Abenteuer Grönland

Von der Sandwüste zu bizarren Eislandschaften                

Text & Bild: Thyra Stodollik

Willkommen in Kalaallit Nunaat - im Land der Menschen!

Im Sommer 2016 nahm ich an einer Wander- und Erlebnisreise nach Westgrönland teil. Eine Reise mit Schlafsackunterkunft und Zelt. Es war mein zweiter Besuch dieses faszinierendes Landes. Auf meiner ersten Reise erlebte ich die Ostküste Grönlands. Wieder erfüllte mich freudige, neugierige Erwartung das Land der Inuit (Kalaallit), die größte Insel der Welt, zu entdecken.

Bei strahlend blauem Himmel und herrlichem Sonnenschein landete ich mit Air Greenland, von Kopenhagen kommend, in Kangerlussuaq. "Greenland", auch "Grünes Land" genannt. Zurecht, denn vor allem die Westküste Grönlands zeigt sich in dem kurzen Sommer neben seiner eher rauen Seite auch von einer unvergleichlichen, faszinierenden arktischen Pflanzenwelt. Und in diese tauchte ich, kaum, dass ich das Flughafengebäude verlassen hatte, sogleich ein.

Leuchtend gelber Löwenzahn, blaue Glockenblumen, verschieden farbige zarte Flechten und Moose, sowie Grönlands Nationalblume, das arktische Weidenröschen, mit ihren intensiv purpurnen bis violetten Blüten empfangen mich. Diese Vielfalt verleiht der Landschaft bunte Farbtupfer. Blau- und Krähenbeeren ducken sich in ihrem niedrigen Wuchs nah an die Erde.

Wer hätte eine Sandwüste in Grönland erwartet!

In der Gegend von Kangerlussuaq, auf dem Weg zum Russels Gletscher, gibt es sie. Die Piste führt, vorbei am nördlichsten Golfplatz der Welt, einem Flugzeugwrack sowie kleineren Seen, durch eine weite ausgeschwemmte sandige Ebene. Dann liegt sie vor mir, die gewaltige, etwa 60 m hohe Abbruchkante des Gletschers.Ein großartiger, unbeschreiblicher Anblick!

Unter gewaltig lautem Knacken und Krachen stürzen riesige Eisbrocken berstend auf die Felsen im Gletscherfluss. Dieser sucht sich tosend seinen Weg, lose Steine mit sich reißend. Ein atemberaubendes Schauspiel arktischer Natur, vor allem aus zu geringer Entfernung (Lebensgefahr!) betrachtet!

Obwohl die Sonne heiß brennt und die Temperatur etwa 17 Grad Celsius beträgt, lädt dieses Wasser mich nicht zu einer Abkühlung ein.Die Farbtöne weiß, grau, grün, rot, gelb sowie blau vermischen sich im strahlenden Sonnenlicht. Ein Polarhase hoppelt auf Suche nach etwas Fressbaren nahe an meinem Aussichtsplatz.

Der Bogen aus Walknochen ist ein beliebtes Fotomotiv in Sisimuit

Wetterbedingt kann das Flugzeug von Air Greenland nicht planmäßig von Kangerlussuaq nach Sisimiut fliegen. Es herrscht dichter Nebel in Sisimiut, so dass die Maschine gar nicht erst diesen Ort verlassen kann. Also wird das kleine Hotel am Flughafen meine gemütliche nächtliche Herberge. Nach einem Abendspaziergang zum Ferguson Lake sitze ich besinnlich in der warmen Abendsonne und schaue ich dem nun nicht mehr so geschäftigen Treiben auf dem Rollfeld zu.

Weit in der Ferne grasen Moschustiere. Sisimiut, der zweitgrößte Ort in Grönland, liegt über dem "Arctic Circle", dem Polarkreis. Graslandschaften und Fjorde, bunte Häuser, ein geschäftiger Hafen sowie Schlittenhunde mit ihrem Heulen und Gebell kennzeichnen den Ort und die Umgebung. Bekannt als Fotomotiv ist der Bogen aus Walknochen vor der Berthel-Kirche.

