Neues Weltkulturerbe in der Telemark

Industriegeschichte in grandioser Natur

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Seit dem vergangenen Sommer gehört die Region Notodden-Rjukan in der Telemark zum Weltkulturerbe. In den beiden Orten wurde Industriegeschichte geschrieben, wie in diversen Ausstellungen zu sehen ist. Im Kontrast dazu stehen die pittoreske Landschaft an der Küste und die raue Gebirgswelt am Südrand der Hardangervidda. 

Es war eine ruhige Überfahrt gewesen von der Nordspitze Dänemarks nach Langesund in der norwegischen Telemark. Nur wenig hatte sich der Rotwein im Glas bewegt, obwohl man sein Abendessen auf einem Schiff – in diesem Fall der »Stavangerfjord « der Fjord Line – zu sich genommen hatte. Nur die Szenerie hat sich geändert, das Wetter ist gleich geblieben. Dänemark hatte uns mit Morgensonne verabschiedet, Norwegen begrüßt uns nun mit Mittagssonne. Und die lässt die roten und weißen Häuschen in dem hübschen Küstenstädtchen gleich im richtigen Licht erscheinen. Der Leuchtturm an der Spitze der Halbinsel weist den Weg Eidanger- und zum Frierfjord und damit nach Porsgrunn und Skien, die mittlerweile zu einer Stadt zusammengewachsen sind. Porsgrunn – den Namen kennt man etwas abgewandelt von Tellern oder Tassen, auf denen der Schriftzug »Porsgrund« auf der Unterseite zu lesen ist. Schon seit 1887 wird hier hochwertiges Porzellan hergestellt und im direkt angeschlossenen Museum ausgestellt. Und das bedeutet gleichzeitig auch einen Streifzug durch rund 140 Jahre Alltagskultur. Denn das, was auf Tische und in Vitrinen kam, spiegelte auch immer den – bisweilen etwas skurrilen – Zeitgeist wider. In der Zeit, in der in Porsgrunn die ersten Tassen und Teller gebrannt wurden, hatte der Dramatiker und Lyriker Henrik Ibsen seine wichtigsten Werke wie »Peer Gynt« und »Nora oder Ein Puppenheim« bereits geschrieben und kehrte von einem 27-jährigen Aufenthalt in Deutschland und Italien zurück. In ländlicher Idylle in Venstøp ein wenig nördlich von Skien war er aufgewachsen. Im herrlich gelegenen Heim seiner Kindheit ist heute ein Museum untergebracht, in dem noch die Originalmöbel der Familie Ibsen stehen – auch das Puppentheater, in dem der kleine Henrik Aufführungen für die Kinder aus der Nachbarschaft veranstaltete.

