Trapped
Gefangen von einer frostigen Serie

Eine Rezension von Hans Klüche

Ja, die Smyril-Line Fähre Norrøna fährt auch im Winter nach Seyðisfjörður in Ostisland, hat dort fahrplanmäßig sogar einen langen Stopp. Ja, der Wintertourismus in Island wächst überproportional und erreicht Gebiete weit ab der Hauptstadt. Ja, es gibt regelmäßig in Island Schneestürme, die ganze Orte und Regionen tagelang von der Außenwelt abschneiden – im vergangenen Winter war sogar die Straßenverbindung zwischen Reykjavik und dem internationalen Flughafen Keflavík bei einem Unwetter länger unterbrochen.

Das Setting der Serie ist absolut realistisch

Der Hintergrund der isländischen TV-Krimi-Serie ›Trapped - gefangen in Island‹ ist also absolut realistisch. Gut, die Norrøna fährt unter färöischer Flagge und ist damit eigentlich keine dänische Fähre, aber da wollen wir nicht kleinlich sein: Die von Isländern entworfene und produzierte, aber international u.a. vom dänischen Sender DR als einem der Hauptgeldgeber sowie vom ZDF mitfinanzierte Serie, war von vorn herein für eine weltweite Vermarktung geplant.
Und wenn man Italienern, Engländern, Franzosen oder gar Amerikanern noch die Färöer-Inseln als Schifffahrtsnation erklären müsste, nein, da ist es einfacher mit einer ›Dänischen Fähre‹. Zudem identifizieren Fans des Nordic Crime den dänischen Kapitän sicher sofort als echten Dänen: Bjarne Henriksen, der Mann, der in der ersten Staffel der Kommissarin Lund Fälle jener Theis Larsen war, der den Mörder seiner Tochter suchte.

Für Fans lohnt sich der Blick ins Making-Of

Island-Fans werden aber doch verwirrt sein: Die Fähre legt in Seyðisfjörður an. Aber der Ort, die Häuser, die Kirche, das neue, noch nicht ganz fertige Hotel, das eine wichtige Rolle spielt, das alles ist nicht das Seyðisfjörður, das sie kennen. ›Trapped - Gefangen in Island‹ ist eben doch Fiktion und keine Dokumentation. Es wird auch nie der Name des Ortes genannt, in dem die Serie spielt.

Das lohnende, 24 Minuten lange Making of klärt dann auf: Alle Szenen mit der Norröna entstanden in Seyðisfjörður, mehr oder minder in einem Stück während eines fahrplanmäßigen Stopps der echten Fähre Norröna, der Rest der Serie wurde dann im schneesichereren Siglufjörður in Nordisland gedreht. Seyðisfjörður oder Siglufjörður, Zuschauern ohne Island-Kenntnis wird das es egal sein.

Mit der Mord-Statistik nimmt man es nicht so genau

Aber etwas ist dann doch nicht besonders realistisch: Die Zahl der Morde in isländischen Krimis – egal ob im Buch oder Film – übersteigt die Zahl der realen Morde (Vgl.: Iceland 3rd lowest murder rate) im Land um ein Vielfaches: Auch wenn im vergangenen Januar ein spektakulärere Sexualmord in Reykjavík die ganze Nation aufrüttelte und eine nie dagewesene Anteilnahme in der Bevölkerung auslöste, hat Island statistisch eine der geringsten Mordraten weltweit, nur Lichtenstein und Singapur sind noch sicherer.

In der Geschichte von Trapped - Gefangen in Island wird der Ort, der nur über eine Passstraße mit der Außerwelt verbunden ist, durch einen heftigen Schneesturm von eben dieser abgeschnitten. Die Nabelschnur zur Außenwelt ist ›ófærð‹ – so der Originaltitel – unbefahrbar. Dorfbewohner wie Touristen, die gerade mit der Fähre angekommenen sind, sind eingeschlossen – trapped. Und dann das: Ein Fischer zieht einen Torso aus dem Fjord. Kopf, Beine, Arme fehlen. Offensichtlich ein Mordopfer. Das Dorf ist im Schockzustand.

