Zwischen Hütten und Herrenhäusern

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Streifzug durch das Sörmland
In schöner Natur auf dem Lande wollten sie leben, die Damen und Herren während der schwedischen Großmachtszeit. Gleichzeitig war jedoch die Nähe zum Hofe in Stockholm gewünscht. Von dieser einzigartigen Konstellation profitiert man in Sörmland bis heute.

Ein kurzer Schlag mit dem Beil, dann schäumt die klare, perlende Flüssigkeit aus dem Hals heraus und wird in einem eleganten Sektglas aufgefangen. Es ist eine höchst eigenwillige Art und Weise, wie in Strängnäs Sektflaschen »geköpft« werden. Jürgen lacht, lässt das edle Getränk in die Gläser schäumen, während die Frühjahrssonne auf den Wasserarm des Mälaren scheint, neben dem sich das Stadtviertel um die gerade mal einen Steinwurf entfernte Dorfkirche gruppiert. Mit dem Bau des Gotteshauses wurde um 1260 begonnen, 70 Jahre später war der Hauptteil der Kirche fertig. „E wurde jedoch immer weiter gebaut«, sagt Domführerin Kristine. 1723 war dann der Turm in der heutigen Form fertig. »Die Domkirche von Strängnäs gilt heute als eines der Gebäude in Schweden, das den mittelalterlichen Charakter am besten bewahrt hat«, ergänzt sie. Jürgen profitiert zumindest indirekt von der alten Bausubstanz, die in großen Teilen von Strängnäs erhalten geblieben ist und der Stadt ihr pittoreskes Aussehen verleiht. Denn der Weinexperte nennt einen uralten Keller sein Eigen, in dem sich schon Geschichte und Geschichten abgespielt haben, lagert darin seine kostbaren Tropfen. Und vielleicht steht die mit dem Beil geöffnete Sektflasche wie ein Symbol für Sörmland, für eine Region zwischen Hütte und Herrenhaus. Dabei ist der Drang der gut betuchten und mächtigen Stockholmer hinaus in die wunderbare Landschaft an Meeresküste und Mälaren schon Jahrhunderte alt. Auch Gustav Vasa erkannte den Reiz des Wasserreiches im Hinterland Stockholms. Um 1540 ließ er Schloss Gripsholm auf die Mauern der Vorgängerburg von Bo Jonsson Grip setzen. Der war im 14. Jahrhundert nicht nur Reichsrat, sondern in seiner Zeit auch der größte Großgrundbesitzer in Schweden und Finnland. Immer wieder wurde das Gemäuer umgestaltet, kamen neue Räume hinzu. So auch das prachtvolle Theater, das 1782 eingeweiht wurde und dessen Bühnentechnik bis heute funktioniert. Einer der großen Schätze des Schlosses ist die Porträtsammlung mit rund 4.500 Werken von 1400 bis in die Neuzeit. Nicht nur das Schloss, auch der Ort Mariefred mit seinen hübschen Häuschen lohnt einen Besuch. Und dann hat ja auf dem örtlichen Friedhof noch Kurt Tucholsky unter einem alten, mächtigen Baum seine letzte Ruhe gefunden.

