Nordsjørittet? – Da sind wir dabei!

Zwischen Wadenkrämpfen und Glücksgefühlen bei Norwegens zweitgößtem Radrennen

Landschaftlich reizvoll und abwechslungsreich und offen für Jedermann, das ist der Nordsjørittet. Das Fahrradrennen zwischen den beiden Städten Egersund und Sandnes lockt jedes Jahr immer wieder viele Tausend Radsportbegeisterte in die Region Rogaland. Das Nordis-Magazin war mit dabei und hat Jörn Backhaus und Terje Rygh  ins Rennen geschickt.

Text: Jörn Backhaus; Bilder: Uwe Heruth

 

 

Der Wagen ist gepackt, die Räder sind verstaut und die Vorräte sind eingekauft. Es zeigt sich wieder einmal, dass „Mann“ nicht hungrig einkaufen gehen sollte. Die vier Äpfel wirken doch etwas verloren zwischen dem ganzen Wurst- und Süßkram. Die Fahrt endet gegen 23 Uhr auf dem Parkplatz der Globetrotter Lodge in Ascheffel bei Eckernförde. Das Dach des Wagens ist schnell hochgeklappt und das Nachtlager eingerichtet.  

Nach einer schnellen Katzenwäsche und einer Stippvisite in Eckernförde (Frühstück und Obstnachkauf) geht es am nächsten Morgen über dänische Autobahnen weiter Richtung Norden. Next Stop: Skiveren Camping, Lage: direkt am Meer zwischen Hirtshals und Skagen. Kaum angekommen, führt uns der erste Weg mit dem Auto direkt an den Strand, noch ist es recht windig, aber es lockert bereits auf und viel Sonne und blauer Himmel sind in Sicht. Morten und Bruno empfangen uns danach auf dem Campingplatz.

Die dänische Dünenlandschaft erinnert an eine Filmkulisse

Es gibt Kaffee und leckeren, dänischen Zimtkuchen, sogar für einen Sprung in den nichtbeheizten Pool bleibt noch Zeit. Bevor es dann Richtung Hirtshals zum Fähranleger von Fjord Line geht, machen wir noch einen Abstecher zur Råbjerg Mile, eine der größten Wanderdünen Europas. Strahlender Sonnenschein, knallblauer Himmel und ganz viel Sand lassen einen vergessen, dass man sich in Nordeuropa befindet. Hinter jeder Düne erwartet man auf R2D2 und C3PO zu treffen, die gefüttert mit wichtigen Informationen auf der Flucht vor dem Imperium sind.  

Gestärkt am üppigen Frühstücksbuffet von Fjord Line fahren wir an unserem dritten Reisetag bereits um 6.30 Uhr von der Fähre. Da das Wetter besser ist als angekündigt, werden mit dem Solastrand und den drei Schwertern im Felsen direkt die ersten Highlights in Stavanger angesteuert. Später parken wir den Wagen bei Freunden und erkunden die Stadt mit dem Fahrrad, auch ein weiterer guter Anlass, die neuen Räder einzufahren. Jeder, der schon mal länger in Stavanger gewesen ist, weiß, dass die Stadt viel mehr zu bieten als die hölzerne Altstadt und das Ölmuseum.

In Stavanger trifft Industriegeschichte auf moderne Street Art

Der östliche Stadtteil, ehemals Schwerpunkt von maritimen Gewerken und Industrie, entwickelt sich immer mehr zum Hotspot für Kultur, moderne Architektur, Kunst und junge Startups. Davon zeugt nicht nur die „Tou Scene“ mit verschiedenen Bühnen, Café und einem schönen Außengelände in unmittelbarer Lage am Fjord. Bis vor einigen Jahren wurde hier in der Tou-Bryggeriet noch Bier gebraut.

Vielerorts trifft man auf große Bilder oder Graffitis, die ehemalige Industriebauten verschönern oder neue Perspektiven aufzeigen. Sie sind Überbleibsel des sogenannten Nuart-Festivals, einem Festival für Straßenkust, das jedes Jahr Anfang September stattfindet. Für uns geht es gegen Abend weiter Richtung Egersund, wo wir auf einem Verkehrsübungsplatz in Slettebø das Nachtlager aufgeschlagen.

 


Am Startpunkt des Radrennens gibt es kein Zurück mehr

Viele, die gerne und häufig Rad fahren, kennen das. Man würde gerne mal ein Rennen mitfahren, weiß aber nicht, ob man das schafft oder man hat schlicht und einfach zu großen Respekt vor der Aufgabe. Man könnte ja, wenn man wollte, aber jetzt passt es gerade nicht… Die Liste der möglichen Hinderungsgründe ist lang, ich habe das Thema Radrennen auch mehrere Jahre vor mir hergeschoben. Nun aber gibt es kein Zurück mehr.

