Paddeln im Paradies - Åland-Inseln im Seekajak 

Die Åland-Inseln sind ein Eldorado für Seekajak-Fahrer. Wie Streusel aus einem Kuchen ragen sie aus dem Meer zwischen der schwedischen Hauptstadt Stockholm und Turku im Südwesten von Finnland. Möglich sind sowohl kurze Ausflüge als auch ausgedehnte Touren durch eine einsame Landschaft mit kleinen Inseln und kargen Klippen.

TEXT&BILD: Thomas Krämer

Was für ein Abend! Ein gediegenes Essen an einem Tisch, Wein aus einem Glas, Musik auf der Veranda, ein Badezimmer und ein weiches Bett. Dieser Luxus, auch Alltag genannt, sollte für die nächsten Nächte durch die Kargheit einer Benzinkocher-Mahlzeit mit Dosenbier und den Komfort einer Isomatte ersetzt werden. Nichts gegen ein festes Dach über dem Kopf, aber die Aussicht, nach einem Paddeltag auf den Klippen der Åland-Inseln der Sonne beim Untergehen zuzusehen, die hat auch etwas für sich.
Gleich am Morgen die erste Prüfung. Mühsam versuche ich, die Spritzdecke über den Wulst am Einstieg des Seekajaks zu ziehen. »Jetzt drücken«, ruft Kollege Martin. Den Kampf kennt jeder Paddler. Und er weiß auch, wie wichtig das Stück Plastik ist. Bei höherem Seegang würde sonst das Boot langsam volllaufen. Doch davon kann an diesem Julitag keine Rede sein. Die Sonne scheint, kaum ein Lüftchen regt sich und die Mauern der Burgruine Kastelholm auf der Hauptinsel des Archipels spiegeln sich auf dem Wasser. »Alles klar? Dann los«, gibt Führerin Vera das Kommando zum Aufbruch. Stabil gleiten die Boote über das Meer. Zelt und Schlafsack, Verpflegung für drei Tage und natürlich Wasser liegen in den Luken des Bootes oder sind in wasserdichten Packsäcken auf den Booten festgezurrt. Das Gewicht drückt den Rumpf ins Wasser.

Paddel-Harmonie

Auf den ersten Metern geht es darum, ein Gefühl für das Boot und den Paddelpartner zu bekommen. Nicht zwingend Herzen, aber auf jeden Fall die Paddel sollten im Gleichklang schlagen. Kommt man nicht in den Rhythmus, in diesen schon fast meditativen Bewegungsablauf, dann wird es anstrengend. Erstes Ziel ist eine kleine und namenlose, mit Kiefern bewachsene Insel. Die Boote werden an die Felsen manövriert, dann dippen Zehen und schließlich die Füße ins Wasser. Wie warm das ist! Ein Bad? Klar – und das noch vor dem Mittagessen. Trocknen kann man dann auf den von der Sonne erwärmten und von den Wellen glatt gewaschenen Felsen am Ufer. Aus der kurzen Mittagsrast wird so eine lange Pause, die von fernem Donner beendet wird. Drohend baut sich dunkles Gewölk auf. Ein Blitz zuckt. Und zwar genau in der Richtung, in der unser abendliches Ziel liegt. Was tun? Nichts! Einfach weiter in der Sonne auf den Felsen dösen und warten, bis die Schauerwolke woanders hingezogen ist. Und das tut sie, leider viel zu schnell. Jeglicher Grund, um noch weiter auf den warmen Felsen zu liegen, wird vom Winde verweht.
Die Kilometer bis zu unserem Ziel, einem Campingplatz am von einer Festung bewachten Bomarsund, ziehen sich. Der Wetterbericht hatte für den Nachmittag leichten Wind aus Nord-Nordwest angekündigt – und sollte Recht behalten. Die Wellen werden höher, die Arme dicker. Nun ist Kraft gefragt! Schlag auf Schlag geht es vorwärts bis in den Windschatten der Prästö, dann noch durch den Sund, an Felswänden vorbei und schließlich an den am Ufer gelegenen Campingplatz. Dusche, Eis und Spaghetti prägen den Abend. Und eine kurze Wanderung zu den Ruinen des eigentümlichen, rund 200 Jahre alten Bauwerks, das diesen von Russland beanspruchten Archipel vor Angriffen durch die Schweden beschützen sollte. Wie deplatziert dieses Bollwerk auf den entmilitarisierten Ålands heute wirkt...  