Wesentlich bodenständiger als hinter den Schlossmauern gibt man sich in den Hornudden-Gärten. Mats und Karin betreiben dort eine Gärtnerei, bauen vor allem Früchte und Gemüse an. »Alles in Bio-Qualität, wir sind ein zertifizierter Betrieb«, erzählt Mats. Die Waren liefern sie an Gaststätten in der Umgebung, verkaufen sie in einem Hofladen und servieren sie – zu leckeren Speisen verarbeitet – den eigenen Gästen. Die löffeln dann mit Seeblick Brennnesselsuppen, gabeln schmackhaftes Kartoffelpüree nach Art des Hauses und frischen Fisch. Nachmittags gibt es selbst gebackenen Kuchen auf der Terrasse. Und wer sich eine kulinarische Erinnerung mitnehmen will, kann noch im Hofladen einkaufen. Dass nach dem Gaumenschmaus noch ein Augenschmaus in Form eines kurzen Gewitters mit anschließendem Regenbogen (siehe Lichtblick in diesem Heft) geboten wird, rundet das Erlebnis an diesem prächtigen Ort am Mälarenstrand nördlich von Strängnäs ab – der nicht mit protzigen Mauern, sondern mit viel Atmosphäre zu begeistern weiß. Das gilt auch für die Rademacherschmieden in Eskilstuna. Mitten im Städtchen befindet sich ein Kleinod schwedischer Industriegeschichte. Karl X. Gustav lockte Mitte des 17. Jahrhunderts Reinhold Rademacher in sein Reich, damit der Eisenmanufaktur-Besitzer aus dem Baltikum der örtlichen Metallverarbeitung ein wenig auf die Sprünge helfen sollte. Aus den geplanten 120 Schmieden wurde nichts – streicht man die Hundert in dieser Zahl, trifft man die Realität schon eher. Heute wird in den Schmieden nur noch für die Besucher angefeuert und gehämmert. Das jedoch umso beeindruckender. Bei einer Führung durch die Hütten wird zudem die Wunderkette von »Schreihals Sundin« vorgeführt. Der 1845 geborene Schmid soll gleichermaßen trink- und streitsüchtig wie genial gewesen sein – und hat der Welt eine Kette hinterlassen, die mit ihrem fallenden Kettenglied jeden Betrachter verblüfft und deren Prinzip man auch im stocknüchternen Zustand erst auf den zweiten Blick versteht. Beschreiben unmöglich. In einem Hain an einem glucksenden Bachlauf nur ein paar Kilometer nordöstlich von Eskilstuna trifft man nahe von Schloss Sundbyholm auf ein bedeutendes Stück der schwedischen Geschichte. Man könnte jedoch auch sagen, man tritt die Vorzeit mit Füßen. Denn auf einem fünf Meter großen Felsen wird vom Königssohn Sigurd erzählt, mit ungeheurem Reichtum an Details geritzt in einen gewaltigen Stein. Es geht um Mord und Totschlag, um Drachen und Diebstahl – um einzelne Episoden aus der Sigurdssaga. Wesentlich neueren Datums ist eine andere Geschichte, die in Malmköping spielt – oder besser: rollt. Dort haben Eisenbahnfreunde 40 alte Straßenbahnwagen restauriert, die einstmals in zwölf Städten im ganzen Land unterwegs waren. »Unser ältestes Fahrzeug ist von 1903 und das jüngste aus den 1950er-Jahren«, sagt Ingvar vom Museumseisenbahnverein und setzt sich in den Führerstand. Ein Bimmeln, eine halbe Umdrehung am Fahrthebel und eines der alten Gefährte setzt sich in Bewegung, rumpelt über eine Weiche und schleicht gemächlich an einigen Feldern vorbei in Richtung Malmköping. 75 Öre kostete die Fahrt, wie auf einem Schild am Zustieg zu lesen ist. Rund zweieinhalb Kilometer misst die Strecke – und ist damit lang genug, um Gedanken an die gute alte Zeit aufkommen zu lassen, in der alles etwas gemächlicher vonstatten ging, dafür aber der Hintern nach ein paar Minuten auf harten Holzsitzen weh tat.

Die Herrschaften, die früher im 25 Kilometer nordöstlich von Nyköping entfernten Schloss Öster Malma lebten, saßen in ihren Sesseln sicherlich weicher. Heute befindet sich neben den historischen Mauern der beeindruckenden Anlage der Wildpark des schwedischen Jägerverbandes, der hier auch seinen Sitz hat. Wer bis dahin noch keinen Elch gesehen hat, kann dies im Park nachholen. Denn die imposanten Tiere stolzieren genauso durch ihre Gehege wie etliche andere Tiere, denen man in der schwedischen Natur mit Glück begegnen kann. 25 Hektar umfasst die Anlage, was soviel ist wie 25 Fußballfelder. Dem Jägerverband geht es jedoch nicht nur um die Begegnung mit Elch & Co, sondern auch darum, Wissen über die Wildhege zu vermitteln. Und das gelingt an einem eigens dafür eingerichteten Pfad, der außerdem Zugang zur Vogelwelt erlaubt – beispielsweise zu Rebhühnern, die man kaum in der freien Wildbahn sehen wird. Wer bisher noch nie Elchfleisch oder Elchwurst probiert hat, kann diese Delikatesse im Hofladen erstehen oder sich im Restaurant des Wildparks servieren lassen. Denn natürlich geht es bei einer Anlage, die dem Jägerverband gehört, auch um Jagd und Jagdgeschichte. 1830, so erfährt man hier, waren die Tierbestände am Boden. Im ganzen Land wurden 1.000 Stück Schalenwild erlegt, Elch, Reh und Hirsch galten als so gut wie ausgestorben. »Heute werden jährlich mehr als 100.000 dieser Tiere geschossen«, heißt es beim Jägerverband. Der Mensch übernehme dadurch die Rolle der Raubtiere, die in einem natürlichen Ökosystem die Bestände in Grenzen halten würden.