Nachdem wir Teamkollege Terje in Egersund vom Bahnhof abgeholt haben und Räder und Fahrer startklar sind, werden mir erstmalig die Dimensionen des Nordsjørittet bewusst. Bis dato bin ich davon ausgegangen, dass es sich um ein gemütliches Jedermann-Rennen in überschaubaren Gruppengrößen handelt. Falsch gedacht, Norwegens zweitgrößtes Radrennen ist eine professionelle Großveranstaltung mit über 6.000 teilnehmenden Radlern.

Man sieht bereits in den frühen Morgenstunden viele professionelle Teams, die die Zeit bis zum Start der ersten Gruppe für gezieltes Aufwärmen nutzen. Ob man hier richtig ist? Nachdem die ersten Startgruppen mit einem Mordstempo an einem vorbeigeflogen sind, stellt sich mir wirklich die Frage: „Worauf habe ich mich hier eingelassen…?“ Doch der Start meiner Gruppe rückt immer näher, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bleibt.  

Los geht´s mit großem Ehrgeiz

Dann fällt der Startschuss und es geht los, zum ersten Mal radle ich in einer so großen Gruppe. Terje und ich sortieren uns im hinteren Drittel ein, das Tempo können wir gut mitgehen. Bereits nach der ersten Kurve entzerrt sich das Feld und spätestens bei der ersten knackigen Steigung zeigt sich, dass andere auch nur mit Wasser kochen. Die nächsten 20-25 Kilometer sind ein ständiges Hoch und Runter durch die felsige Landschaft des Magma Geoparks.

Hier und da zwickt es schon in den Beinen, auch der innere Schweinehund zeigt sich ab und zu auf meinem Lenker und schüttelt ungläubig den Kopf. Aber aufgeben gilt nicht. Nachdem mir unterwegs zweimal die Kette abgesprungen ist, erreiche ich die erste Versorgungsstation beim Ogna Campingplatz. Uwe erwartet uns dort bereits mit unserem Servicewagen und schießt fleißig Fotos. Die Trinkflasche wird aufgefüllt, ein Rosinboller gegessen und Traubenzucker eingeworfen.

Matsch und Steine machen das Radfahren unmöglich

Uwe bricht auf zum nächsten Treffpunkt bei Hå Gamle Prestegård und Terje und ich radeln noch gemeinsam weiter. Es folgt ein schöner, ebener Abschnitt mit teilweise atemberaubender Aussicht auf die Nordsee. Trotz der Anstrengung schaffe ich es, die Landschaft zu genießen und den Anfeuerungsgruppen (Heiagjeng) zurück zu winken. Hinter Brusand kommt allerdings ein Abschnitt, der es in sich hat. Es geht stetig, wenn auch nur leicht, bergauf.

Ein längerer Wiesenabschnitt will bewältigt werden, aufgrund des Regens der letzten Tage jedoch nur im Gänsemarsch. Die Räder müssen geschoben werden, knöcheltiefer Matsch und einige, größere Steine machen das Radfahren unmöglich. Wer meint, das Schlimmste hinter sich zu haben, wird dann im Wald eines besseren belehrt… Eine kilometerlange schmale Matsch- und Buckelpiste mit einem ständigen Auf und Ab zehren sowohl an Körper als auch am Geist.

Die einen sagen dem inneren Schweinehund den Kampf an

Im unwegsamen Gelände geht eine Menge Zeit verloren, hinzukommen erste Krämpfe in den Beinen. Mein innerer Schweinehund grinst mich unverhohlen an und wettet auf eine baldige Beendigung des Rennens. Nicht so voreilig, alter Geselle. Kaum aus dem Wald raus, wird man mit einer langen Asphaltabfahrt belohnt. Hier erreichen einige Ihre Höchstgeschwindigkeit und strampeln sich den Wiesen- und Waldfrust aus Körper und Seele, ich inbegriffen.

Terje ist mir mittlerweile voraus. Er will für Nordis eine gute Zeit herausfahren, mich hat er da eher weniger auf dem Zettel. Nach 54 Kilometern erreiche ich geschafft aber zufrieden die nächste Versorgungsstation bei Hå Gamle Prestegård. Uwe empfängt mich knipsend und motiviert mich durchzuhalten. Die Beine streiken zwar ab und zu, nach einer kurzen Stärkung geht es dennoch weiter. Was folgt ist der klassische Kampf gegen sich selbst bzw. den inneren Schweinehund.

Die anderen grillen ein Spanferkel am Wegesrand

Terjes Tipp, bei Krämpfen einfach weiter zu fahren, jedoch mit einem niedrigeren Gang und einer höheren Trittfrequenz, hilft. Ich bin überrascht, wie schnell sich ein Krampf aus den Beinen radeln lässt und wie viel ungeahnte Kraft man mobilisieren kann, wenn es darauf ankommt. Zur Belohnung sind die nächsten Kilometer wieder leichter zu meistern.

