Mit Mountainbike und Angelrute im Ljusnan-Tal

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Ganz im Westen Jämtlands liegt das Funäsdalen – eine ganz und gar raue Gegend. Der Winter ist lang, der Sommer kurz und der Herbst bunt. Eine perfekte Zeit, um auf schmalen Pfaden über das Fjäll oder an gelb gefärbten Birken entlang zu radeln. Muskeln und Geist entspannen kann man dann ein Stück flussabwärts in Vemdalen.  

Jon ist ein Dreckspatz. Kleine, dunkle Punkte zieren sein lächelndes Gesicht, dunkle Streifen laufen über Shirt und Hose – eine Bike-Hose. Und damit ist klar, wie der Schwede unterwegs ist: mit dem Mountainbike. 400 Kilometer Radwege sind hier rund um den Oberlauf des Flusses Ljusnan ausgeschildert. »Manche sind für Kinder geeignet, andere Mountainbike-Spezialisten vorbehalten«, sagt Jon.

Wir schauen uns an diesem Tag erst einmal die Tracks an, die oberhalb von Bruksvallarna durch das Fjäll führen. Der kleine Ort ein paar Kilometer nördlich von Funäsdalen ist Jons Heimat, hier betreibt er mit der Fjällbäcken Lodge nicht nur eine schöne Unterkunft, sondern bietet sommers wie winters eine ganze Reihe von Outdooraktivitäten an. »Das ist die Heimat meiner Großeltern, sie lebten hier zusammen mit Kühen, Schafen und Ziegen«, erzählt Jon. Im Winter waren sie auf der Farm im Tal, im Sommer brachten sie die Tiere hinauf in das gerade einmal zwölf Kilometer entfernte Bruksvallarna. Den Zeitpunkt dafür bestimmte ein Schneefeld, das sich entlang der beiden Gipfel des über dem Tal aufragenden Skarsfjäll ausbreitete. »Die Tiere wurden erst dann auf die Alm gebracht, wenn aus dem einen Schneefeld unterhalb der Gipfel zwei Schneefelder wurden«, gibt er die Bauernregel wieder. Eine ganze Reihe »Säter«, wie die Almen genannt werden, liegen im Tal kleiner Wasserläufe wie Djupsvallensäter, wo man im Sommer auch Speisen und Getränke bekommt. Oder sie schmiegen sich an Berghänge wie Vallen Säter mit kleinen, windund wettergegerbten Holzhäusern, deren dicke Bretter schon so manchen Schneesturm überstanden haben. »Zusammen mit Riksgränsen ist hier das schneesicherste Gebiet in Schweden, was natürlich auch an der Höhe liegt«, sagt Jon und zeigt auf die 800er-Höhenlinie einer Karte.

Koch mit Drang nach draußen

Jon ist eigentlich gelernter Koch, hat an verschiedenen Stellen in Europa gearbeitet. Irgendwann genügte es ihm nicht mehr, nur in der Küche zu stehen. Seine Passion waren Outdoorsportarten wie Wildwasserfahren oder Skifahren. 1998 kehrte er zurück und gründete sein Unternehmen Strapatser. Dass der Name im Deutschen einen negativen Beiklang hat, hatte er erst danach herausgefunden. »Für mich ist eine Strapaze eine spaßige Unternehmung«, schmunzelt er. Und das merkt man ihm an. Mittlerweile haben wir das Fjäll verlassen und steuern die Räder durch das Ljusnan-Tal.