Wasser als treibende Kraft
Es war eine dünn besiedelte Hügellandschaft mit Wäldern und Feldern, auf die der 1828 geborene Ibsen geblickt haben muss. An die großen Veränderungen in der Telemark, die rund 80 Jahre später beginnen sollten, war damals noch nicht zu denken. Doch sie kamen. Das nördlich gelegene Notodden war einmal ein kleines Dorf am Heddalsvatnet. Hier lebten Bauern von dem, was ihre Felder hergaben, dazu kamen Sägewerke und Holzverarbeitung. Holz, das gab es genug. Und Wasser, das von den Bergen herunterstürzte – nicht immer zur Freude der Bewohner. Dann kamen zwei Männer – Sam Eyde und Kristian Birkeland. In ihrem Gepäck hatten sie sozusagen eine zweite industrielle Revolution dabei. So zumindest wertet es Trond Aasland vom Lysbuen Industriemuseum, wo diese Entwicklung in einem ehemaligen Industriegebäude anschaulich dargestellt wird. Zum ersten Mal sei Wasserkraft für industrielle Zwecke genutzt worden. In diesem Fall für die Herstellung von Kunstdünger aus dem Stickstoff der Luft für die Landwirtschaft, um eine stetig anwachsende Weltbevölkerung zu ernähren. »Bis dahin kannte man nur Guano, um die Stickstoffversorgung der Pflanzen zu verbessern «, erzählt er. Eines der Kraftwerke hat sogar das Aussehen einer Burg – der damalige Chef hatte sich deutsche Festungsbauwerke als Vorbild genommen, was immer noch in Notodden zu sehen ist. Es ist nur schwer vorstellbar, wie binnen weniger Jahre eine Gegend sozusagen auf den Kopf gestellt wurde. Es war die Zeit, als sich Norwegen von Schweden lossagte und 1905 zu einem eigenen Staat wurde. Es war aber auch die Zeit, als so mancher Norweger sein Glück im Ausland suchte. Und Arbeitskräfte waren nötig, binnen weniger Jahre stieg die Zahl der Einwohner von Notodden von 800 auf 8.000. Um diese neue Industrie aufzubauen, waren riesige Summen nötig. »Etwa so viel wie das Jahresbudget des norwegischen Staates«, erklärt Trond und ergänzt, dass ein Teil des Geldes aus Schweden kam. Doch die Nachfrage nach Kunstdünger war groß – so groß, dass ein weiteres Werk nötig wurde.  

Seilbahn zur Sonne  
Rjukan – das kennt man wahrscheinlich aus dem britischen Film »Schweres Wasser «, in dem Kirk Douglas einen der norwegischen Saboteure spielt, die verhindern wollen, dass die Deutschen mit dem im hiesigen Werk produzierten Schweren Wasser eine Atombombe bauen. Eine spannende Geschichte mit wahrem historischen Hintergrund. Aber der Grund dafür, dass hier überhaupt dieses seltene Molekül hergestellt werden konnte, liegt 40 Jahre zurück und wurde nun auch gewürdigt. Im vergangenen Jahr sorgte eine Entscheidung der UNESCO für große Freude in Norwegen. Die Region Rjukan- Notodden gehört nun zum Weltkulturerbe. Fünf Jahre lang hatte man daran gearbeitet, um die für die Industrialisierung Norwegens wichtige Region unter besonderen Schutz zu stellen. Treibende Kraft hinter dem Ganzen war Øytein Haugan, ein Mann, der ein wenig an Helge Schneider erinnert und so ziemlich alles darüber erzählen kann, was in diesem Zusammenhang wichtig ist. Er steht in der großen Halle des auch architektonisch imponierenden Kraftwerks Såheim, zeigt auf riesige Turbinen und die überdimensionalen Rohrleitungen, die das Wasser aus dem Gebirge heranbrachten. »Die Industriegeschichte im tiefen und abgelegenen Vestfjorddalen begann vor weit mehr als einem Jahrhundert, als im Jahr 1903 Sam Eyde – der aus Notodden – die Rechte am Wasserfall Rjukanfossen kaufte «, so Øytein. 1911 wurde hier das größte Wasserkraftwerk der Welt eröffnet, das von den Niederschlägen über der riesigen Hochebene der Hardangervidda gespeist wurde. Die Energie wurde vor allem dazu genutzt, um auch hier künstlichen Dünger zu produzieren. Ein Produkt, das bis 1991 in den Fabriken von Norsk Hydro in Rjukan hergestellt wurde. Damals, in den Anfängen, war Rjukan noch ein kleines Dorf mit sehr wenigen Einwohnern. »Die ganze Stadt wurde geplant, vom Briefkasten bis hin zur Parkbank«, erzählt der Norweger, »Eyde hatte ein großes Interesse an Architektur«. Je höher oben man wohnte, desto wichtiger war auch die Position, die man innehatte. Das bedeutete aber auch, dass gerade die einfachen Menschen im Winter nicht viel Sonne abbekamen. Deshalb wurde hier 1928 von Norsk Hydro auch die erste Seilbahn Nordeuropas gebaut, damit die im dunklen Tal lebenden Bewohner ab und an in den Genuss der Sonne kommen konnten. Heute bringt der vor wenigen Jahren auf dem Berg gebaute Spiegel die Sonne auf den Marktplatz des Ortes.