Die Strecke führt stellenweise wieder direkt am Meer entlang und die Landschaft von Nord-Jæren geizt nicht mit ihren Reizen. Auch die Anfeuerungsgruppen unterwegs verfehlen nicht ihr Ziel: Sie haben Spaß und geben den Teilnehmern mit ihrer fröhlichen Stimmung neue Motivation. Einmal dreht sich sogar ein komplettes Spanferkel über einem Grill, bei dessen Anblick mir das Wasser Munde zusammenläuft.

Die größte Herausforderung wartet noch

Die letzte krasse Steigung haben sich die Planer des Nordsjørittes für Kilometer 68 ausgesucht, dafür darf der Pulk auch einen Umweg fahren. Die Rede ist vom Tubakken, der auf dem Gebiet der Stadt Bryne liegt. Ich hatte von vornerein geplant, hier abzusteigen und das Rad den Hügel hinaufzuschieben. Ich wollte einfach nur die Stimmung entlang dieses nur knapp 500 Meter langen Abschnittes genießen. Also, fix vom Rad absteigen und losgehen.

In diesem Moment geben mir die Beine und der Schweinehund ein deutliches Signal: Vergiss es! Diesen Hügel kommst du auch zu Fuß nicht hoch! So sehr zieht und zwickt es in den Beinen. Doch ich gebe nicht auf, die Stimmung von mehreren hundert Zuschauern auf beiden Seiten des Weges, die Band, die oben auf der Bühne steht, schieben einen förmlich den Tubakken hinauf. Von allen Seiten werden den Teilnehmern Süßigkeiten und Getränke gereicht, man hört lautstarke Anfeuerungsrufe.

Und plötzlich ist man oben, was für ein Gefühl!

Der Schweinehund hat sich beleidigt verabschiedet und lässt sich erst hinter der Ziellinie schmollend blicken. Die letzten etwa 20 Kilometer machen richtig Spaß. Es geht vorbei am Frøylandvatnet in Klepp und Stokkalandvatnet bei Ganddal, immer mal wieder leicht bergauf und bergab, aber das macht mir gar nichts mehr aus. Geschoben wird nicht mehr, stattdessen in die Pedale getreten.

Die Kraftreserven sind so groß, dass ich tatsächlich einige Radler überhole und einiges an Zeit an wettmachen kann. Eine allerletzte Steigung in Sandnes, eine rasante Abfahrt hinunter ins Zentrum und eine Kurve noch, dann liegt es vor mir: das Ziel!   Schnell durchgefahren, dann bekommt man auch schon die Medaille umgehängt.

Das war es, ich habe den Nordsjørittet erfolgreich absolviert!

Uwe und Terje, der knapp 27 Minuten vor mir im Ziel war, erwarten mich bereits und gratulieren mir. Das berauschende Glücksgefühl, das Rennen gemeistert zu haben, will sich jedoch nur langsam einstellen. Dennoch steht fest: Es hat sich gelohnt an der Veranstaltung teilzunehmen, sich durchzukämpfen und nicht aufzugeben.

Und: Es war es definitiv nicht die letzte Teilnahme am Nordsjørittet.

 


 

Zur Entspannung folgt eine Bergwanderung

Am nächsten Morgen dann die Überraschung: die Beine zwicken zwar, aber der große Muskelkater ist ausgeblieben. Ist man doch für größere sportliche Aufgaben bestimmt? Voller Tatendrang schlage ich einen Wanderausflug vor, immerhin ist Uwe zum allerersten Mal in Norwegen. Es geht Richtung Lysefjord, den Prekestolen lassen wir bewusst links liegen. Da dürfen andere Hundertschaften hochwandern…

Unsere Wahl fällt auf den Selvikstakken, ebenfalls knapp 600 Meter hoch mit einem atemberaubenden Blick über die Region und die Fjorde, auch auf den Lysefjord. Die ca. 6-stündige Wanderung (ca. 11 Kilometer) ist recht anstrengend und verläuft mal über Stock und Stein, bergauf und bergab. Anders als beim Prekestolen hat man hier die Natur aber fast für sich alleine und kann die Aussicht und Stille genießen.

Am Rückfahrttag grüßt der Muskelkater deluxe 

Am Montag stellt sich dann das ein, was ich bereits für Sonntag erwartet hatte: ein starker Muskelkater in den Beinen, kein Wunder nach diesem Wochenende. Das Wetter ist bewölkt unr regnerisch, so dass wir ein wenig mit dem Auto durch die Gegend fahren, u.a. zum Leuchtturm „Tungenes Fyr“. Gegen Nachmittag klart es jedoch etwas auf, so dass wir noch den ein oder anderen Schnappschuss vor malerischer Fjordkulisse schießen können. 

Gegen Abend fahren wir dann mit dem Camper hinein in den Bauch der MS Bergensfjord von Fjord Line, beziehen die Kabine und lassen es uns am Schlemmerbuffet mehr als gut gehen.
Das haben wir uns verdient.