Zum Nordis-Onlinespezial " Wandern in Skandinavien"

Wandern in der Heimat John Bauers

TEXT & BILD: Thomas Krämer

John Bauer kennt in Schweden jedes Kind. Der 1918 bei einem Schiffsunglück im Vättern ums Leben gekommene Maler hatte Inspiration für seine Arbeiten auch in den Wäldern Smålands bekommen und eine Zeit lang am Bunn-See gewohnt. An ihn erinnert der John Bauerleden, der über rund 50 Kilometer von Huskvarna nach Gränna führt.

»Wann hast du das letzte Mal eine Blumegenauer angeschaut? « Sven bringt mich zum Grübeln. Ich sitze mit dem Schweden an einer Feuerstelle des John Bauerleden, beiße in mein Käsebrot, während er sich eine Tasse Kaffee einschenkt. »Schon lange her«,bekenne ich. Und auch auf seine Frage hin, ob ich mich schon einmal zumindest für ein paar Minuten dem Alltag einer Ameise gewidmet habe, muss ich passen. »Schon komisch«, sagt er, »im Fernsehen werden von den Menschen Naturdokumentationen eingeschaltet, sind sie aber selbst draußen, schauen sie nicht mehr hin«, sagt der IT-Techniker aus Göteborg, der sich für den Bauerleden ganze vier Tage Zeit genommen hat. Es war eine Begegnung mitten in den Wäldern Smålands, die michauf der ganzen Wanderung begleiten sollte.

Schweißtreibender Beginn
Rund 50 Kilometer ist der Wanderweg durch den nördlichen Teil von Småland lang. Keine Extremtour, mit der man vor seinen Freunden prahlen kann. Auch keine Wanderung durch die Wildnis. Zwar ist Schweden in diesem Bereich dünn besiedelt, aber der Mensch hat hier überall seine Spuren hinterlassen. Der Beginn des Bauerledens in Huskvarna ist schweißtreibend. Es geht steil hinauf auf den Huskvarnabergen. Der liegt rund 150 Meter über dem Vättern und ist eine geologische Besonderheit: Er besteht aus Gabbro und Diorit, die deutlich mehr Minerale enthalten als Granit, der in weiten Teilen Smålands dominiert. Daher wachsen hier Pflanzen, die man sonst eher selten in dem Landstrich findet. Etwas Besonderes ist auch die Aussicht auf den See und die Häuser von Jönköping. Sonne und Wolken treiben an diesem Tag einspannendes Schauspiel mit interessanten Beleuchtungsvarianten – sprich: Regenschauer und Sonne wechseln sich in schneller Folge ab.

Sobald man die IKHP-Stuga, das Heim des örtlichen Sportvereins, hinter sich gelassen hat, beginnt die Wanderung durch das Land von John Bauer. Beeindruckend schon zu Anfang das Ulvadalen mit einer artenreichen Fauna und Flora. Zwei Aussichtspunkte, dann schwenkt der Weg nach Westen. Wälder undFelder wechseln sich ab und von Brunkulla aus blickt man auf gleich zwei Gewässer: den Landsjön sowie den dahinter sich schier endlos ausbreitenden Vättern. Fjällstorp, knapp zehn Kilometer nach dem Start des Bauerleden gelegen, ist die erste Übernachtungsmöglichkeit auf der Strecke. Windschutz,Feuerstelle, Toilette und die Chance, die Wasservorräte aufzubessern: Mehr braucht man als Wanderer nicht.

Nächste markante Wegmarke ist der Pukasjön, ein kleiner See, an dessen Nordufer der Weg entlang führt. Eine prima Gelegenheit zum Baden, bevor es hinaufgeht zur Übernachtungsstelle von Uvenstorp. Die liegt zwar wenig schön auf einer Kuppe, wo vor nicht allzu langer Zeit Bäume gefällt worden sind. Dafür kann man hier bei klarem Himmel Sterne sehen, außerdem trägt der leiseste Lufthauch Mücken und Fliegen davon. Durch dichten Wald geht es weiter, mal auf einfachen Pfaden oder Forstwegen.

Premiere für Lukas
Pelle ist hier in seinem Element, zieht Herrchen Erik sowie Sohnemann Lukas immer weiter nach Norden. »Ich bin sonst eher im norwegischen Jotunheimen unterwegs«, erzählt der durchtrainierte Däne. Lukas habe abermal eine mehrtägige Wanderung mitmachen wollen, so sei man auf den Bauerleden gekommen. »Eine schöne und gut markierte Tour und mit ein bisschen Kondition problemlos zu machen«, sagt er, bevor Pelle an der Leine zerrt. »Wir müssen weiter«, schmunzelt er und folgt seinem Hund.