Baltische Mafia trifft auf Killer und Sexsklavinnen

Die drei Polizisten Andri, Ásgeir und Hinrika von der örtlichen Polizeistation sind auf sich allein gestellt, das dramatische Wetter hält ihnen erst einmal die arroganten Schnösel der Landespolizei aus Reykjavík vom Leibe. Und wenn sie später durchkommen, ist ihr Auftritt in erster Linie medienwirksam aber dilettantisch, da sind die Sympathien der Zuschauer jedoch längst bei den drei Dorfpolizisten.    

Naheliegend ist für alle, inklusive für den örtlichen Polizeichef Andri, dass Opfer wie Täter mit der Fähre kamen. Es stellt sich schnell heraus, dass ein paar äußerst zwielichtige Figuren an Bord waren. Ein baltischer Mafia-Mann, ein färöischer – ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt! – Killer und afrikanische Mädchen, die als Sexsklavinnen illegal ins Land gebracht werden sollen.

Gier und Machtsucht stören die Dorfidylle

Aber bald merken Zuschauer wie Akteure im Film, allen voran Andri: Das sind nur Nebenstränge, die jede Serie braucht, die über 10 Folge von je knapp einer Stunde Spannung halten muss – die DVD/Bluray-Edition folgt dabei der isländischen Originalfassung, während das ZDF im Februar und März fünf Folgen zu je 90 Minuten ausstrahlte.
Irgendwann dämmert es Andri: Das Verbrechen hat seine Wurzel im Dorf, in Gier, in Sucht nach mehr Macht, Einfluss und Reichtum. Da tauchen in Dorfdimensionen jene Typen wieder auf, die beim großen Geldspiel 2008 Island an die Wand gefahren haben. Natürlich wird der Crash, Islands nationales Trauma, am Rande auch thematisiert. Und das Verbrechen kommt Andri noch ganz nah, viel näher als ihm lieb sein kann.

Regisseur und Produzent ist Baltasar Kormákur

Hinter dem Projekt steckt als Produzent und Regisseur einer der profiliertesten Köpfe des isländischen Kinos, Baltasar Kormákur. Er drehte im Jahr 2000 mit der Romanverfilmung ›101 Reykjavík‹ und 2013 mit ›The Deep‹ einige der bekanntesten Filme seines Landes. Er begann 2005 noch in Island mit ›A Little Trip to Heaven‹ (u.a. mit Forest Whitaker) dezidiert für den amerikanischen Markt zu filmen, ehe er 2012 mit ›Contraband‹ und ein Jahr später mit ›2 Guns‹ seine ersten Hollywood-Blockbuster ablieferte und dabei mit Stars wie Mark Wahlberg und Denzel Washington arbeitete.

2015 folgte das international äußerst erfolgreiche Bergsteigerdrama ›Everest‹. Bei Trapped führte Baltasar Kormákur in der Eröffnungs- und Schlussfolge selbst Regie.  (Tipp: Ein Portrait über Kormákur und seinen aktuellen Kinofilm "EID" findet ihr im Nordis-Magazin 2/17).

Vorrangig stellen Isländer den Cast – und überzeugen

Vor der Kamera agieren vorrangig isländische Darsteller, gut gecasted und überzeugend. Vor allem der international erfahrene Ólafur Darri Ólafsson (u.a. Contraband, The Deep, The Secret Life of Walter Mitty) als Andri wird schon durch seine körperliche Präsenz zum Star der Serie, ein guter Polizist ohne Fehl und Tadel, der das Recht weder biegt noch beugt, selbst wenn es ihm persönlich schaden wird.

Geradezu eine Entdeckung ist Ilmur Kristjánsdóttir als Andris taffe, aber sozialkompetente Kollegin Hinrika, eine der überzeugendsten Figuren – aus einer anderen Winterlandschaft grüßt ›Fargo‹!

