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Schweden: Småland Fahrradtour für kleine und große Kinder

TEXT & BILD: Thorsten Brönner  

Umrahmt von Wäldern und Seen verteilen sich verschlafene Dörfer wie rote Farbtupfer über Südschweden. Die Szene scheint vertraut. Erinnert sie doch an die Kinderbuchhelden Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und die Kinder aus Bullerbü, die in Småland ihre Abenteuer erlebten.  

Fasziniert lauschen wir den Schilderungen von Gaby und Otto. Die beiden haben für uns eine abwechslungsreiche Radrunde durch Småland zusammengestellt. »Das erste große Highlight der Tour wird Vimmerby sein,« teilt uns Otto, tief über eine Landkarte gebeugt, mit. »Dort ist Astrid Lindgren aufgewachsen und hat wichtige Anregungen für ihre Bücher bekommen. Ihr werdet die Filmstätten sehen. Danach folgt ein Abstecher auf Visingsö. Die Insel im Vätternsee ist ein Traum! Alles flach, ideal zum Radeln, bei Touristen gilt sie noch als Geheimtipp.« Die beiden wissen, wovon sie reden. »1996 zogen wir einen Schlussstrich und kehrten Deutschland den Rücken«, erzählt Gaby mit einem zufriedenen Lächeln. »Uns ist die alte Heimat zu voll geworden. Mittlerweile haben wir uns richtig in Schweden verliebt. Hier ist vieles einfacher.« Wir checken die Leihräder. Anschließend starte ich den vorgefertigten GPS-Track. »Bis nächste Woche – viel Spaß«, schallt es uns hinterher. Dann beginnt die magische Stille. Dichter Nebel wabert vom See her über den verwunschenen Nadelwald. Kein einziger Laut ist zu hören. Der Blick wandert ins nahe Dickicht. Wir sehen graue Flechten an schlanken Kieferstämmen hochklettern. Dazwischen grün-gelbe Farnpflanzen. Das Morgenlicht bricht durch, die riesigen Spinnennetze leuchten. Wir biegen in einen Naturweg ein und passieren die alte Mühle am Vrigstadsån, die sich perfekt in dem dunklen Gewässer spiegelt. Das Forststräßchen gewinnt rasch an Höhe. Hier und da erspähen wir kupferrote Holzhäuser mit weiß gestrichenen Tür- und Fensterrahmen. Ach Småland! Am Abend erwartet uns Magnus Nyman. Sein Reich ist der Gutshof Wallby Säteri, am einsam gelegenen Skirosjon-See. »Ich habe das Haus Nr. 1 hergerichtet«, empfängt er uns freundlich. »Sie werden hungrig sein, in einer halben Stunde serviere ich das Essen.« Geduscht machen wir es uns in bei Kerzenschein in dem geräumigen Gastraum gemütlich. Aus der Küche zieht ein betörender Geruch. Den Auftakt macht ein gemischter Salatteller. Als Hauptgang reicht uns Magnus frisch gefangenen Barsch mit Kartoffeln. Zum Abschluss gibt es einen leckeren Beerenkuchen. Glückselig schlendern wir zu unserer gemütlichen Schlafstelle. Über den dunklen Baumwipfeln wölbt sich der Sternenhimmel – die Milchstraße scheint zum Greifen nah. So kann die Reise weitergehen!  

Zu Besuch bei Astrid Lindgren
Zwei Tage später trennen wir uns von der heimeligen Hütte auf dem Campingplatz des Freizeitparks Astrid Lindgrens Värld in Vimmerby. Ziel ist das Geburtshaus von Astrid Lindgren im Stadtteil Näs. Hier kam die Autorin im November 1907 zur Welt und verbrachte eine glückliche Kindheit. Hier tobte sie sich mit ihren drei Geschwistern aus. Hier liegt der Ursprung ihrer Geschichten. Die berühmteste Schöpfung der Meisterin ist Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf oder kurz Pippi Langstrumpf. Die freche Göre mit den roten Zöpfen, den Sommersprossen und dem markanten Lachen verzauberte eine ganze Generation. Wir steuern in die Storgatan, holpern über das Kopfsteinpflaster. Die Szene wirkt wie eine Zeitreise in die Jahrhundertwende: Zu beiden Seiten alte Laternen, dazu schmiedeeiserne Ladenschilder. Gute 20 Kilometer weiter führt uns ein Abstecher zum Katthulthof, der durch die Michel aus Lönneberga-Geschichten bekannt geworden ist. Auch hier genießen wir die Stille der Nachsaison – weit und breit keine Menschenseele. Wie kleine Kinder inspizieren wir das idyllische Gehöft. Neugierig schleichen wir um das Wohnhaus und Alfreds Knechtkammer. Monika zeigt auf die Fahnenstange, an der Michel im Film seine Schwester Klein-Ida hochzog. Daneben steht der Tischlerschuppen, in den Michel gesperrt wurde, nachdem er wieder einen Streich ausheckte.  

