Weißer Rausch - Skifahren im Hemsedal

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Das norwegische Hemsedal gilt als eines der besten Skigebiete Skandinaviens. Die Pisten bieten Anfängern und Könnern prächtige Abfahrten, Kinder können sich im Gaupeland austoben. Dank des Skibusses direkt vom Flughafen Oslo gestaltet sich die Anreise sehr einfach. Ist man dann noch in einer Hütte direkt im Skigebiet untergebracht, steht einem entspannten Skiurlaub nichts im Wege.

Dicht an dicht fallen die Schneeflocken durch das Flutlicht der Pistenbeleuchtung vom Hemsedalen. Gelbe Warnlichter flackern über die Abfahrten, Pistenraupen präparieren den Untergrund für einen neuen Skitag, der dank Neuschnee eine butterweiche Unterlage verheißt. Die Anreise ins Hemsedal war problemlos gewesen. In Frankfurt in den Flieger, in Oslo die Koffer vom Gepäckband holen und direkt am Ausgang in den wartenden Skibus steigen. Und der fuhr schon nach einer Viertelstunde los. Nach gut drei Stunden Fahrt wa¬ren wir nach einem Zwischenstopp in Gol direkt am Skizentrum herausgelassen worden. Im Velkomstsenter« gab es den Schlüssel zur Hütte und die Skipässe. Die Skiausrüstung wollten wir erst morgen holen, das Abendessen war wichtiger. Immerhin hatte der Supermarkt noch bis in den späten Abend geöffnet. Nun kocht das Spaghettiwasser. Pasta war Zoes Wunsch. Fünf Minuten sind es noch bis »al dente«. Dazu Fertigsauce und Käse, Tomaten als Vitaminspender. Kekse zum Nachtisch. Mit eigener Küche kann man auch in Norwegen vergleichsweise günstig Urlaub machen. Dann noch ein Blick hinaus zum Fenster, wo der Flockenwirbel allmählich nachlässt. Der norwegische Fernsehsender NRK hatte im Wetterbericht auch schönes Wetter vorhergesagt.

Der Tag beginnt mit Sonne und Speck. Erste¬re scheint draußen auf die verschneite Landschaft des Hemsedalen, letzterer brutzelt zusammen mit zwei Spiegeleiern in der Pfanne. Gut gestärkt kramen wir die Skisachen aus den Koffern, suchen Sonnenbrille und Sonnencreme, schließen dann die leicht quietschende Hüttentür. Über die Piste im Kinderskibereich stiefeln wir hinunter zum Skizentrum. Suchen uns ein paar Skier aus, dazu die passenden Schuhe und Stöcke. Sehr professionell geht das ganze ab, die Wartezeit hält sich trotz des Andrangs in Grenzen. Wir bekommen eine Karte mit dem Skigebiet in die Hand gedrückt, vergleichen die eingezeichneten Pisten und Lifte mit der Realität. Und die verspricht auf den Abfahrten des Røgjin Sonne. Mit dem Tellerlift nehmen wir den Hügel des Kinderskigebiets, steigen dann um in einen Vierer-Sessellift und schaukeln 290 Höhenmeter nach oben. Erst einmal einfahren, sich an die Skier gewöhnen – das ist das Motto. Schließlich ist es unser erster Kontakt mit dem Schnee in dieser Saison. Die Holdeskarløypa ist genau der richtige Einstieg. Schön flach geht es auf breiter Piste dahin. Der Schnee ist butterweich, willig lassen sich die breiten Carvingbretter drehen. Zwei, drei Mal machen wir diese Tour, dann nehmen wir einen weiteren Sessellift zum Røgjin hinauf. Schon nach wenigen Metern lassen wir die Waldgrenze hinter uns, verlassen das geschützte Tal. Kleine kahle Birken ragen aus der Schneedecke heraus, auch einige Felsen. Für einige norwegische Teenager ist das kein Hinderungsgrund, sich in dieses wilde Terrain zu stürzen. Auf Skiern und Snowboards schwingen zwei grell gekleidete Jungs elegant herunter, bei drei anderen ist es eher ein Kampf, der von einigen Stürzen unterbrochen wird. Scheint aber egal zu sein. Das Gejohle ist bis in unseren Sessel zu hören.