Ein Bootsausflug zur verlassenen Siedlung Assaqutaq vermittelt den Eindruck über das  abgeschiedene Leben der Inuit. Die teils verfallenen Holzhäuser erstrahlen nicht mehr in ihrem alten farbenfrohen Glanz. Gelber Löwenzahn zeigt sein Leuchten. In einem der Häuser steht noch ein Eisenherd. Wann wohl das letzte Mal darauf Essen zubereitet wurde?

Momente der Stille in der Mitternachtssonne genießen

Einst war der Friedhof um die weißen Holzkreuze herum mit bunten, leuchtenden Plastikblumen geschmückt. Nun scheint der Friedhof schmucklos. Die einst weiß getünchten, nun gräulichen Hölzer fallen schon ineinander. Ich genieße diesen kleinen besinnlichen Ort. Ein Platz der Stille. Mein Blick  erfreut sich an dem Spiegelbild des kleinen Motorbootes im Wasser.

Die Felsen an der Uferzone  sind mit zarten grünen Wasserpflanzen verziert. Sie werden von dem klaren, tiefblauem Wasser umspült. Auf der Nachtfahrt mit dem Küstenschiff von Sisimiut nach Aasiaat verzaubert die Mitternachtssonne die Umgebung, vor allem die Wasserlandschaft, in ein leuchtendes Farbenspiel. Das leise gleichmäßige Tuckern des Schiffsmotors und das fast lautlose Rollen der vom Bug geteilten Wellen unterbricht die Stille. Diese Stimmung lassen meine Gefühle sowie das bisher Erlebte noch einmal an mir vorüber ziehen.

Der Gletscher Lyngmarksbraen auf der Disko Insel lädt zum Wanderabenteuer ein. Die Besteigung des Berges von etwa 950 m Höhe, bietet eine grandiose Aussicht. Das Weiß des Schnees ist hier oben die vorherrschende Farbe. Weit unten das dunkelblaue  Polarmeer (Davis Straße). Eine schier unglaubliche Weite ins Endlose lässt meine Augen in alle Richtungen schweifen. Die strahlende Mitternachtssonne taucht diese wunderbare Landschaft in die unterschiedlichsten Farbnuancen.

Weiß, Türkis und Blau symbolisieren die arktische Natur

Eine hörbare Stille, das Plätschern des Gletscherabflusses, das Beobachten der sich im Wind neigenden gelben Mohnblumen wirken wie ein Stillleben. Gedanken wie "Die Natur so groß - der Mensch so klein" lassen die Großartigkeit unserer Erde so respektvoll erscheinen! Im Meer tauchen und springen, fast graziös erscheinend, Buckelwale zwischen den Eisbergen; am Strand baden Kinder im Meer und hier, wie auch hoch oben auf dem Gletscher, erstrahlt die Sonne am azurblauen, wolkenlosen Himmel. Das Bild ähnelt einer Collage.

Ilulissat, mit seinem traditionellem Fischereihafen, ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum in Nord-West-Grönland. 300 km nördlich des Polarkreises liegend, deuten die bunten Holzhäuser auf den typisch grönländischen Charakter dieser Stadt hin. Ein Rundgang durch diesen lebendigen Ort führt mich u. a. zur braunen Holzkirche, der Zions Kirche, nahe der Küste. Ihr Innenraum ist in den typischen Farben Weiß, Türkis und Blau gestaltet, die Schnee, Eisberge und die Sonne symbolisieren.

Als Anglerin erwecken der Fisch- und Fleischmarkt - Braedtet - mein besonderes Interesse. Neben dunklem Robben- und Walfleisch liegen die unterschiedlichsten Speisefischarten dekorativ und sauber aufgereiht. Im nahegelegenen Hafen tummeln sich die Fische regelrecht im, bis auf den Grund, glasklarem Wasser. Sie sind zum Greifen nahe. So müssen zwei kleine Jungen ihre Angel auch nur für einen kurzen Moment in das Wasser halten, und schon ist das Abendessen gerettet.