Stippvisite in den Bergen der Telemark
Doch das mit der Sonne und der Bahn funktioniert wunderbar – auch an diesem Tag. Noch dazu trägt der an der Bergstation beginnende Wanderweg den passenden Namen: Solstien (Sonnensteig), der von Sherpas aus Nepal befestigt worden ist. Es ist Mai und noch nicht sehr lange her, dass an dieser Stelle Schnee lag. Die über den Boden kriechenden Sträucher schieben gerade das erste Grün ans Tageslicht, und gegenüber sind die Hänge des mächtigen Gaustatoppen noch von Schnee bedeckt. Nur an wenigen anderen Stellen kommt man so bequem in die Ausläufer der Hardangervidda wie hier. Doch unsere kleine Gruppe ist nicht für eine mehrtägige Trekkingtour über die Hochebene ausgerüstet, sondern nur für eine kleine Wanderung. Doch schon diese lässt den Geist des »friluftsliv«, des Lebens an der Natur, erahnen. Ganz anders wirkt der mächtige Gaustatoppen aus einer anderen Perspektive. Das Gaustablikk Høyfjellshotel liegt an seiner Ostseite, von wo aus der formschönen Pyramide ein langgezogener Bergrücken wird. Aber dafür sitzt man hier auf einer Terrasse, blickt auf einen See und in die Abendsonne, die sich jedoch nun hinter ein paar Wolken verkrümelt. Zeit, um hineinzugehen. Schließlich wird dort auch in ein paar Minuten das Abendessen serviert.    

Mit der Fram über den Nisser
Nebelumwabert präsentiert sich das Hochplateau am Fuße des Gaustatoppen am nächsten Morgen. Der Berg? Völlig in den Wolken verschwunden. Doch mit jedem Meter, den es durch das Tuddalsdalen nach unten geht, lockert die Bewölkung auf. Die herrlich rustikale Stabkirche von Heddal bekommt sogar schon die ersten Sonnenstrahlen ab. Und die Blüten und noch kleinen Früchte an den Bäumen im Obstanbaugebiet rund um Bø saugen das Licht förmlich auf. Auch die »MS Fram« gleitet am späten Nachmittag im Sonnenschein über den See Nisser. Unser »Fridtjof Nansen« heißt Ralph und steuert das mehr als ein Jahrhundert alte Holzschlepp-Boot geschickt durch die Inseln vor Vrådal. Unter Deck gibt es Krabben zum Knabbern, auf Deck frische Luft und einen Rundumblick auf diesen fantastischen Teil der Telemark mit bewaldeten Hügeln, Felsen und dem dunklen Wasser des Nisser- Sees, über dem das frische Grün der Birken leuchtet. Direkt oberhalb des Anlegers liegt das Straand-Hotel, vor dem gerade ein paar Oldtimer stoppen. »Die sind Teil einer Rundfahrt und machen Station bei uns«, erzählt Sigmund, der die traditionsreiche und charmante Unterkunft in der fünften Generation leitet.  