  Gegen Gischt und Wind

Am nächsten Morgen fallen ein paar einzelne Regentropfen. »Bedeckter Himmel und mäßiger Wind aus Nord sind vorhergesagt« sagt Vera. Kaffee und Müsli bringen den nötigen Schub, um die Zelte abzubauen und die Ausrüstung in und auf den Booten wieder wasserdicht zu verstauen. Auch wir schlüpfen in die Regenjacken und schieben die Boote ins Wasser. Kurs Nord, genau gegen den Wind, das ist nun die Vorgabe. Wir gleiten durch einen breiten Sund an kleinen Inseln vorbei, an Holzhäusern mit Bootsstegen, an rötlichen Felsen und einsamen Buchten. Hier gehen bei einer kurzen Rast nicht wir, sondern ein Handy baden. Dieser Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.
Der Wind nimmt zu. Und natürlich kommt er weiterhin von vorn. Wir versuchen, im Wind- und Wellenschatten der Inseln voranzukommen. Doch das geht nicht immer. Es bilden sich kleine Schaumkronen, der Wind bläst Salzwasser ins Gesicht. Wir steuern eine Bucht an, ziehen die Boote auf den Felsen. Plötzlich kommt der Hunger, den man bei aller Paddelei schon ganz vergessen hatte. Salamibrot, Kekse und Kaffee, dann wieder ins Boot. Es geht langsamer voran als gedacht, noch liegt ein ganzes Stück bis zum Etappenziel vor uns. Und das kommt genauso näher wie das scharfe Ende der Wolkendecke am Himmel. Bald schon glitzern die von den Paddeln perlenden Wassertropfen in der Sonne. Aus dem grauen und welligen Meer wird zusehends eine glatte, blaue Fläche. Zeit, um an das Nachtlager zu denken. Denn obwohl die Nordküste der Åland-Inseln alles andere als dicht besiedelt ist, dauert es eine Weile, bis wir eine ebene, nicht von Bäumen bestandene Fläche gefunden haben, auf der vier Zelte Platz finden.

Ein Abend im Paradies

Das Paradies – unser Paradies – ist nur drei Schritte vom Wasser entfernt, liegt auf einem von der Abendsonne beschienenen Felsen und bietet statt eines verbotenen Apfels Couscous auf asiatische Art und – wo waren die in den Booten bloß versteckt? – eine Dose kühles Bier für jeden. Als die Sonne in einem orange-blauen Farbspektakel untergeht, steigt der Mond über den Baumwipfeln empor und taucht die Landschaft in ein silbriges Licht. Außer dem Plätschern der Wellen ist kein Laut zu hören, als ich mir die Kapuze des Schlafsacks über den Kopf ziehe. Mit dem Blick auf die Sterne schlafe ich ein – auf das Zelt hatte ich verzichtet. Der Morgen beginnt so, wie der Abend geendet hatte: mit Sonne. Und das sehr früh. Der Wind hat sich gelegt, wir kommen schnell voran. Es geht durch einen weiten Sund, an dem sich auf der linken Seite eine Bucht öffnet. An deren Ende ist einer der wenigen Orte an der Nordküste des Archipels: Hamnsund. Wobei – die Bezeichnung »Ort« ist schon ein wenig übertrieben. Es gibt ein Dutzend Häuser und ein Dutzend Bootsschuppen, einen Bootssteg und ein Kiosk. Eis mit Lakritzgeschmack? Eine scheinbar exotische Kombination! Gewöhnungsbedürftig, aber äußerst lecker. Wir schlüpfen durch eine Engstelle zwischen zwei Inseln, gleiten an Schilf vorbei und paddeln durch den nächsten Sund in Richtung einer Insel. Wieder Felsen, wieder Wasserpflanzen. Kommen wir da fahren? Der Bootsboden schürft über den sandigen Grund. Nur nicht aufsitzen und steckenbleiben! Die Paddel werden zu Stocherstangen. Zentimeter für Zentimeter gleitet das Kajak nach vorne und bekommt bald wieder eine Handbreit Wasser unter den Kiel. Geschafft!

