Mit dem Ranger unterwegs in Finnisch-Lappland

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Patrouille am Polarkreis
Metsähallitus heißt die finnische Forstverwaltung, die nicht nur auf das wichtige Wirtschaftsgut Wald ein Auge hat, sondern auch ein dichtes Netz von Hütten für Wanderer, Jäger und Angler unterhält. Doch die Hütten wollen gepflegt, mit Holz und Gas ausgestattet werden. Und das machen die Mitarbeiter vor allem im Winter – dem Schneemobil sei Dank!

Der Morgen ist eisig kalt. Lappland war über Nacht zu einem Gefrierschrank geworden. Mittlerweile kitzelt die Sonne mit ihren ersten Strahlen die Wipfel der Fichten, die auf der Metsähallitus-Station in Kiilopää stehen. Die finnische Forstverwaltung unterhält im ganzen Land ein fantastisches System: Die im Wald stehenden Hütten kann jeder kostenfrei zum Übernachten nutzen. Man findet hier Feuerholz, Gaskocher und Holzpritschen, auf denen man es sich mit der Isomatte bequem machen kann. »Vandalismus ist selten«, sagt Tapani, der die Hoheit über den Nationalpark Urho-Kekkonen und die umliegenden Wälder rund um Saariselkä in Finnisch-Lappland hat. Trotzdem sind er und seine Mitarbeiter regelmäßig unterwegs auf Patrouille, um die Hütten zu kontrollieren und ein wachsames Auge auf den Wald zu haben. »Ich zeige dir, was wir heute vorhaben«, sagt der Ranger, den ich auf einer Patrouillenfahrt begleiten darf. »Wir sind hier«, sagt er und zeigt mit dem Finger auf die Landkarte. »Und dort werden wir ein paar Hütten kontrollieren«, ergänzt der Forstchef und kreist mit der Hand um eine Fläche rund um den Fluss Ivalojoki im Hammastunturi-Gebiet südwestlich von Ivalo. Falls es zu spät würde, könne man dort übernachten. »Da haben wir eine recht komfortable Bleibe«. Tapani schlüpft in seine Winterklamotten, schultert einen Rucksack und stapft hinaus in den tiefen Schnee. Zwei Schneemobile sind schon auf dem Anhänger verladen, der an einem Allradfahrzeug hängt. Los geht’s! Mit den zwei Schneemobilen auf dem Hänger schaukeln wir auf der kleinen, schneebedeckten Straße Richtung Guhtur, einer Sámi-Siedlung am Ufer des Ivalojoki. In einer Parkbucht am Straßenrand manövriert der Finne den Anhänger an die Schneewand am Straßenrand, so dass die Schneemobile direkt auf den Boden gefahren werden können.

Schwierige Zeiten für Tiere

Tapani kontrolliert noch einmal die Ausrüstung, schaut nach dem Schlüssel für die Übernachtungshütte und drückt den Starterknopf seines fast nagelneuen Schneemobils, eines Viertakters, der deutlich weniger Krach macht als der ältere Zweitakter, mit dem ich unterwegs bin. Die ersten Meter fahren wir am Straßenrand, dann biegen wir auf einem tief verschneiten Weg nach Norden ab. Schon nach wenigen Kilometern begegnen wir zwei Mitarbeitern der Forstverwaltung. Sie hatten zwei Hütten in der Gegend mit Feuerholz versorgt und geschaut, ob sonst alles in Ordnung ist. »Nichts Besonderes«, berichten sie ihrem Chef und machen sich auf den Rückweg. Wir kreuzen die Spuren eines Elches. »Für die Tiere ist es nun eine schwierige Zeit«, erzählt Tapani. Denn bei den tiefen Temperaturen brauche der Körper viel Energie, um die Temperatur zu halten. Andererseits gibt es kaum essbare Pflanzen. Die Raubtiere würden vor allem auf Kadaver von Elchen oder Rentieren aus sein. »Es spart Kraft, wenn man nicht jagen muss«, erklärt er. Ungewöhnlich sei, dass die Kraniche so früh im Jahr – wir haben noch Februar! – da seien. »Sie werden es hoffentlich überleben«, ergänzt der Ranger. Tapani folgt dem Weg seiner Mitarbeiter auf einem Waldweg, biegt dann jedoch ab und legt eine frische Spur in den tiefen Schnee. Hinter den schneebedeckten Zweigen taucht bald eine Hütte auf. Grau ist das Holz der Wände, ausgeblichen von unzähligen Sonnenstunden, getränkt von Millionen Regentropfen, abgefräst von den Winterstürmen, die bisweilen ungebremst über diese Region nördlich des Polarkreises hinwegfegen.