Nöjdatorpet heißt die Stelle, an der wir uns begegnet sind. Der Wohnort eines Soldaten namens Frans Nöjd, der bis 1885 dem König gedient hatte und in einem Brief des Monarchen diesen Platz zugewiesen bekommen hatte – inklusive detaillierter Angaben zur Größe der Türen und der Feuerstelle – Ob der Mann hier ein gutes Leben hatte? Einsam war es, dafür aber nur ein paar Meter vom See Ramsjön entfernt. Durch die umliegenden Hügel geschützt vor den Winterstürmen mit genügend Wald, um im Winter die Hütte auf erträgliche Temperaturen aufheizen zu können. Die Sonne zaubert zwischen dunklen Wolken eine Art Glasperlenspiel auf den See, ein Kranichpaar auf einer Wiese am Ufer meckert lauthals über die Störung, mit den grasenden Kühen auf der Wiese haben sie sich scheinbar abgefunden.

Auf und nieder geht es jetzt, gut fünf Kilometer sind es nun bis zum nächsten Windschutz. Oder man läuft noch ein paar Kilometer weiter – kann auch am See entlang abkürzen – und erreicht den kürzlich neueröffneten Bauergården. Das Hotel ist ein idealer Platz für einen Ruhetag oder gar als Basis für Tagesausflüge. Zum Haus gehört ein Badestrand mit Sauna, man kann Kanus ausleihenoder mit Sigge und seinem Boot »JohnBauer II« eine Tour über den Bunn-See machen. Dabei geht es über enge Kanäle mitten durch einen verwunschen Wald. »Eine Biberburg«, sagt Sigge bei der Tour und zeigt auf eine Ansammlung von dünnen Baumstämmen am Ufer, während »John Bauer II« im Schritttempo weitertuckert. Kaffee gibt’sunterwegs, Sandwiches und Kekse – und zu sehen einen Fischadler, der sich von seinem Ansitz in einem Baum am Ufer in den Himmelerhebt.

Schauer sei Dank
Die mittlerweile gewohnten orangefarbenen Markierungen sind fast vom Hotelfenster aus zu sehen. Schauerwetter ist an diesem Tag angesagt. An den Häusern von Bunn vorbei führt der Weg wieder hinein in den Wald. Der Boden ist feucht, es riecht nach Pilzen und wenig später nach Kuh. Denn nun geht es über eine offene Landschaft mit einzelnen großen Bäumen, schier endlosen Steinwällen und neugierig dreinschauenden Wiederkäuern nach Perstorp und Äng. Ein Stück des Bauerleden, das fast schon ein Symbol ist fürdie gesamte Strecke.

Ein leichtes Rauschen zieht durch die Luft, wird lauter. Ein Auto?Wind? Nein, Regen! Wie eine gläserne Wand nähert sich ein Schauer. Die schwarze Wolke, die auf mich zuzieht, scheint ihren gesamten Inhalt auf einmal entleeren zu wollen. Zum Glück bin ich gerade in der Nähe eines einzelnen Gehöfts, renne unter das Vordach einer Scheune. Glück gehabt! Und ich sollte noch mehr Glück haben. Wenige Minuten später hält ein Auto, eine Frau steigt aus und läuft auf mich zu. »Komm rein, da ist es trockener«, sagt die Schwedin, die sich kurz darauf als Ann vorstellt. »Willst du einen Kaffee?« Gerne! Seit mehr als zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann hier in Äng, näht Kleidung, fertigt Mützen, malt, bastelt Fabelwesen, die wunderbar zu diesem Platz am John Bauerleden passen und verkauft diese in ihrem kleinen Kunsthandwerkladen. Im Erdgeschoss – ihrem kleinen Loppis – findet man Sachen, die manche nicht mehr brauchen, die bei anderen jedoch eine neue Verwendung finden.

