Wilde Schönheit - Nordfjord im Herbst

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Mehr als 100 Kilometer zieht sich der Nordfjord von den Wogen des Atlantiks bis hin zu den Gletscherarmen des Jostedalsbreen. Allein eine solche Landschaftsbeschreibung verheißt grandiose Naturerlebnisse. Wenn dann noch ein Stück spannender Geschichte dazukommt, sind abwechslungsreiche Tage garantiert.

Er ist der uneingeschränkte Herrscher im Gebiet zwischen dem Sognefjord und dem Nordfjord. Wie ein Krake legt er seine eiskalten Fangarme in die Täler. Doch der Jostedalsbreen ist ein wenig schüchtern an diesem Tag. Seinen gewaltigen Körper – immerhin knapp 500 Quadratkilometer – verbirgt er hinter Regenwolken. Trotzdem: Wer wachen Auges durch die Landschaft läuft, der erkennt die Macht des Jostedalsbreen, des größten Gletschers auf dem europäischen Festland. Wir wollen dem eiskalten Gesellen an diesem Tag einmal auf die Finger – oder, wie die Geologen sagen, auf die Zunge schauen. Unsere Aktivreise beginnt jedoch ganz gemächlich. Zum Briksdalsbreen lassen wir uns mit Motorkraft karren. »Über mehr als einhundert Jahre wurden die Touristen mit Pferdewagen die drei Kilometer nach oben zur Gletscherzunge gebracht«, erzählt der Fahrer des »Troll bil«. Seit 2004 nutze man aber die Pferdestärken des Motors, um von der »Briksdalsbreen Fjellstove« hinaufzukommen an den Gletscher. Naja, das stimmt nicht ganz. Denn das Klima der vergangenen Jahrhunderte hat den Jostedalsbreen schmelzen lassen wie Butter in der Sonne. Und das geht natürlich auch auf Kos-ten seiner Seitenarme, die sich Jahr für Jahr zurückziehen. So laufen wir jetzt noch ein paar Hundert Meter entlang eines rauschenden Gebirgsbaches, der grün gefärbt ist vom Gletscherwasser. Stehen dann vor einem gleichfalls grünlichen See, hinter dem die Briksdalsbreen bläulich schimmert.

Gletscher auf dem Rückzug

Wir laufen am sandigen Seeufer entlang, erklimmen eine der Moränen, die der Gletscher bei einem vermutlich schon viele Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte zurückliegenden Vorstoß aufgehäuft hat. Mittlerweile hat der leichte Regen aufgehört, die Wolken lichten sich ein wenig, geben den Blick frei auf den unteren Teil der Eiskappe des Jostedalsbreen. »Der Gletscher ist in den vergangenen Jahren stark geschmolzen«, sagt Olav, der als Einheimischer die Gegend wie seine Westentasche kennt. Die Gletscherzunge hat sich in zwei Stücke geteilt. Vermutlich wird die untere Hälfte, die sich bis hinunter zum Gletschersee zieht, bald komplett in Wasser verwandelt worden sein. Auf alten Fotos – so etwa einer Aufnahme aus dem Jahr 1872 – ist eine viele Meter dicke Eismasse genau dort zu sehen, wo heute der Gletschersee ist. Noch 1993 lag das Eis in breiter Front am Seeufer. 2010 gab es noch eine komplette, allerdings schmal gewordene Zunge, die am Seeufer endete. »Das Eis hat sich in den vergangenen Jahren um mehrere Hundert Meter zurückgezogen«, erläutert Olav. Dem Andrang am Briksdalsbreen tut das jedoch keinen Abbruch. 2012 verzeichnete man einen Rekordbesuch. Und wer einmal am Ufer des Sees stand und auf Wasser und Gletscher blickte, der weiß, warum.Zurück geht es nun zu Fuß, wir sind schließlich zum Wandern am Nordfjord. Und erst, wenn man sich so langsam bewegt, erkennt man die ganze, wilde Schönheit dieses Tals. Enge Kehren überwinden eine Steilstufe, die das Eis einst geschaffen hat. Der Gletscherbach rauscht hier nahezu senkrecht zu Tal, hüpft von Fels zu Fels, verspritzt Gischt, so dass die Tropfen aus dem Bach mit denen, die jetzt wieder vom Himmel herabfallen, eine enge Liaison eingehen. Während wir Lachs in der Fjellstuve verspeisen und noch einen Kaffee trinken, klart es wieder ein wenig auf. Ein Regenbogen entflammt am Himmel, als wir auf der kurvigen Fjordstraße nach Oppheim fahren. Hier beginnt ein Wanderweg hinauf auf die Almen, auf die die Bauern früher ihre Tiere trieben. Der Regen des Vormittags hat den Weg rutschig gemacht, feste Wanderschuhe mit gutem Profil sind unerlässlich. Tropfen fallen von den Blättern der Bäume, ein Bach gluckst über die Steine, dann stehen wir plötzlich im Licht. »Wir sind bald da«, sagt Olav und führt die letzten Meter über die Wiesen der Rakssetra zu den Almhütten. Dass wir unseren Durst nun mit Olden-Wasser löschen, hat einen einfachen Grund. Die Wassermarke kommt aus dem gleichnamigen Ort, auf den wir nun blicken. Es stammt aus dem Schnee und Regen, der vor Jahrtausenden auf das Gletscherschild des Jostedalsbreen gefallen ist und das nun, auf seinem natürlichen Weg durch das Gestein zur »BlueMountain-Quelle« mit Mineralien angereichert, im Oldendal wieder ans Tageslicht kommt. »Schadstofffrei«, wie der Hersteller verspricht.

