrer Umgebung. Ein Stein unter Steinen am Ufer einer der vielen Inseln im Archipel desSaimaa-Sees.

Vermutlich etwas über 300 Exemplare leben noch in diesem Gebiet. Und fast wäre die Süßwasser-Robbenart ausgestorben, als Mitte der 1980er-Jahre gerade etwas über 100 Tiere gezählt wurden. Auch heute ist nicht klar, ob diese einzigartige Tierart langfristig überleben wird.

Zu oft verheddern sich die 40 bis 90 Kilogramm schweren und bis zu 160 Zentimeter langen Tiere in den Netzen der Fischer. Und dann sind da außerdem schneearme Winter, die eine stärkere Vermehrung verhindern. Denn die Kinderstube der Robbenbabys ist eine Schneehöhle.

Adler kreisen auf der Jagd nach Fisch übers Wasser

Obwohl es für die Skipperin ein fast alltägliche rAnblick ist, freut sie sich immer noch, wenn sie diese Süßwasserrobbe erblickt. Während sie das Boot durch dasSeenlabyrinth weiter nach Nordwestensteuert, weist sie auf eine in der Sonne glitzernde Spur auf dem See.

»Eine weitere Robbe«, sagt Marie-Louise und drückt ihrenGästen ein Fernglas in die Hand. Sostark vergrößert ist ab und an der Kopf des Tieres zu erkennen, bevor die Robbe abtauchtund spurlos verschwindet. Kurz darauf stupft mich Marie-Louise an den Arm und zeigt auf eine dunkle Silhouette, die über uns kreist. »Osprey«, sagt sie.

Der Fischadler war einst das Symboltier des Nationalparks

Ein Fischadler, das einstige Symboltier des Nationalparks, dessen herausgehobene Stellung nun die Ringelrobbe eingenommen hat. Langsam gleitet das Tier hinunter in Richtung Wasseroberfläche, jetzt sind auch die an der Unterseite hell gefärbten Schwingenzu sehen. Stößt ins Wasser und steigt wieder in den blau-weißen Himmel auf.

Obdie Jagd erfolgreich war und ein Fisch im Schnabel ist, kann man aus dieser Entfernung nicht erkennen. »Hier gibt es recht viele dieser Raubvögel«, erklärt sie. Brüten würden sie in großen Nestern in den Gipfeln der Bäume. Und auch auf dem Inselchen vor uns, auf das der Fischadler nun zuhält, ist mit ein wenig Fantasie das Heim des geschickten Jägers zu entdecken.

Der Saimaa-See ist ein Labyrinth aus Inselchen und Buchten

In Marie-Louises Kopf muss ein Kompass eingebaut sein, vielleicht sogar ein GPS-Gerät. Ortsunkundige würden sich in diesem Labyrinth aus baumbestandenen Inseln und gerade mal so aus dem Wasser ragenden Felsen hoffnungslos verirren.

Spiegelglatt ist die Wasseroberfläche dort, wo kein Lufthauch hinkommt. Bäume, Schilfgras und Felsblöcke spiegeln sich im Wasser, ein Scherenschnitt, gestaltet von der Natur. Man könnte einen Kopfstand machen und würde denselben Anblick haben.

Vorsichtig manövriert die Skipperin wenig später das Boot an einen Steg an der Westseite der Linnansaari-Insel, schlingt ein Seil um einen Holzpfosten und schaltet den Motor aus. »Lasst uns ein paar Meter laufen, sagt sie und verspricht einen tollen Blick auf die Seenplatte.

Am bewaldeten Ufer kann man Pilze sammeln

Allerdings kommen wir nur langsam voran. Und das liegt daran, dass unsere beiden Guides mit gesenktem Haupt durch den Wald streifen. Der Grund dafür hat einen Stiel, einen Kopf und schmeckt vorzüglich. »Die gibt's heute Abend zum Essen«, freut sich Marie-Louise und zeigt auf einige Steinpilze, die neben einem halb vermoderten Baumstumpf aus dem bemoosten Boden ragen.

Pellervo findet noch ein paar Pfifferlinge (»für die Soße«), während ich ein paar übriggebliebene Blaubeeren entdecke. Die wandern sofort in den Mund und kommen nicht auf Halde. Eine Gewitterfront war angekündigt worden. Und die ersten Wolken sind auch bereits im Westen am Horizont zu sehen, als wir schließlich den Felsen erreichen.