Herrschaftlich ist die Vergangenheit von Nyköping, einer der ältesten Städte des Landes. Vor rund 800 Jahren richtete man sich in der hübsch an einem Fluss gelegenen Stadt darauf ein, Nebenhauptstadt des Landes zu sein, baute mit dem Nyköpingshus eine der stärksten Burgen des Landes, die eine wichtige Rolle im Machtkampf zwischen König Birger Magnusson und seinen Brüdern Erik und Valdemar spielte. Flaniert man heute am Fluss Nyköpingsån entlang, ist von Krieg und Zerstörung nichts zu spüren. Friedlich ist die Atmosphäre an diesem Frühlingstag, an dem die Blumen sich zum Licht recken und die Knospen an den Bäumen vor lauter Energie zu Platzen scheinen. Unten am Hafen, an dem sich in der warmen Jahreszeit die Sommerfrischler treffen, macht die Eisdiele die vermutlich ersten guten Geschäfte dieses Jahres. Eine Reise durch Sörmland wäre nicht komplett, würde man nicht auch hinaus in die Schären tuckern. Von Oxelösund und anderen Orten in der Umgebung legen kleine Ausflugsboote von den Stegen ab – Kurs offenes Meer, das an diesem Küstenstreifen gar nicht so offen ist. Vielmehr scheint es so, als ob Wasser und Land hier um die Vorherrschaft ringen, sich aber nicht einigen können. Und so schwappen die Ostseewellen an unzählige kleiner und großer Inseln, kriechen die Fluten in engen Sunden bis zu den Feldern und Dörfern. Geschickt schlüpft Kapitän Magnus mit der »Storsand« durch die Engstellen zwischen den Eilanden. »Man muss aufpassen«, sagt der Skipper. Unzählige Felsen würden unter Wasser lauern und hätten schon zahlreiche Boote auf den Grund geholt. Stangen markieren die Gefahrenstellen und Seekarten helfen bei der Planung der Route. Im Windschatten auf Deck saugen unterdessen die Passagiere die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne in sich hinein, schauen auf in der Ferne kreuzende Segelboote oder blicken gedankenverloren in die Wellen, die vom Bug des Schiffes in den Schärengarten geschickt werden. Spätestens beim Andotzen am Bootssteg von Trosa wachen sie jedoch auf. Die Augen weiten sich beim Blick auf dieses pittoreske Städtchen. Warum das Städtchen einst als das »Ende der Welt« galt, erschließt sich dem Besucher heute nicht mehr. Lag es daran, dass es nur eine Zufahrtsstraße nach Trosa gab? Im Sommer zumindest steht Trosa im Rampenlicht, tummeln sich Stockholmer und Touristen in dem Ort, der von einem kleinen Flüsschen in zwei Hälften geteilt wird, das einen großen Teil des Idylle-Gefühls für sich verbuchen kann. Wer das Glück – und das Geld – hat, ein Häuschen direkt am Wasser zu besitzen, kann mit dem Boot zu seinem Domizil schippern, dann gemütlich von der Veranda des strahlend-weißen oder dezent-gelben Holzhäuschens auf die Gassen des Städtchens blicken und eine Flasche Sekt öffnen. Das kann man mit dem Beil machen, aber auch von Hand. Die richtige Technik vorausgesetzt wird der Korken dann vom Flüsschen in Richtung Meer getragen werden.

Info

Sörmlands turism
Västra Kvarngatan 62
S-611 32 Nyköping
Tel. +46-155-22 27 70
www.sormlandsturism.se

Sehenswert

- Schloss Gripsholm und Mariefred
- Rademacherschmieden in Eskilstuna
- Strängnäs
- Nyköping
- Wildpark Öster Malma
- Trosa
- Bootsfahrt in den Schären (www.trosarederi.se)
- Straßenbahnfahrt in Malmköping (www.sparvagssallskapet.se)
- Spiel und Spaß für Kinder:
  Palstorps Hage bei Nyköping
  (www.palstorpshage.se) mit Klettern, Rutschen

Übernachtung

Strand Golf
Strands Gård
S-635 05 Eskilstuna
Tel. +46-16-39 51 60
info@strandgolf.se
www.strandgolf.se
Tolles Anwesen mit See und Golfplatz

Hotel Gripsholmsviken
S-647 81 Mariefred
Tel. +46-8-55 77 09 00
info@gripsholmsviken.se
www.gripsholmsviken.se
Schön am See gelegenes Hotel
in Fußweite von Schloss Gripsholm.

Låsta Bed & Breakfast
Tel. +46-705-59 22 60
info@lastad.se
www.lastad.se
Urlaub auf dem Bauernhauf
mit ländlichem Flair in umgebauter Scheune
ein paar Kilometer südöstlich von Eskilstuna.

Lasätter gård
S-611 95 Nyköping
Tel. +46-155-530 33
info@lasatter.se
www.lasatter.se
Reiterhof mit stillvollen Übernachtungsmöglich-
keiten und Holunderspezialitäten.

Wildpark Öster Malma
S-611 91 Nyköping
Tel. +46-155-24 62 28
www.jagareforbundet.se
Im Restaurant werden Wildspezialitäten serviert
und im Hofladen verkauft. Außerdem kann man
in verschiedenen Kategorien zwischen Hotel
und Jugendherberge übernachten.

Essen & Trinken

Hornuddens Traädgård
Aspö Hornudden
S-645 93 Strängnäs
Tel. +46-152-326 18
kontakt@hornudden.net
www.hornudden.net
Hier speist man mit Bio-Qualität und Seeblick.

Schloss Hedenlunda
S-642 94 Flen
Tel. +46-157-754 00
www.hedenlundaslott.se
Lecker Essen im Ambiente eines alten Schlosses.