Tragödie am See

Der Loenvatnet ist ein klarer, ruhiger Bergsee. Noch. Denn binnen Minuten wandelt sich das Bild. Eine dunkle Wolkenwand schiebt sich vor die Sonne, ein kalter Lufthauch weht durch das tiefe Tal, steigert sich zu einem leichten Sturm. Böen treiben Schaumkronen auf das Wasser, das auf einmal alles andere als ruhig ist. Dicke Regentropfen prasseln vom Himmel, wir verziehen uns ins Auto. Nach zehn Minuten ist das Schauspiel vorbei, das Wasser beruhig sich ein wenig, vom blauen Himmel strahlt völlig unschuldig die klare Herbstsonne. »Das Wetter kann bei uns sehr schnell wechseln«, schmunzelt Paddelguide Rogier. Doch er gibt bereitwillig zu, dass ein solch schneller und krasser Wechsel doch eher die Ausnahme ist. »Wollt ihr trotzdem aufs Wasser?«, fragt er. Klar! Unsere Antwort ist eindeutig. Also schnell rein in die Neoprenanzüge und dann in die Boote. Langsam gleiten wir durch das vom Gletscher tiefgrün gefärbte Wasser, pflügen durch die Wellen. Der Holländer gibt den Kurs vor, eine Landzunge, an deren Ende unzählige Felsblöcke auch im Wasser liegen. Der See war im Januar 1905 Schauplatz einer Katastrophe. Eine ganze Felswand des Ramnefjells löste sich. Die Felsbrocken prallten mit ungemeiner Wucht ins Wasser und verursachten eine 40 Meter hohe Flutwelle. 63 Menschen kamen damals in den Orten Bødal und Nesdal ums Leben – und das zehn Kilometer entfernt von der Stelle, an der die Felsen ins Wasser schlugen. Im September 1936 wiederholte sich das grausame Schauspiel – ein gewaltiger Fels mit einem Volumen von 350.000 Kubikmetern krachte in den Loensee. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was drei Jahre später passieren sollte. Da lösten sich Felsmassen mit einem Volumen von einer Million Kubikmeter binnen Sekunden aus der steilen Wand, prallten auf das Wasser. 70 Meter hoch bäumte sich die Welle auf, die über den See raste. Die Menschen in Bødal und Nesdal hatten keine Chance, viele starben, einige der Vermissten wurden nie gefunden. Die Namen sind auf einem Denkmal am Straßenrand verewigt. Die Narben am Berg, die Stellen, an der sich der Fels löste, sind heute noch an ihrer hellen Färbung zu erkennen. Die Ingenieure haben den Anwohnern jedoch versichert, dass heute nichts mehr passieren kann.

Vom See auf die Alm

Vorsichtig passieren wir die Passage, an der Felsblöcke knapp unter der Uferlinie lauern könnten. Die Seekajaks liegen zwar stabil im Wasser, aber mit etwas Tempo kann man durchaus aus dem Gleichgewicht gebracht werden. »Ein Bad empfehle ich euch nicht«, schmunzelt Rogier. Das Wasser sei eiskalt, wie es sich für einen vom Gletscherwasser gespeisten See gehört. Deutlich ruhiger ist es auf diesem geschützten Ostteil des Sees. Das Panorama ist unvergleichlich. Mit dem ersten Schnee verzuckert sind die Bergspitzen vor uns, Sonne und Wolken führen einen temperamentvollen Tanz auf, der sicherlich in den nächsten vom Wind begleiteten Regenschauer führen wird. Das ist auch der Grund, warum wir uns von diesem Blick losreißen sollten – auch wenn es schwer fällt. Mit zunehmendem Rückenwind paddeln wir hinter Rogier zurück zum Bootssteg, ziehen die Boote gerade rechtzeitig aus dem Wasser, bevor das nächste Mini-Unwetter hereinbricht.Nach einer Viertelstunde zerpflückt die Sonne jedoch schon wieder die schwarze Wolkenfront. Die Tage sind auch jetzt im September noch lang genug, um bis weit in den Abend unterwegs zu sein. Mit dem Auto schaukeln wir ein Stück ein Seitental hinauf, wandern dann weiter in Richtung Bødalseter. Die Almsiedlung liegt in einem lieblichen, weiten Tal. Hübsche Holzhäuser, manche mit von Sonne, Schnee und Sturm gezeichneten Fassaden, andere dunkel gestrichen, wenige in leuchtendem Rot. »Früher gab es hier oben im Sommer jede Menge Tiere«, erzählt Olav. Heute dienen die Hütten jedoch vor allem dazu, ein paar schöne Tage im Fjell zu verbringen. Die Gegend ist bestens zum Wandern geeignet – oftmals mit Gletscherblick. Denn das Eisschild des Jostedalsbreen am östlichen Ende des Nordfjords ist allgegenwärtig.