In Opas Fußstapfen
Und natürlich kommt man in der Telemark kaum am Telemarkkanal vorbei. Mehr als 100 Kilometer liegen zwischen dem Küstenort Skien und dem Ende des historischen Wasserwegs in Dalen, das von 1.000 Meter hohen Gipfeln überragt wird. Heute werden hier jedoch nicht mehr Holz und andere Güter transportiert, sondern Touristen, die auf der M/S Victoria oder der M/S Henrik Ibsen einen Platz auf dem Deck suchen. Kapitän auf dem nach dem berühmten Dichter genannten Schiff ist Tor. »Schon mein Großvater arbeitete an Bord«, erzählt er. Der Norweger trat in dessen Fußstapfen, fing auf dem Deck an und arbeitete sich gewissermaßen bis zur Brücke, dem höchsten Punkt des Schiffes, nach oben. Aber selbst sein Opa war nicht während der Anfänge des Kanals dabei. Denn dafür muss man mehr als 150 Jahre bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgehen. 1892, als der Kanal fertiggestellt wurde, sprach man vom »achten Weltwunder «. Sonderlich viel hat Tor aber jetzt nicht zu tun, als wir über den Flåvatn fahren. »Jetzt macht der Computer die Arbeit«, sagt er und blickt hinaus aus dem Fenster. Dicht bewaldete Berge säumen die Fahrtroute über den See, an einigen Stellen tauchen nahezu senkrechte Felswände ins Wasser ab. Da bleibt nicht viel Platz für den Menschen, nur vereinzelt ist einmal ein Hof zu sehen mit Wiesen drum herum und schönen roten Scheunen. Auf den engen Abschnitten jedoch muss er selbst steuern. Sollte hier die Elektrik versagen, kann er immer noch das große Steuerrad nehmen. »Das ist nicht nur Nostalgie, sondern auch Sicherheit «, ergänzt Tor. In Lunde wechseln wir das Schiff, aber nicht den Stil. Die »Victoria« ist sogar noch 25 Jahre älter als der »schwimmende Dichter« und seit 1882 ohne Unterbrechung zwischen Skien und Dalen unterwegs. Für die betagte Dame sind die Schleusen von Vrangfoss auch nichts Besonderes mehr, für die sie eine Dreiviertelstunde braucht. Die Besucher dagegen staunen umso mehr über dieses Meisterwerk der damaligen Ingenieure, das das Schiff über fünf Stufen insgesamt 23 Meter nach unten in Richtung Meer, in Richtung Skagerrak bringt. Dorthin, wo diese Reise ihren Anfang nahm.  

Allgemeine Informationen

zur Telemark bei:
Visit Telemark
Uniongata 18
N-3732 Skien
www.visittelemark.com

Anreise

Mit den modernen Schiffen der Fjord Line (www.fjordline.com) von Hirtshals an der Nordspitze Dänemarks nach Langesund in Südnorwegen als idealem Ausgangspunkt für Rundreisen. Preis für 2 Personen inkl. Pkw ab 27 Euro/ einfache Fahrt. Weitere Verbindungen von Hirtshals nach Bergen, Stavanger und Kristiansand, die auch miteinander kombiniert werden können.

Übernachtung

Hirtshals (vor der Abfahrt nach Norwegen): Montra Skaga Hotel, www.skagahotel.dk
Skien: Clarion Collection Hotel Bryggeparken, www.nordicchoicehotels.no
Rjukan: Gaustablikk Høyfjellshotel, www.gaustablikk.no
Einsam auf dem Berg gelegenes Hotel mit tollem Rundumblick – auch auf den Gaustatoppen.
Vrådal: Quality Straand Hotel & Resort, www.straand.no
Traditionsreiches Hotel mit charmantem Ambiente in unmittelbarer Nähe des Nisser-Sees; Rad- und Bootsverleih.

Sehenswert

Porsgrunn: Porsgrund Porzellanfabrik und Museum, Skien: Henrik Ibsen Museum, www.telemarkmuseum.no,
Notodden: Telemarksgalleriet/ Lysbuen Industriemuseum, www.telemarksgalleriet.no,
Rjukan: Vemork - Norwegisches Industriearbeitermuseum, www.visitvemork.no,
Rjukan: Krossobahn, www.krossobanen.no,
Heddal: Stabkirche, www.heddalstavkirke.no,
Morgedal:
Ski Museum, www.vest-telemark.no,
Bootsfahrt mit der M/S Fram auf dem Nisser-See, www.ms-fram.no, Bootstouren auf dem Telemark-Kanal, www.visittelemark.com.