Der Fluss schlängelt sich hier durch die grüne Auenlandschaft wie ein Reptil durch ein überdimensionales Terrarium. Immer wieder hat er im Laufe der Jahrhunderte seinen Lauf verändert. Neue Buchten entstehen lassen und Böschungen angeknabbert – besonders in der Zeit der Schneeschmelze, wenn gewaltige Wassermassen zu Tal rauschten. Die Bauern haben diese Wiesen schon immer genutzt, um Futter für das Vieh zu bekommen. Das Gras gedeiht hier trefflich, was auch an den vielen Nährstoffen liegt, die das Gewässer hier liegen lässt. Die ersten Nächte mit Minusgraden haben bereits das Laub der Birken gelb gefärbt. Bald wird der Wind die Blätter von den Zweigen abstreifen und die bunte Landschaft zur schneebedeckten Silhouette werden. Jon strampelt über einen Grasweg, kurvt um einige Bäume herum und lenkt sein Bike hinunter in den Fluss. Wasser spritzt auf, Kieselsteine fliegen. Der wasserfeste Schwede grinst. »Das trocknet schnell wieder«, sagt er und schiebt die Sonnenbrille auf die Nase. In Funäsdalen verlassen wir das Tal, treten kräftiger in Pedale und gelangen auf einen Hügel oberhalb des kleinen Ortes. Hier befindet sich auch das örtliche Heimatmuseum und das Härjedalens Fjällmuseum, das durch seine aufwendige Aufmachung angenehm überrascht. In sorgsam gestalteten Schaukästen folgt man der langen Geschichte der Samen, Bergbauern und der Grubenarbeiter. »Zu verdanken haben wir das Museum dem Händler Erik Fundin, der sehr an der Historie interessiert war und bereits 1894 Schwedens erstes lokales Heimatmuseum geschaffen hat«, sagt Ola Hanneryd, der heute die Sammlung leitet. Ins rechte Scheinwerferlicht gerückt werden vor allem Gegenstände aus dem Alltag der Menschen. Man erfährt, wie sie gekocht und Lebensmittel gelagert haben, wie sie auf die Jagd gingen, Rentiere gehütet und Krankheiten behandelt haben, und auch, in welcher Tracht sie zu den Festen gegangen sind. Denn wenngleich das Leben hier im Schatten des norwegisch-schwedischen Grenzgebirges hart war, wusste man auch die schönen Seiten des Daseins zu nutzen.  

Sonnenhungrige Kartoffeln

Wir steigen wieder in den Sattel, radeln ein paar Meter durch das Zentrum des Ortes und gelangen schwitzend wieder in die Natur. Zuerst auf einem Schotterweg, dann auf einem schmalen Wald- und Wiesenweg führt die Route auf einem Hügelrücken oberhalb des Funäsdals-Sees nach Osten. Der unscheinbare Berg birgt eine Besonderheit, die man so kaum vermuten würde. Hier am Hang wurden auf einer Strecke von zwei Kilometern vom Ende des 18. Jahrhunderts an in kleinen Gärtchen Kartoffeln angebaut. Nicht im Tal, wo die saftigen grünen Wiesen sind, sondern ein Stückchen weiter oben. „Das hat einen ganz einfachen Grund“, erzählt Jon. Unten im Tal würden Spätfröste die Pflanzen schädigen. „Hier am Berg fließt die kalte Luft ab, zudem profitieren die Kartoffeln von der sonnigen Südlage“, ergänzt er, bevor es rasant wieder hinunter ins Tal geht.

Seine Fähigkeiten in der Küche beweist Jon nicht nur am Elektroherd, sondern auch am Lagerfeuer in einer kleinen Hütte neben dem Golfplatz des Ortes. Die Flammen lodern um eine große Metallpfanne, Rentiergeschnetzeltes brutzelt darin zusammen mit Pilzen und Wurzelgemüse. Ein paar Kräuter, Salz und Pfeffer dazu, dann alles in einen knusprig gebackenen Teigfladen eingerollt: Fertig ist das leckere Mahl, das mit Moltebeeren und natürlich Kaffee beendet wird. Dann geht es wieder auf das Rad. Zuerst auf einer wenig befahrenen Straße, dann hinein in den Wald. Wir folgen den orangefarbenen »MTB«-Schildern, kurven um Baumstümpfe herum, sausen entlang von Blaubeer- und Preiselbeersträuchern. »Mittelschwer« sei diese Strecke kategorisiert, sagt Jon, der den schmalen Pfad bestens kennt und nie vom Rad steigt. Aber wir. Dann, wenn es einmal zu steil bergab geht, die Wurzeln sich wie ein kleines Gebirge vor dem Stollenreifen auftürmen oder der Weg im Wasser am Flussufer verschwindet. »Es hat viel geregnet in den vergangen Tagen, der Wasserspiegel ist deutlich höher als sonst«, sagt Jon, prüft die Passage, setzt sich auf das Rad und schießt mit viel Schwung durch das Gewässer. Diesen Mut bringen wir nicht auf. Wir schieben. Und legen eine kurze Pause ein. Denn die Strecke ist anspruchsvoll, da bleibt nicht viel Zeit, um die Landschaft zu genießen. Und die ist wirklich beeindruckend hier im Tal des bisweilen munter plätschernden Ljusnan.  