Durch einen weiteren engen Sund geht es nach Norden. Beinahe mit jedem Meter, den wir vorankommen, wird der Wind wieder stärker. Er kommt – wie könnte es anders sein – von vorn. Die Erklärung bringt ein Blick auf die Karte. »Wir kommen an das Nordende der Åland-Inseln und damit hinaus auf das offene Meer« sagt Vera. Die Inseln, fast ständiger Begleiter auf dieser Tour, bleiben zurück. Nur links von uns schiebt sich ein Felsriegel wie der Fühler eines riesigen Insekts in das Meer hinaus. Endlich gibt ein Durchschlupf ein wenig Windschatten. »Dort müssen wir hin«, ruft sie und zeigt über eine Bucht auf einen Felsvorsprung. Das »dort« ist laut Karte noch mehr als zwei Kilometer weg. Und aus der spiegelglatten See ist ein unruhiges Meer geworden. Doch das Auf und Ab macht Spaß, richtig Spaß. Ein Kliff kommt näher, die Wogen brechen sich an den Felsen. Noch ein paar Meter, dann öffnet sich eine Bucht, an deren Ende ganz versteckt ein Hafen liegt – trefflich ergänzt durch das Restaurant und die weichen Betten der Hotelanlage Havsvidden. Und die Aussicht? Fast so schön wie die im Paradies – in unserem Paradies.

Allgemeine Infos zu Åland

Visit Aland
Storagatan 8
AX-22100 Mariehamn
Telefon: +358-18-2 40 00
info@visitaland.com
www.visitaland.com

 

Anreise

Mit Auto und Fähre
Via Fähre/Öresundbrücke nach Stockholm. Viking Line  und die Tallink Silja Line fahren täglich mehrmals von Stockholm oder Kapellskär auf die Åland-Inseln. Die Eckerö Linjen verkehrt zwischen Grisslehamn in Schweden und Eckerö auf Åland. 

Mit dem Flugzeug
Mariehamn, die Hauptstadt der Åland-Inseln, hat einen Flughafen, der von Nextjet von Stockholm-Arlanda oder Turku (Åbo) angeflogen wird. Empfehlenswert ist es, mit dem Flugzeug nach Helsinki oder Stockholm zu fliegen und dort auf eine der o.g. Fähren zu wechseln.

Nordis-Übernachtungstipp

Ganz im Norden Ålands liegt die Hotelanlage Havsvidden mit einfachen als auch exklusiven Unterkünften. Zur herrlich direkt am Meer gelegenen Anlage gehört auch ein Hafen. Möglich sind Wanderungen und Fahrradtouren als auch Golf.

HavsVidden
Havsviddsvägen 90
22340 340 Geta
Åland
Tel: + 358-18-4 94 08
info@havsvidden.com
www.havsvidden.com

Paddeln auf den Åland-Inseln

Club aktiv hat neben anderen Seekajak-Zielen auch die Åland-Inseln im Programm. Die komplette Umrundung des Archipels dauert 15 Tage und kostet ab 998 Euro. Enthalten sind darin die Reise ab Stockholm, Boote und Ausrüstung sowie die Übernachtung auf Campingplätzen und in der freien Natur. Reisezeit Juni-Juli Club Aktiv
Tel. 0441-98 49 812 info@club-aktiv.de www.club-aktiv.de

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