Buddeln im Tiefschnee

Es ist eine Hütte mit Geschichte und Geschichten. An der Bohlenwand hängen eine Säge, ein Kescher und ein BH, auf einem Regal stehen zwei leere Weinflaschen, löslicher Kaffee und Goldsucher-Unterkunft«, erzählt Tapani über die Pahaoja-Hütte. Ein Mann namens Hannu Postila hatte hier Ende des 19. Jahrhunderts nach dem edlen Metall gesucht. Später, in den 1920er Jahren, hatte die Firma Lapin Kulta an dieser Stelle eine Basis. Sie führte den industriellen Goldabbau ein, transportierte schweres Gerät in diese unwegsame Gegend, verlegte Schienen, auf denen die schweren Loren für den Abtransport des Erzes rollten. Doch der Aufwand lohnte sich nicht, der Ertrag war marginal, die Firma ging 1927 pleite. »1969 sicherte sich die Brauerei in Tornio den Namen, seitdem gibt es das bekannte finnische Bier mit diesem Namen«, sagt Tapani. Im Hüttenbuch ist zu sehen, dass die spartanische Unterkunft weiterhin genutzt wird. »Feuerholz ist auch noch genügend da«, sagt Tapani, als er von seiner Runde um die Hütte zurückkommt. Alles in Ordnung, wir können weiter. Sollten das auch. Die Tage im Februar sind kurz, und wenn der Himmel so bedeckt ist wie an diesem Nachmittag, wird es schon bald düster. Zuerst einmal müssen wir wenden. Gar nicht so einfach in dem knapp einen Meter hohen, lockeren Pulverschnee. Der Ranger lenkt seinen Schlitten um einen Busch – und sinkt in ein Schneeloch. Seine Handbewegung ist eindeutig: Folge mir nicht! Und das aus gutem Grund: Tapani braucht Platz. Zuerst einmal muss der Hänger abgekoppelt werden. Schon allein das dauert seine Zeit, denn ein Fortkommen im hüfttiefen, lockeren Schnee ist nicht einfach. Dann nimmt er die Schaufel, schippt den Schnee unter der Antriebskette weg, damit diese wieder greift. Vor und zurück schaukelt er nun sein Gefährt, präpariert sich so eine Bahn, bis das Schneemobil Halt findet. Viel Gas, ein letzter Schwung, dann steht der Scooter wieder auf vergleichsweise sicherem Grund. Rund eine halbe Stunde hatte das ganze Manöver gedauert. Und es zeigt, dass selbst erfahrene Schneemobilfahrer wie Tapani nicht davor gefeit sind, buddeln zu müssen. »Deshalb sollte man nie nur mit einem Schneemobil unterwegs sein«, betont er. Zu Fuß hätte man hier kaum eine Chance, wieder in die Zivilisation zurückzukommen. Und die Nächte können bitterkalt werden ...

Glücklose Goldsucher

Unser nächstes Ziel ist eine Hütte im Tal des Ivalojoki. Doch wo kommen wir am besten in das Flusstal hinunter? Das hat sich nämlich im Laufe der Jahrtausende tief in den Untergrund eingegraben, die Ufer sind vielerorts steil. Im Sommer ist das kein Problem, aber jetzt, im Winter, mit den Schneemobilen, da muss man nach einer geeigneten Abfahrt suchen – unsere Erfahrung im Tiefschnee hatten wir bereits gemacht, Tapani zieht Karte und Kompass zu Rate. Sucht nach dem Sommerweg. Findet ihn auf dem Papier. Aber wo sind wir jetzt genau? Die Orientierung ist schwierig, die Sonne nicht zu sehen, die Landschaft versteckt sich hinter schneebedeckten Bäumen. Da hilft das GPS. Doch trotz der nun bestimmten Position drehen wir eine Ehrenrunde im Einheitsgrau, bis wir eine zwar steile, jedoch auch sichere Abfahrt hinunter zum unter einer dicken Eisschicht liegenden Fluss finden. Jetzt geht es zügig voran, vorbei an einem großen hölzernen Gestell, an dem früher Gold gewaschen wurde. Zumindest hat man es versucht, allerdings erfolglos. »Das war ein Schwede, der die Anlage irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet hat«, weiß Tapani. Nur hatte er sich die falsche Stelle ausgesucht: felsigen Grund anstatt Sand, wo sich üblicherweise das Gold ablagert. Weiter geht es an einer Stromschnelle vorbei, wo das Wasser das Eis meterhoch aufgetürmt hat. Bald erreichen wir eine kleine Hüttensiedlung auf einer Lichtung am Flussufer. Eines der Gebäude war kürzlich erst wieder saniert worden. »Ausschließlich mit Naturmaterialien wie Holz und Moos.« Alles andere würde angesichts von Temperaturunterschieden von 60 Grad, Regen und Sturm schon bald kaputt sein. »Wir bauen die Hütten heute noch genauso wie früher«, sagt Tapani und blickt in das Hüttenbuch. »Vor einer Woche hat hier ein einsamer Skiwanderer übernachtet«, liest Tapani vor. Er sei so nett gewesen, die Feuerstelle für den nächsten Gast vorzubereiten, so die Notiz des Unbekannten. Schließlich pflügen wir noch zu einer Lichtung oberhalb des Flusses. Hier stehen ebenfalls einige Hütten, die bestens in Schuss sind. »In Kultala hat früher ein Regierungsbeamter gewohnt, der ein Auge auf die Goldsucher, Steuer eingetrieben und Streitigkeiten geschlichtet hat«, erzählt der Finne.