Aus der Vogelperspektive erkennt man die Ausdehnung der Seenwelt

Mit dem Anstieg auf den Aussichtsfelsen wird der Ausflug, der uns zuvor zu einem kleinen, bis zum vorigen Jahrhundert genutzten Wohnhaus gebracht sowie bei einem Lagerfeuer mit Kaffee und Kuchen gesättigt hatte, zu einem kompletten Erlebnis.

Donner und Blitz ziehen jedoch vorbei, als wir eine Stunde später auf der Terrasse des Ruukinranta-Restaurants sitzen. Unten am kleinen Hafen manövriert ein Skipper sein Boot an den Kai, während die Bedienung uns den Hauptgang serviert.

Natürlich frischen Fisch, ein Stück Elch aus der Gegend und – dazu wunderbar passend – die am Nachmittag gesammelten Pilze. Und nach dem fruchtigen Dessert warten noch Sauna und der Sprung in das erfrischende Wasser des Sees auf uns.

Am Ufer Savonlinnas thront eine wehrhafte Burg im See

Man kann kaum in das Seenland fahren, ohne eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten des Landes zu besuchen. Sie ist nicht gerade elegant, die Olavinlinna. Die dicken, wehrhaften Mauern der Burg recken sich auf einer Insel unmittelbar am Stadtrand von Savonlinna in den Himmel.

Zusätzlichen Schutz gab die Lage auf einem felsigen Eiland, das von einer starken Strömung umflossen wird und auch im Winter nie zufriert. So streitbar sich die Festung gibt, so charmant ist das Lächeln von Nora, die uns am Burgtor für eine Führung empfängt.

Zwischen dicken Mauern geht es auf Burg-Erkundung

Gebaut worden war die Festungsanlage von den Schweden im Jahr 1475, um die Grenze nach Russland zu schützen. Das gelang bis 1714, als die russischen Truppen erfolgreich die Burg einnahmen, weil den Verteidigern Lebensmittel und Munition ausgingen.

Wir folgen der Führerin über den ausflachen Steinen bestehenden Boden, besichtigen große Hallen und zwängen uns durch enge Gänge, steigen steile Treppen empor und blicken schließlich im Turm durch die Öffnung des Lokus hinunter auf den Saimaa-See.

Im Sommer wird die Festung zum Festivalgelände

Dass der Burghof von einem Plastikdach geschützt ist, hat einen ganz einfachen Grund: Hier finden in jedem Sommer die berühmten Opernfestspiele statt, die die in kostbare Roben gehüllten Stars der Szene sowie ein Publikum aus der ganzen Welt anlocken.

Das Festival ist bereits über die Bühne gegangen, der Sommer jedoch noch nicht, obwohl es bereits August ist und die Hauptsaison damit vorbei. Direkt am Hafen, wo die Ausflugsboote ablegen, ist Markt. Kaffeeduft steigt an einigen Ständen auf, der Duft nach Waffeln zieht über das Areal.

Es gibt Tomaten, Gurken und Äpfel. Und »selbstgepflückte Preiselbeeren und Pfifferlinge«, wie ein stattlicher Finne mit Tarnhose und Tarnkappe versichert.Den Waldläufersieht man ihm an.

Südlich von Savonlinna ist Geschichte hautnah zu erleben

Eine weitere Stunde südlich von Savonlinna würde es klares Wasser geben. Sehr klares Wasser, vielleicht sogar das klarste Wasser der Welt. So sagt man zumindest. Inmitten eines Mosaiks aus Seen und baumbestandenen Hügeln schimmern die strahlend weißen und rosafarbenen Holzwände des Punkaharju-Hotels durch das Grün.

Das charmante Domizil lag früher direkt an der einzigen Landverbindung zwischen den beiden Seen Puruvesi und Utrasselkä und wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts entsprechend gerne von den Reisenden zur Übernachtung genutzt.

Das Punkaharju-Hotel ist bei Aktivurlaubern sehr beliebt

»Aber auch von Künstlern und Literaten wie Johan Ludvig Runeberg, die hier nachder finnischen Identität suchten«, erzählt Tero Vänttinen, der unter anderem für das Aktivitätsprogramm des Hotels zuständig ist. Drei Zimmer habe es anfangs gegeben, während der ersten Touristensaison 1845 nächtigten hier 76 Gäste.