Viel Wasser, kein Fisch

Gut 50 Kilometer östlich von Funäsdalen kann sich der Ljusnan – wie so viele andere schwedische Flüsse –nicht so richtig entscheiden, ob er Fluss oder See sein will. Und ist deshalb beides, fläzt sich mal weit in seinem Bett oder zwängt sich durch ein schmales Tal. Strömmen bei Hedeviken ist so eine Stelle, ein Platz, an dem aus einem See – dem Vikarsjön – wieder ein Fluss wird. Das Wasser rauscht über die Stromschnellen und verursacht ein paar Sorgenfalten im Gesicht von Per. »Sehr viel Wasser, vielleicht zu viel«, sagt der Angelguide und blickt auf den rauschenden Strom. Kurz darauf stehe ich – ein Novize – mit der Fliegenrute am Ufer, wirbele möglichst koordiniert umher, gebe Schnur – und lasse los. Die Kunstfliege schwirrt über das Wasser, dippt hinein. Langsam heranholen, hoffen, dass sich die Rute biegt oder zumindest ein verräterisches Zucken zeigt. Doch nichts passiert. Gestärkt von den ersten einigermaßen erfolgreichen Versuchen werde ich mutiger, bewege die Rute vor und zurück – und fange zumindest schon einmal die grüne »Beilage«. Der Haken hat sich in einem Busch verfangen. Also die Kunstfliege befreien, schwingen, Schnur loslassen. Das Spiel wiederholt sich – nur unterbrochen von einem Kaffee und Grillwürstchen, bis Per das Kommando zum Aufbruch gibt. »Wir probieren es woanders, der Fluss hat zu viel Wasser, da beißen die Fische nicht«, erklärt er.

Rund 250 Angelgewässer gebe es in Vemdalen, erklärt Kristina, die sich in ihrer Heimat bestens auskennt. Und so holpern wir über einige Waldwege hinauf in das Fjäll zu einem See, der passenderweise Bergsjön heißt. 700 Meter über dem Meer, voller Forellen und Saiblinge, wie Per hoffnungsvoll sagt. »Die Chance auf einem Fisch ist hier größer», ergänzt er. Das Ufer ist sumpfig, wir sinken mit den Stiefeln tief in den weichen Boden. Wieder und wieder schwirrt die Fliege über die Wasseroberfläche. Bei Per und seinem angelverrückten Sohn sieht das sehr elegant aus, bei mir ... Doch Eleganz und Technik helfen auch Per nicht. Ein einziger Fisch beißt. Doch der ist zu klein und wird ins Wasser zurückgeworfen. Kleine Punkte bilden sich auf der Wasseroberfläche, werden mehr und mehr, es regnet. Die Lust auf eine Sauna und ein paar Runden im Pool des nicht weit entfernten Storhogna Hotels siegen über den Ehrgeiz, einen selbst gefangenen Fisch zum Essen beizusteuern. Eine Stunde später ziehe ich im Becken meine Bahnen, andere Hotelgäste lassen sich im Spa-Bereich verwöhnen. Und der knurrende Magen sollte wenig später im vorzüglichen Restaurant dieses hochklassigen Hotels auch beruhigt werden. Nicht nur, aber auch mit Fisch.

Allgemeine Informationen

zur Region im Internet unter:
www.jamtland.se
www.funasfjallen.se
www.vemdalen.se

Anreise

Mit dem Flugzeug via Stockholm nach Östersund (www.flysas.com oder www.flygbra.se). Alternativ dazu kann man auch den Zug nehmen (www.sj.se).

Übernachtung

Fjällbäcken Lodge Rockvallen
70 S-840 97 Bruksvallarna
Tel. +46-703 73 09 66
info@fjallbacken.se
www.fjallbacken.se
Hier können Gruppen zwischen fünf und 25 Personen übernachten. Zudem wird leckeres Essen serviert. Weitere Unterkünfte in der Umgebung können vermittelt werden. Urgemütliche Atmosphäre.  

Storhogna Högfjällshotell & Spa
S-840 92 Vemdalen
Tel. +46-682 41 30 30
info@storhogna.com
www.storhogna.com
Tolles, weitläufiges Hotel auch für Wintersportler. Spa-Bereich mit Schwimmbecken, hervorragendes Restaurant.  

Aktivitäten

Jon bietet mit seinem Unternehmen Strapatser diverse Aktivitäten an, unter anderem geführte Mountainbiketouren (auch mit dem Helikopter) sowie ganze Aktivwochen mit verschiedenen Disziplinen. Infos unter www.strapatser.se oder Telefon Tel. +46-703 73 09 66. Angeln in Vemdalen am besten mit örtlichen Guides, Kontakt über das örtliche Tourismusbüro. 

Sehenswert

Härjedalens Fjällmuseum
Rörosvägen 30
S-840 95 Funäsdalen
Tel. +46-68 41 64 25
www.fjallmuseet.se
Spannendes und lehrreiches Museum, in dem man sich über Natur und Kultur der Gegend informieren kann. Im Sommer täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet (Infos zu sonstigen Zeiten im Internet). Stärken kann man sich im Café Gästis.