Ärger mit vier Takten

Mittlerweile ist es fast dunkel. Die Scheinwerfer der Schneemobile tapsen durch die Nacht, beleuchten die vor uns liegende Spur. »Wir sind gleich da«, bedeutet mir Tapani bei einem kurzen Halt und lenkt seinen Schlitten auf eine Anhöhe oberhalb des Ivalojoki, umkurvt eine Baumgruppe und stoppt vor einem schnuckeligen Holzhäuschen. »Hier werden wir übernachten« sagt er und öffnet die Türe. Ich kümmere mich kurz darauf um das Feuer im Ofen, Tapani holt Wasser aus einer nahen Quelle und heizt die Sauna an. Bald kocht Rentiersuppe im Topf – unsere Vorspeise, bevor es in die Sauna geht. Eine gute Stunde heizen wir unsere Körper auf, kühlen sie im Schnee wieder ab, wiederholen das ganze zwei Mal und freuen uns dann auf das Abendessen: Pasta mit Elchfleisch. Angesichts des wolkenverhangenen Himmels hatte ich mir keine Hoffnung auf Nordlicht gemacht. Aber als ich vor die Tür trete und zum Himmel schaue, sind einige Sterne zu sehen. Und dieser leichte Lichtschein, sind das Restwolken oder schon ... Die Antwort bekomme ich schnell, vergrößert sich der Lichtfleck doch, beginnt grün zu leuchten und am Himmel einen Ring zu bilden: die Aurora borealis! Welch Abschluss eines tollen Tages in der winterlichen Einsamkeit Lapplands! 27 Grad unter Null zeigt das Thermometer am nächsten Morgen. Es war eine bitterkalte Nacht. Wir trinken dampfenden Kaffee, räumen die Hütte auf, packen unsere Sachen zusammen und verstauen sie auf den Schlitten. Tapani drückt den Anlasser seines nagelneuen Schneemobils, erwartet das Ächzen des Motors. Nichts passiert. Stille. Ein weiterer Versuch. Nicht einmal ein Klicken ist zu hören. Auch die Instrumentenbeleuchtung bleibt dunkel. »Kein Saft«, stellt er lapidar fest. »Schneemobile haben oft noch eine Kurbel, mit der man sie im Notfall von Hand anwerfen kann«, hofft der Finne und entriegelt die Verkleidung. Doch da ist nichts.Vielleicht weiß ein Kollege Rat oder kann die Nummer der Schneemobilwerkstatt weitergeben. Aber der Blick auf das Mobiltelefon ist ernüchternd. Kein Balken. »Wir sind zu weit ab vom Schuss«, sagt Tapani, »aber dort oben auf dem Berg sollte es klappen«. Zu Fuß wird das im tiefen Schnee lange dauern, sagt er und blickt auf mein Schneemobil. Einen schon in die Jahre gekommenen Zweitakter. »Ich versuche es.« Ein Druck auf den Starter, ein kurzes Röcheln unter der Haube, dann röhrt der Motor. Noch etwas unrund und mit einer Abgasfahne, die den blauen Himmel verdunkelt. Aber immerhin!

Sonne als Retter

»Ich bin in einer halben Stunde zurück«, sagt Tapani und prescht in Richtung Hügel davon. Ich verkürze mir die Wartezeit mit einem Streifzug durch den tief verschneiten Wald mit seinen fantastischen Formen, mit dem Spiel von Sonne und Schatten. Irgendwann ist das Röhren eines Schneemobils zu hören, Tapani kommt in einer Schneewolke zum Stehen. »Wir sollen es noch einmal probieren«, gibt er den Rat des Mechanikers weiter. Wie eine Prinzessin von einem Märchenprinzen scheint das den Forstdienst verweigernde Gefährt durch die Sonne wachgeküsst worden zu sein. Ohne Murren springt der Viertakter an, röchelt kurz und schnurrt dann wie ein zahmes Kätzchen. Tapani lächelt zufrieden.
Kurz darauf sind wir wieder auf dem Ivalojoki unterwegs, umkurven Stromschnellen und Eisschollen, nehmen auf dem Flachstück Fahrt auf und verlassen an einem Nebenfluss das Tal. Passieren eine weitere Goldgräberhütte und kommen zurück auf die Spur, die wir am Vortag gelegt hatten, erreichen das Auto, wo der Nationalparkchef die Motorschlitten wieder auf den Anhänger manövriert. Der Viertaker und Tapani werden jedoch vermutlich keine Freunde werden. »In der Wildnis brauchst du zuverlässige Ausrüs-tung« sagt er – und träumt vermutlich von einem alten Zweitakter mit Handkurbel.