Geheimtipp Insel Visingsö
Am fünften Tag der Reise weicht der Wald zurück und geht in die offene Felder- und Wiesenlandschaft der Mittelschwedischen Senke über. Von einer Anhöhe herab öffnet sich ein Fenster zum zweitgrößten Gewässer des Landes – dem Vättern! In Gränna, einer charmanten Hafenstadt am Ostufer nimmt uns die Autofähre mit auf das große Wasser. Sie hält direkt auf die Insel Visingsö zu, die sich vor unseren Augen in die Länge zieht. Die 20-minütige Fahrt gleicht einem Zeitsprung. Auf dem 14,3 Kilometer langen Eiland fügen sich Grabfelder aus der Steinzeit zu einem spannenden Kulturausflug in die Vorgeschichte zusammen. Visingsö ist Radlerland. Nahezu steigungsfrei zieht sich das schmale Sträßchen von Bucht zu Bucht. Rechts und links schlagen die sanften Wellen des Vättern an die Strände. Das Tageslicht schwindet. Die Temperatur fällt. Voll mit den neuen Eindrücken des Tages lehnen wir die Fahrräder an einen Aussichtsturm und klettern hinauf. Draußen auf dem See sammeln sich hunderte Wildgänse für die Nacht. Dahinter versinkt der Sonnenball am Horizont - großes Naturkino.  

Schwedische Industriegeschichte
Die Promenade von Jönköping wirkt wie ausgestorben. Nur ein paar Möwen sitzen träge an dem schmalen Sandstrand herum. Zielsicher leitet uns die Radwegbeschilderung in den Industrieort Huskvarna. Dort betreibt der Weltkonzern Husqvarna ein spannendes Werksmuseum. Treppauf, treppab begeben wir uns auf eine 300-jährige Reise durch die schwedische Industriegeschichte. Motorräder, Nähmaschinen sind zu sehen, daneben Waffen, Fahrräder, Rasenmäher und Motorsägen. Wir fahren weiter, folgen dem Smålandsleden. Die Radroute klettert nach Tenhult hinauf. Je höher wir kommen, desto einsamer wird das Terrain. Hier und da leuchten kleine Wasserflächen durch den herbstlichen, mit Pilzen übersäten Wald. Dann ist der Tomtabacken bezwungen, die höchste Erhebung des Südschwedischen Hochlands. Zu unseren Füßen liegt ein endloses Waldmeer, das sich wie ein bunter Teppich über die Hügelkuppen gelegt hat. Das Asphaltband senkt sich, die Räder schießen auf der Südseite des Berges in ein lang gestrecktes Tal hinunter. Stunden später sind wir zurück im Tourist Camp Tomteholm, sitzen mit Gaby und Otto in der warmen Stube und schildern das Erlebte. Im Kamin lodern trockene Birkenholzscheide auf und in der Hand halten wir einen guten Tee. Im Kopf werden wir die Eindrücke am Wegesrand mit nach Hause tragen: Die Tierbeobachtungen, das schmackhafte Essen und die heimeligen Unterkünfte. Småland aus dem Fahrradsattel erleben - ein Traum!  

 

 

Allgemein

Smålands Turism AB
Västra Storgatan 18A
55111 Jönköping
Schweden
Tel. +46 36-35 12 70
www.visitsmaland.se/de

An/Abreise

Von Frankfurt aus wird Jönköping direkt angeflogen. Zudem bestehen von Berlin nach Kalmar und von Weeze nach Växjö Direktverbindungen nach Småland. Südschweden lässt sich auch gut mit dem Auto oder der Bahn über die Öresund-Brücke erreichen. Die Fähren Richtung Schweden legen in Kiel, Travemünde, Rostock und Sassnitz ab.

Streckencharakter

Die gefahrene Runde verläuft auf asphaltierten Nebenstraßen sowie befestigten Forstwegen und umfasst die Radrouten Smålandsleden, Astrid Lindgrens Leden, Höglandstrampen, Vättern-Sommenleden und Rusken Runt, die gut ausgeschildert sind. In jedem Ort kann man dem ohnehin geringen Verkehrsaufkommen auf abgetrennten Radwegen ausweichen. Für Familien mit Kindern empfiehlt es sich, wegen des welligen Terrains sehr kurze Etappen einzuplanen.

Veranstalter

Adventure of Småland, Langö-Tomteholm, 57002 Stockaryd, Tel. +46/(0)382/320 26, www.smalandreisen.de

Literatur

Reiseführer Südschweden - Zeit für das Beste, ISBN 978-3-7654-5495-0, Bruckmann Verlag;
Baedeker Reiseführer Südschweden, ISBN 978-3-8297-1466-2, Baedeker