Knarrend und knackend bewegen sich Gletscherabbrüche im Eisfjord

Ilulissat liegt am 55 km langen und 6 km breiten Eisfjord. Der Eisfjord Kangia ist die Sehenswürdigkeit von Ilulissat und Weltkulturerbe der UNESCO seit 2004. Die auf dem Fjord treibenden grandiosen Eismassen stammen vom produktivstem Gletscher der nördlichen Hemisphäre, dem Sermeq Kujalleq. Der einmalige Ausblick auf diese gewaltige Eiskulisse ist unbeschreiblich. Da heißt es: hinsetzen - auf sich wirken lassen - staunen - und bewundern.

Mit leisem Knacken und Knarren bewegt sich das Eis sehr langsam, fast zögerlich, im Wasser. Die Sonneneinstrahlung zaubert ein Schattenspiel auf die glatte Wasseroberfläche. Hier plätschert es sanft, dort schiebt sich geräuschvoll eine Eisplatte auf die nächst angrenzende - eine ständige Veränderung des Gesamtbildes. Unter der Wasseroberfläche setzt sich die Schönheit dieser fast unwirklichen Eisberge fort. Mir wird die Kraft der Natur bewusst. Ein fast beängstigendes Gefühl vermischt sich in mir mit Freude darüber, so viele vom Kreislauf der Natur hervorgebrachten Schönheiten zu sehen, zu erleben.

Buckelwale begleiten das Ausflugsboot

Eine Bootsfahrt in der Mitternachtssonne zu den gigantischen, majestätischen Eiskolossen ist ein ganz besonderes Erlebnis. Die bis zu 30 m hohen Eistürme, mit ihren phantasievollen Farben und Formen, hinterlassen bleibende Eindrücke. Das Boot sucht seinen Weg durch die Eisberge. Ich brauche nicht viel Phantasie, um in den bizarren Formen der Eisgiganten Bilder zu sehen.

Die Sonne taucht diese Eislandschaft in goldenes, sanftes Licht. Die Uhr zeigt gleich Mitternacht. Die Sonne steht tief, kullert in der Ferne hinter einen Berg, kommt wieder hervor, um kurze Zeit später wieder rot orange scheinend hinter dem nächsten Berg zu verschwinden. Ein mit heißem Tee gefüllter Becher macht mir deutlich wie kalt meine Hände durch die Nähe des Wassers und des Eises geworden sind. 

Ein riesiger Buckelwal untermalt diese Mitternachtsstimmung - er taucht, wie zur Begrüßung, zwischen den Eiswänden auf, um sich dann geschmeidig wieder in das Wasser gleiten zu lassen. Die Kälteausstrahlung der Eisberge zu spüren ist einmalig und wird eine bleibende Erinnerung sein. Diese atemberaubende Ausstrahlung kann man nur nachempfinden, wenn man mittendrin steht.

Magische Momente erübrigen alle Worte

Diese Bilder bleiben für mich unvergesslich! Eine letzte Wanderung führt mich nach Qqaatsut (dän. Rodebay), eine kleine Inuit Siedlung. Sie liegt in der Bredebucht mit einem kleinen geschützten Hafen und bunten Holzhäusern. Rodebay wurde von den Holländern (17. Jahrhundert) wegen des Walblutes, auch "rote Bucht" genannt. Auch heute werden hier noch Wale und Fische angelandet.

Traditionell trocknen viele Grönländer den gefangenen Fisch auf Holzgestellen - so auch hier. In der Bucht schwimmen weiße Eisriesen. Grönland, eine Reise voller unvergesslicher Naturerlebnissen! Grönland, eine der wunderbarsten Landschaften der Erde! Wer einmal hier war lernt Ehrfurcht und Respekt vor der Natur zu haben. Mit sehr vielen fantastischen Eindrücken verlasse ich Grönland. Ich sage bewusst baaj - Auf Wiedersehen, denn ich werde wiederkommen.        

Info: Die Reise fand im Juli / August 2016 statt.
Vielen Dank an Thyra Stodollik für den spannenden Reisebericht und die zur Verfügung gestellten Bilder.