Draußen laufen zwei Wanderer vorbei, die Kapuzen sind nicht mehr über den Kopf gezogen. Tatsächlich scheint die Sonne. »Hej då, Ann«, verabschiede ich mich von der netten Schwedin und laufe an Kühen vorbei hinunter in ein Tal, in dem sich laut Wegbeschreibung einmal Mühlräder gedreht haben. Dort sind Birgit und Ingvar damit beschäftigt, mit Seilen, einem Rechen und einem 60 Jahre alten Traktor Pflanzen aus dem Wasser zu ziehen. »Uns wächst sonst alles hier zu«, erzählen sie und setzen die Winde in Gang. Bald würde man Körbe mit den Flusskrebsen aussetzen, da müsse das Wasser sauber sein .Im vorigen Jahr hätten sie für die Kräftskiva, das traditionelle Krebsessen, rund 300 Tiere aus dem Teich gezogen. Ob sie diese dann mit den doch sehr skurrilen bunten Hüten auf dem Kopf gegessen haben, verraten sie nicht, sondern quittieren die Frage mit einem breiten Lächeln.

Grande Finale auf dem Tegnérturm
Nun wendet sich der Bauerleden nachWesten, dorthin, wo nach einem kurzen Abstieg die Wellen des Vättern zu hören und zwischen den Buchen auch zu sehen sind. Immer ein Stück oberhalb des steil abfallenden Ufers geht es dahin im grünen Licht eines dichten Laubdachs. Schade nur, dass die E4 immer im Hintergrund zu hören ist. Das Rauschen der Straße wird wenig später durch das Rauschen des Wasserfalls von Röttle übertönt. Der überaus sehenswerte kleine Ort war früher ein wichtiger Standort für Betriebe, die die Wasserkraft nutzen. Heute zieht es die Menschen vor allem in das hübsche Küstenstädtchen Gränna, in die Cafés des Sommerfrischlerortes, wo man kaum ein Kind ohne die berühmten weiß-roten Polkagrisar sieht. Die Zuckerstangen haben den Ort mindestens so berühmt gemacht wie der Polarforscher Salomon Andrée, dessen gewagter und tödlicher Ballonfahrt in Richtung Nordpol im Museum am Marktplatz gedacht wird.

Ob man am Ende den Rucksack in einem Hotel oder einer Pension in Gränna ablegt oder sich mitsamt Gepäck noch den Ausblick auf den Vättern gönnt, hängt von der Schwere der Beine ab. Den Grännaberget oberhalb des Zuckerstangenortes schafft man noch gut mit dem Rucksack auf den Schultern. Beim steilen Anstieg hinauf zum Tegnértornet wünscht man sich jedoch den Rucksack in die Pension. Noch genau 144 Stufen nach oben, dann hat man den – geografischen – Höhepunkt des Bauerleden erreicht. 351 Meter über dem Meer und 262 Meter über dem Vättern blickt man im Westen auf die glitzernde Wasseroberfläche des Sees und die Insel Visingsö, im Norden auf ein paar sich langsam drehende Windräder, im Osten auf weite Wälder und im Süden auf ein Mosaik aus Seen, Wäldern –und den John Bauerleden.

Allgemein

Infos zu Småland unter www.visitsmaland.se

Sehenswert

Bootfahrten über den Bunn-See und seine Kanäle. In der Hauptsaison tägliche Abfahrten um 12:30 Uhr und bei schönem Wetter um 15:45 Uhr. Startpunkt ist der Badeplatz Bunnström.
Trolska Båtturer
Tel. +46-70791 78 10
www.trolska.se

Anreise

Am schnellsten mit den Fliegern von BMI Regional (www.bmiregional.com) in 1,5 h direkt von Frankfurt/M. nach Jönköping; Mietwagenverleih direkt am Flugplatz. Wer mit dem eigenen Auto unterwegs ist, kann die Fähren der Stena Line (www.stenaline.de), TT-Line (www.ttline.com) oder Scandlines (www.scandlines.de) nehmen. Mit dem Zug geht es via Kopenhagen nach Malmö und hinauf nach Jönköping bzw. Huskvarna.

Übernachtung, Essen & Trinken

Auf dem Bauerleden stehen in regelmäßigen Abständen kleine Unterstände mit Feuerstelle zum Übernachten zur Verfügung. Ein Zelt oder Tarp ist trotzdem empfehlenswert, falls diese einmal belegt sind. Isomatte und Schlafsack gehören auf jeden Fall in den Rucksack. Alternativ dazu kann man mit leichtem Gepäck den Bauerleden auch in zwei Tagen wandern. Ungefähr auf halber Strecke in Bunn am gleichnamigen See liegt der Bauergården. Das moderne Hotel verfügt über Zimmer, Hütten, Sauna, Bootsverleih und eine hervorragende Küche.

Bauergården Bunn
S-563 93 Gränna
Tel. +46-36 540 06
info@bauergarden.se
www.bauergarden.se