Am letzten Tag am Nordfjord begeben wir uns auf historische Pfade. Schon in der Eisenzeit siedelten Menschen im Fjordinneren, wie Grabfunde bei Loen beweisen. Die Wikinger kreuzten mit ihren Booten über den Fjord, fingen Fisch und handelten mit ihren Nachbarn und weiter entfernten Posten. Und dann ist da noch das Kloster Selje auf der Insel Selja, dessen Mauern schon seit Jahrhunderten den vom Atlantik heranbrausenden Stürmen trotzen.
Um dorthin zu kommen, besteigt man im Ort Selje eines der Ausflugsboote und schippert hinüber auf das Eiland. Auf einem Pfad, der vom Osten des Inselchens um einen Berg herum zur Westseite führt, gelangt man zu den Ruinen eines alten, sagenumwobenen Gemäuers. Hier ging, so sagt man, vor rund 1.000 Jahren die irische Königstochter Sunniva an Land. Sie war mit ihrem Gefolge auf der Flucht vor einem Freier, der das Nein der schönen und reichen Frau nicht akzeptieren wollte. Die Bewohner von Selja vermuteten in den Fremden jedoch simple Schafdiebe und setzten ihnen mit Waffengewalt nach. Das kleine Grüpplein versteckte sich in einer Höhle auf der Insel und betete zu Gott, nicht in die Hände der Heiden zu fallen. Daraufhin, so die Legende, fielen Steine vom Berg herab und versperrten den Höhleneingang, der jedoch auch der Ausgang des finsteren Loches war. Sunniva und ihre Begleiter starben. Olav der Heilige soll ihren Körper Jahre später unversehrt vorgefunden haben, was der Beginn der Kirchengeschichte auf Selja war. Die Höhle sieht man noch heute, beeindruckender sind allerdings die Mauerreste des ehemaligen Benediktinerklosters Selje, das 1103 nur einen Steinwurf von der Höhle entfernt gebaut wurde. Doch es waren nicht die Atlantikstürme, die dem Kloster den Garaus machten. Es war die Reformation 1537, die aus dem Kloster das machte, was es heute ist: einen mystischen Platz mit Blick auf das offene Meer, der scheinbar weit weg ist von den Gletschern am Ende des Nordfjords, die auch diese grandiose Insellandschaft geschaffen haben.

Allgemein

zu Norwegen unter www.visitnorway.de

zur Region Nordfjord:
Destination Stryn & Nordfjord
Tinggt. 3
N-6783 Stryn
Tel. +47-57 87 40 40
mail@nordfjord.no 
www.nordfjord.no 

Hilfe bei Reisen im Fjordland unter
www.fjordguides.no

Übernachtung

Hotel Loenfjord
N-6789 Loen
Tel. +47-57 87 57 00
post@loenfjord.no 
www.loenfjord.no 
Nettes direkt am Fjord gelegenes Hotel.

Hotel Alexandra
N-6789 Loen
Tel. +47-57 87 50 00
alex@alexandra.no
www.alexandra.no 

Tolles Hotel mit Zimmern in verschiedenen Kategorien von Standardzimmern für bis zu zwei Personen bis in zu geschmackvoll eingerichteten Luxussuiten. Das Hotel hat einen großen eigenen Bade- und Spa-Bereich.

Sehenswert

Briksdalsbreen, Loenvatnet mit Paddeltour, Klosterinsel Selja

Anreise

Mit dem Flugzeug erreicht man den Nordfjord am besten mit SAS/Widerøe. Der nächstgele-gene Flughafen ist Ørsta. Mit Auto und Fähre empfiehlt sich die Anreise via Hirtshals – Bergen (Fjord Line) schon ab 106 Euro für 2 Personen inkl. Pkw und Ruhesessel.

Reiseveranstalter

Wikinger Reisen hat diverse Wanderreisen in Norwegen im Portfolio. Infos dazu unter www.wikinger-reisen.de oder per Tel. 02331-90 47 42.