Von der Bergstation aus genießt man einen grandiosen Blick auf das Skigebiet und die Gipfel der Umgebung. Ziemlich genau nach Süden in Richtung Mittagssonne verläuft das Hemsedal, das rechts und links von hohen Gipfeln gesäumt wird. Mit »Willkommen in den Skandinavischen Alpen« begrüßt die Broschüre des Fremdenverkehrsamtes hier die Besucher. Obwohl das Gebiet mangels Höhenmetern nicht ganz mit den Alpen mithalten kann – es ist schon etwas dran an die¬ser Bezeichnung. »Los!« Zoe wird ungeduldig, will hinunterfahren, gibt mir einen Schubs. Einen Tick härter als im Tal ist hier die Piste. Die Kanten beißen sich in den Untergrund, die Skier zie¬hen präzise über das weiße Band. Nun wird es steiler. Die blaue – sprich leichte – Piste empfinde ich schon als dunkelblau – Zoe auch. Ein Skikurs am Nachmittag soll ihr mehr Sicherheit auf den Brettern geben. Erik ist einer von vielen Schweden, die in Hemsedal arbeiten. Zum einen ist Skistar, die die Anlage in Hemsedal betreiben, ein schwedisches Unternehmen. Zum anderen locken hier – natürlich neben der fantastischen Umgebung – die höheren Löhne. Und die Nor¬weger sind froh, gelten die Schweden doch als gute Servicekräfte. Erik bestätigt das. Der Skilehrer nimmt die 14-Jährige unter seine Fittiche, feilt an ihrem Stemmbogen, bringt diesen deutlich in Richtung Parallelschwung. Die Anwesenheit der »Erziehungsberechtigten« ist in diesem Alter nicht mehr so sehr gewünscht. Also trolle ich mich in Richtung der schwarzen Pisten, die sich durch die bewaldeten Hänge oberhalb des Skizentrums ziehen. Und die haben es wirklich in sich. Ich setze Kurzschwung an Kurzschwung, nutze ein paar Unebenheiten, bin schon nach kurzem außer Atem. Vielleicht wäre ein wenig Konditionstraining gut gewesen?

Zwei Stunden später treffe ich mich wieder mit meiner Tochter. Und der steckt der erste Skitag gehörig in den Knochen. »Hütte« sagt sie nur kurz und schiebt sich zum Rand der Piste. Von dort sind es noch einhundert Me¬ter bis zu »unserem« Häuschen, einem Holzgebäude mit großem Wohnbereich, Bad, Küche und mehreren Schlafzimmern. Kaba, Kaffee und Kekse bringen ein wenig Energie zurück. Im Fernsehgerät sucht Derrick den Mörder, während Harry mit dem Wa¬gen unterwegs ist. Die deutsche Krimiserie – die in Norwegen ungemein erfolgreich ist – sollte nun jeden Nachmittag unser Après-Ski sein. Dann noch der kurze Spaziergang über die Piste in den Supermarkt mit seinem reichhaltigen Nudelsortiment und gemeinsamer Koch- und Küchendienst. Dann lesen. »Frå skysstasjon til alpinsenter« (Von der Pfer¬dewechselstation zum Alpinzentrum) heißt das Buch, mit dem ich mich auf das Sofa zurück¬ziehe. Alte, verblichene Schwarzweißfotos mit Pferdekutschen sind darin zu sehen, große Höfe, stolz dreinblickende Bauern und lachende Touristen. Fridtjof Nansen war auch hier, gilt als der erste Skitourist im Hemsedal. Auf seiner Skitour 1883 von Bergen nach Kristiania – dem heutigen Oslo – fragte er hier nach etwas zu Es¬sen. Knapp acht Jahrzehnte später kamen Österreicher in das Tal und bauten den ersten Skilift, der am 9. Dezember 1961 in Betrieb genommen wurde. Heute befördern insgesamt sechs Sessellifte, vier Bügel- und acht Tellerlif¬te sowie drei Förderbänder pro Stunde bis zu 28.500 Personen auf den Berg. Wieder hinunter kommt man auf 47 Pisten, wobei die größte Höhendifferenz 810 Meter ist und die längste Ab¬fahrt sechs Kilometer misst. Ob wir diese 47 Pisten alle schaffen? Wir geben uns zumindest Mühe und schweben am nächsten Tag nach einer Einfahrrunde hinauf zum Tinden, dem mit 1.444 Metern zweithöchsten Gipfel im Skigebiet. Die Aussicht ist schlichtweg atemberaubend, eine weiße, unberührte Berglandschaft glänzt im Sonnenschein. Dort ist das Terrain der Freerider und Langläufer. Wir jedoch halten uns an die Piste. »Nummer 23 ist meine Lieblingsabfahrt«, hatte einer der Einheimischen am Tag zuvor gesagt. Wir folgen seiner Empfehlung, schwingen über eine zuerst sehr harte, vom Wind heftig bearbeitete Piste hinunter in den Schutz des Waldes. Hier stäubt weicher Schnee bei jedem Schwung, kommt man genau in jenen Rausch, der die Faszination Skilaufen ausmacht. Und dieser hört erst an der Talstation des Sessellifts auf. Trotz Skiferien in einigen Teilen Norwegens müssen wir nur selten in einer Liftschlange warten. Das würde sich erst am kommenden Wochenende bei etwas mehr Betrieb ändern. Trotzdem geht hier alles sehr entspannt zu – typisch norwegisch eben. Der Tag geht schnell vorbei. Wieder Kaffee und Kaba, wieder der Supermarkt, Schinkennudeln, Derrick und – Sauna! Mittlerweile hatte ich nämlich die Temperaturregelung verstanden. Welch ein Abschluss eines herrlichen Skitages.