Die wunderschön auf einem Moränenrücken gelegene Unterkunft wurde jedoch zusehends beliebter ,es kamen viele Russen – bis die Kriege die Verbindung zum Nachbarnkappten.

Mit den Moutainbike geht es über historische Pfade

Warum das Hotel ein Touristenmagnet wurde, will uns Tero nun zeigen. Der Sportsmann, der gerade von einem Fußballturnier gekommen ist, schiebt ein paar Mountainbikes aus einem Schuppen. Wir hatten uns entschieden, diese nahe der russischen Grenze gelegene Ecke des Saimaa-Seengebiets im Sattel zu erkunden und nicht zu Fuß.

Bequem geht es auf einem der Moränenrücken über einen von unzähligen Steinen gesäumten Weg. Es ist genau dieser historische Weg, über den einst arme Bauern zogen, hohe Herren hoch zu Ross ritten und Händler in ihren Karren Waren zu den Märkten transportierten. 

Die Spätsommer-Natur geizt nicht mit ihren Reizen

Zu unserer Rechten glitzert ab und an die von einem See reflektierte Sonne zwischen den Kiefern hindurch. Ein erster Stopp vor einem Denkmal, das an den Besuch vonRuneberg erinnert, dann geht es noch ein paar Hundert Meter auf einer schmalen, wenig befahrenen Autostraße entlang.

Kurz darauf biegt Tero wieder auf einen kleinen Pfad ab, auf dem wir hinunter zum See rollen. Sanft plätschern Wellen an das von einigen Steinen und Sand gebildete Ufer. Darüber rascheln die Zweige von Kiefern und Birken im leichten Windhauch, der die spätsommerliche Wärme über das Land trägt.

Seerosen zieren das Gewässer, das so klar ist, dass man viele Meter bis zum sandigen Grund schauen kann. Es scheint, dass die Leute, die das reine Wasser des Puruvesi loben, recht haben!

Sehen und Erleben

Oravi
Paddeltouren (auch mehrtägig) in den Linnansaari-Nationalpark sowie Fahrten mit dem Motorboot in das Saimaa-Seensystem. Infos und Ausrüstung bei Saimaa Holidays

Savonlinna
Die Burg Olavinlinna ist ein Muss beim Besuch der Gegend. Hier finden auch in jedem Sommer die Opernfestspielestatt. Für 2017 stehen unter anderem die»Entführung aus dem Serail« sowie die Uraufführung »Burg im Wasser« von Aulis Sallinen an. www.operafestival.fi

Punkaharju
Die Gegend rund um das Hotel Punkaharju ist bestens geeignet zum Wandern, Radeln, Fischen, Baden und die Seelebaumeln-Lassen. Idealer Ausgangspunkt ist das Hotelli Punkaharju.

Allgemeine Infos

Allgemeine Informationen zu Savonlinna und dem Saimaa-Seengebiet bei der
Savonlinna Region Tourist-Information
Riihisaari – Natur- und Kulturzentrum
Saimaa, FIN-57130
Savonlinna
Tel. +358-444 17 44 66
info@visitsavonlinna.fi
www.visitsavonlinna.fi
www.visitsaimaa.fi

 

Anreise

Mit dem Flugzeug (z. B. Finnair oder KLM) nach Helsinki und von dort mit dem Mietwagen oder dem Flugzeug weiter nach Savonlinna.

Wer mit dem eigenen Auto unterwegs ist, kann die Finnlines-Fähre von Travemünde nach Helsinki nehmen und von dort in 6 Stunden ins Seengebiet rund um Savonlinna reisen.

Essen & Trinken

Ravintola Ruukinranta
Hier wird leckeres Essen mit Blick auf einen Wasserarm des Saimaa-Sees serviert.

Übernachten

Oravi
Ansprechpartner für Unterkunft und Aktivitäten: SaimaaHoliday Oravi
Kiramontie 27, FIN-58130 Oravi
Tel. +358-442 74 70 78
oravi@saimaaholiday.net
www.oravivillage.com

Punkaharju
Hotelli Punkaharju
Harjutie 596, FIN-58450 Punkaharju
Tel. + 358-15 51 13 11
welcome@hotellipunkaharju.fi
hotellipunkaharju.fi
(Wunderbar in der Natur gelegenes,ungemein stilvolles Hotel)