Morde in Ystad

Unterwegs in Kurt Wallanders Heimatstadt

Im Herbst 2015 ist der schwedische Romanschriftsteller Henning Mankell im Alter von 67 Jahren gestorben. Mit seinen Krimis hat er Kommissar Wallander und mit ihm Ystad berühmt gemacht. Die südschwedische Stadt hat sich ihren Ruhm als „Hauptstadt des Verbrechens“ schon lange zu Nutze gemacht und bietet den Besuchern Touren auf den Spuren des Kommissars an.  

Bild & Text: Rasso Knoller

Im verschlafenen 18.000 Einwohner-Städtchen Ystad sind so viele Mörder unterwegs wie nirgendwo sonst in Schweden. Junge Frauen werden in den Dünen erdrosselt und alte Männer von Holzstangen durchbohrt. In den Büchern von Henning Mankell kämpft Kommissar Wallander einen schweren Kampf gegen das Verbrechen. Zwar bringt er Mörder und Vergewaltiger gleich reihenweise zur Strecke. Doch endgültig besiegen kann er das Böse nicht.

Viele Wallander-Fans begnügen sich schon lange nicht mit der Lektüre der Bücher. Sie pilgern an den Ort des mörderischen Geschehens und bescheren Ystad damit ständig steigende Besucherzahlen. Die Tourismusbranche hat sich darauf eingestellt und bewirbt Ystad als „Wallandertown“. Die größte Sehenswürdigkeit des Ortes ist das Wallander-Filmstudio, eine ehemalige Kaserne am Stadtrand.

Die Führung durch die Studios beginnt an einem ausgebrannten Wohnwagen. In dem mussten in „Tod in den Sternen“ gleich mehrere  Menschen ihr Leben lassen. Daneben steht ein zerschundenes Autowrack. Auch an dessen zerfledderten Sitzen klebt Filmblut. Das Highlight der Führung  ist aber weniger schaurig. Es ist ein einfacher Schreibtisch, hinter dem normalerweise Kommissar Wallander Platz nimmt. Hier stockt die Führung ein wenig, denn jeder Besucher  will sich genau hier fotografieren lassen.  

Die Gerichtsmedizin befindet sich neben dem Wohnzimmer      

In der riesigen Halle, in der einst Luftabwehrgeschütze und andere Waffen lagerten, ist aber nicht nur für Wallanders Büro Platz. Auch die Gerichtsmedizin und der große Konferenzsaal der Polizei sind hier untergebracht. Und Wallanders Wohnung auch. Die liegt nur zehn Meter neben dem Büro und ist der zweite Höhepunkt der Führung – leicht zerschlissene, aber gediegene Möbel, ein Fernsehapparat, ausgebleichte Gardinen vor den Fenstern und an der Wand ein großes Bücherregal.

Die Dame, die durchs Studio führt, erklärt und erklärt, doch dann beginnt ein junges Mädchen, das an der Tour teilnimmt, zu murren. Wie jeder echte Fan kennt sie alle Details aus den Büchern und hat in der Studiodekoration einen Fehler ausgemacht. „Im Buch wohnt Wallander in keinem Eckhaus“, bemerkt sie und moniert die beiden über Eck liegenden Fenster. Das muss auch die Führerin einräumen. Sie gibt zu, dass die Buchvorlage nicht in jedem Fall eins zu eins umgesetzt wurde.

Für die Filmaufnahmen musste Wallander sogar umziehen

Im Roman wohnt er im Erdgeschoss in der Mariagata 10, für den Film musste er auf die andere Straßenseite ins Haus 13c wechseln. Seine „Buchwohnung“ liegt nämlich in einem Neubau und das gefiel dem Regisseur nicht.  Geführte Stadtspaziergänge auf der Spur der Mörder gehören zum touristischen Standardprogramm in Ystad. Da kommt man dann auch in der Liregata vorbei, einer kleinen Straße mit bunten Fachwerkhäusern, wie es sie überall in Schweden gibt. Und doch lauert das Verbrechen.

Hier wohnte Yvonne Ander, die sadistische Serienmörderin aus „Die fünfte Frau“. Auch in der Sjömansgata ist keiner sicher. Die Straße liegt in einer feinen Gegend, mit Häusern aus dem 19. Jahrhundert. Der richtige Ort, um eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Gustaf und Sten Torstensson taten genau das – und beide überlebten den „Mann, der lächelte“ nicht.

Nahezu jede Straße dieser friedlichen Stadt hat ihren Mord gesehen

Auch die Polizei hatte schon Opfer zu beklagen: In der Lilla Norregata wurde Wallanders sympathischer Kollege Svedberg mit zwei Schüssen niedergestreckt. Dorthin führt auch die Tour der Freiwilligen Feuerwehr, die ebenfalls in Sachen Wallander unterwegs ist. Sie bessert ihr Budget auf, indem sie Krimifans in einem blutroten alten Feuerwehrauto zu den Mordschauplätzen karrt. Selbst das Fremdenverkehrsamt am St. Knuts torg ist zur Hälfte Souvenirshop in Sachen Wallander. Hier bekommt der Fan Broschüren, die ihn auf den rechten Weg  - will heißen, die Spuren des Kommissars -  bringen.


Für alle, die gerne das Smartphone als Navigationshilfe zu Rate ziehen, gibt es seit einigen Jahren sogar eine eigene Wallander-App, die einen auf den Spuren des Kommissars durch Ystad lotst und an den entsprechenden Schauplätzen Hintergrundinformationen  zu den Verbrechen und Ermittlungen bereithält. Die App "In the footsteps of Wallander" ist in englischer Sprache für Apple und Android-Geräte erhältlich.