Darum sollte man die Serie auch einmal im Original schauen

Die DVD/Blu-ray enthält neben der synchronisierten deutschen Fassung den isländischen O-Ton, wahlweise mit oder ohne deutsche Untertitel. Das Schöne an solchen Originalfassungen ist, dass sie Fremde auch in ihren Sprachen sprechen lassen – das wirkt immer authentischer, als wenn Menschen aus drei oder vier Nationen alle akzentfrei Deutsch miteinander reden, z. B. wenn Andri auf der Brücke der Norröna den dänischen Kapitän zur Rede stellt.

Weiterer Bonus ist das exzellente, 24minütige Making of – nur isländisch mit Untertiteln – das viel über die rauen Produktionsbedingungen im winterlich eisigen Island erzählt und von den Schwierigkeiten, solch eine 7-Millionen-Euro Produktion in dem kleinen Land zu stemmen.  

Und unser Fazit: Klare Empfehlung!

Auch wenn es manchmal ganz schön hektisch im Dorf wird und ständig der Wind pfeift, ist Trapped - Gefangen in Island ein ruhig entwickelter und erzählter Krimi, der das Land im Winter überzeugend zeigt. Auch die Charaktere wirken authentisch. Verglichen mit den unsäglichen, klischeeüberladenen Island-Krimis der ARD mit Franca Potente aus 2016 ist Trapped - Gefangen in Island eine Wohltat, Klassen besser!
Und verglichen mit der ebenfalls im Winter im ostisländischen Reyðarfjörður gedrehten britischen-skandinavischen Mystery-Triller Serie Fortitude eindeutig mehr ein Krimi im besten Sinne. Eine klare Empfehlung, nicht nur für Island Fans!

Trapped - Gefangen in Island (isl. Ófærð), Isl. 2015, D TV und DVD/Bluray 2017, Studiocanal, 10 X ca. 50 Min + 24 Min. Making of, ca. 25-27 €, FSK ab 12.

Andri (Ólafur Darri Ólafsson) ist der Kommissar in einem verschlafenen Fischerdorf an der schroffen Küste Islands. © ZDF/Lilja Jónsdóttir for RVK Studios
Andris Töchter Perla (Júlia Guðrún Lovisa Henje, l.) und Thorhildur (Elva María Birgisdóttir, r.) haben sich im Schneesturm verlaufen. © ZDF/Lilja Jónsdóttir for RVK Studios
Eiríkur (Þorsteinn Gunnarsson) ist Andris Schwiegervater und sinnt auf Rache für den Tod seiner Tochter. © ZDF/Lilja Jónsdóttir for RVK Studios
Polizistin Hinrika (Ilmur Kristjánsdóttir) stützt Aldís (Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir), die Ehefrau von Sigurður. © ZDF/Lilja Jónsdóttir for RVK Studios

Regisseur Baltasar Kormákur zu "Trapped":

Ich habe „Trapped – Gefangen in Island“ entwickelt, weil mich die Idee eines Mordes in einer Kleinstadt interessiert, die ganz vom Rest der Welt abgeschottet ist. In dieser Kleinstadt haben wir unseren Helden, einen ganz normalen Mann, der versucht sein Leben zu leben und sich plötzlich mit einer Ausnahmesituation konfrontiert sieht.

Es ist seine moralische Verpflichtung, den Fall zu lösen, auch wenn das bedeutet, dass er alle um sich herum in Gefahr bringt und selber nicht derjenige bleibt, der er früher einmal war. Island ist genauso schön wie kraftvoll und tödlich. Die Kombination dieser beiden ästhetischen Pole war meine Inspiration für die Reihe.

Die raue Landschaft und der heulende Soundtrack sind dabei ebenso Hauptfiguren wie die in der Stadt gefangenen Menschen. Wie alle großen Krimi-Serien ist auch „Trapped – Gefangen in Island“ ein sich aus den Figuren entwickelndes Drama, in dem jede Episode die Spannung erhöht, neue Indizien für den Fall liefert und unsere Zuschauer gespannt erwarten lässt, was als Nächstes passiert.
(Quelle: ZDF Pressedienst)