Die Lifte stehen still. Und das, obwohl es schon deutlich nach neun Uhr ist. Sollte das mit den schwankenden Fichten vor dem Fenster zusammenhängen? Und den Schneefahnen, die vom Gipfel des Røgjin herunterwehen? Aufklärung gibt ein Facebook-Eintrag. »Zu windig« ist dort zu lesen. Lediglich die Lifte im Kinderskibereich laufen. Also noch mal rumdrehen, ein Buch lesen. Doch der Wind lässt nicht nach. Da macht auch Langlauf keinen Sinn. In Windrichtung wäre das zwar ein schnelles Vergnügen. Aber wie kommt man dann zurück? Mit dem Taxi? Zu Fuß mache ich mich auf den Weg in den nahen Ort, werde förmlich über den Schnee geschoben. Schaue nach ein paar Souvenirs. Der Rückweg ist entsprechend anstrengender. Die Böen bringen einen bisweilen etwas aus dem Gleichgewicht. Der Kinderbereich unmittelbar vor dem Servicebereich und der Hotelanlage liegt im Schutz eines Hügels. Hier weht der Wind we¬niger stark, die Lifte laufen. Gaupeland heißt der Bereich, in dem sich die Kinder tummeln können. Und das wird von den Kleinen ausgiebig genutzt. Skilehrer ziehen menschliche Schlangen hinter sich her, Mamas und Papas weihen den Nachwuchs mal freundlich, mal etwas genervt in die Kunst des Pflugbogens ein. Und wer keine Lust mehr hat, der fährt Schlittschuh oder knabbert im Restaurant an einer Pizza oder einem Burger. Am nächsten Morgen hat der Sturm nachge¬lassen, die Sessel und Bügel pendeln wieder unermüdlich zwischen Tal- und Bergstation. Einige Passtrecken in Norwegen waren we¬gen Schneeverwehung geschlossen gewesen. Doch das Atlantiktief hat sich verzogen, ein Hoch verheißt für die kommenden Tage einen Mix aus Sonne und Wolken – und für uns eine Menge Spaß im Schnee. Der Abschied geschieht ebenso geschmeidig wie die Anreise. Skier und Skipass am Vorabend zurückgeben, am allerdings sehr frühen Morgen zum Bus hinunterstiefeln, die Landschaft bis nach Oslo genießen, Einchecken, noch einen Kaffee trinken und nach nicht einmal zwei Stunden mit einer ganzen Menge schöner Erinnerungen in Frankfurt landen.

Allgemein

Infos zu Hemsedal unter:

Hemsedal Tourist Office
Postbox 3
N-3561 Hemsedal
Tel. +47-32 05 50 30
info@hemsedal.com
www.hemsedal.com

Skiverleih

Vor Ort gibt es einen Skiverleih, in dem die komplette Ausrüstung gemietet werden kann.

Weitere Winteraktivitäten

Neben Langlauf (120 km Loipen) sind auch Hundeschlitten- und Schneeschuhtouren möglich. Wer den Nervenkitzel liebt, kann sich beim Eisklettern austoben.

Übernachtung

Das Skigebiet von Hemsedal liegt ein wenig außerhalb des Ortes. Im direkten Bereich der Skilifte gibt es eine Vielzahl verschiedener Übernachtungsmöglichkeiten zwischen Hotel, Appartement und Hütte. Buchungen gehen am einfachsten über das Online-Buchungssystem von Skistar.

Skistar Hemsedal
Skiheisvegen 1
N-3560 Hemsedal
Tel. +47-815 56 300
hemsedalbooking@skistar.com
www.skistar.com

Anreise

Am schnellsten erreicht man Hemsedal mit dem Flugzeug. Regelmäßige Linienflüge bieten unter anderem Lufthansa (www.lufthansa.com) und SAS (www.flysas.de) an. Preis ab etwa 150 Euro hin/zurück. Eine Alternative ist die Fährfahrt mit Color Line (www.colorline.de) von Kiel nach Oslo. Von Oslo bzw. dem Flughafen Gardermoen fahren freitags, samstags und sonntags Skibusse direkt zum Skigebiet in Hemsedal. Vor Ort kann man auf das Auto verzichten.