Kreuzfahrt auf dem Götakanal - Schwimmende Großfamilie

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Bei der Fahrt mit der Juno über den Götakanal passiert man die großartige Landschaft Südschwedens. Noch eindrucksvoller ist jedoch die Stimmung an Bord des betagten Schiffes, die aus den Reisenden Freunde auf Zeit macht.

»Wir werden versuchen, euch in den kommenden vier Tagen nach Göteborg zu bringen«. Kapitän Thomas Blum blickt verschmitzt auf seine Passagiere, die sich im vorderen Speisesaal versammelt haben. Die Chancen stünden sehr gut, die M/S Juno pünktlich von Stockholm über das Meer, über Seen und natürlich den Götakanal an die schwedische Westküste bis Göteborg zu steuern. So trocken kann schwedischer Humor sein. Das betagte Schiff hat es erfolgreich in das Guinnessbuch der Rekorde gebracht. Die schwimmende Göttin ist das älteste Kreuzfahrtschiff, auf dem die Passagiere auch übernachten können. Seit 2004 hat der Staat ein Auge darauf, dass es nicht nennenswert verändert wird, das Schiff gehört zum Kulturgut des Landes. Luxus kommt daher nicht an Bord, dafür bleibt die Tradition erhalten. Mit Aida, Norwegian Cruise Line & Co hat die Juno jedoch allenfalls den Namen Kreuzfahrtschiff gemein. Denn ansonsten ist alles anders. Auf Borddisco, Fitnessraum oder Swimmingpool muss man verzichten. Schließlich muss sich das 1874 in Motola gebaute Schiff durch einen Kanal zwängen, der an einigen Stellen nicht viel breiter ist als die Juno selbst. Geräumige Kabinen, in denen man Walzer tanzen kann, gibt es auf der Juno nicht, dafür sind sie mit Liebe zum Detail ausgestattet. Ohnehin zieht man sich dorthin eigentlich nur zum Schlafen zurück.

Völkerverständigung an Bord

Auf der Juno ist eben alles anders. Angenehm anders. Denn die Enge an Bord bringt die Menschen zusammen. Das Leben an Bord spielt sich in den beiden stilvollen Speiseräumen ab, von denen der Vordere auch als Aufenthaltsraum genutzt wird, vor allem aber auf dem überdachten Sonnendeck. Hier unterhält sich der rüstige Senior aus Kopenhagen mit dem Pärchen aus den USA, das sich die Fahrt über den Götakanal als Hochzeitsreise ausgesucht hat, das junggebliebene Ehepaar aus Süddeutschland mit einem »Kleeblatt« aus zwei befreundeten schwedischen Paaren. »Als Schwede muss man einmal im Leben eine Fahrt auf dem Götakanal gemacht haben«, sagt Erik, der sich allerdings nun schon zum zweiten Mal auf der Juno eingeschifft hat. »Ihr könnt mich oder den 1. Offizier gerne auf der Brücke besuchen und über das Wetter reden oder euren letzten Urlaub«, hatte der Kapitän bei der Begrüßung gesagt. Genau das wird ausgiebig genutzt. Thomas Blum mag den engen Kontakt mit der Besatzung und den Passagieren. »Hier an Bord wird man zu einer großen Familie«, gibt er seine langjährige Erfahrung auf dem Götakanal wieder. Sehr oft kämen Leute auf die Juno, die schon auf allen Weltmeeren mit den Kreuzfahrtriesen unterwegs gewesen seien, sagten dann, dass die Fahrt auf der Juno ihr schönstes Erlebnis gewesen sei. Und das nicht nur wegen der fantastischen Landschaft, sondern auch und vor allem wegen der besonderen Atmosphäre an Bord.

Kaffe in Trosa

Natürlich ist es auch die Umgebung, die die Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis macht. Gleich zu Beginn bekommt man die beiden Gesichter Stockholms zu sehen: das königliche Schloss, die Altstadt und die schwimmende Jugendherberge Af Chapman, aber auch die modernen Häuserfronten von Hammarby. Und nachdem man es sich gemütlich gemacht hat im Korbstuhl passiert man das in der Sonne glänzende königliche Schloss Drottningholm, gleitet entlang von rot-weißen Schwedenhäuschen, Ferienhäuschen und Badestegen vorbei in Richtung der ersten Schleuse in Södertälje. Dann wird auch schon das Mittagessen serviert. Wir sitzen mit einem älteren Paar aus Kopenhagen zusammen, beides Ärzte mit großem Interesse für Geschichte, auch deutsche Geschichte – und darin bisweilen bewanderter als man selbst. Bei Krabben wird über Kaiser und Könige geplaudert, beim Roastbeef über Kunst und Kultur. Den ersten Kaffee gibt´s an Deck, den zweiten in einem gemütlichen Café in Trosa. »Ein Gang durch die Gassen lohnt sich unbedingt«, hatte Kreuzfahrtdirektor Kristoffer empfohlen, der sich in mehreren Sprachen fließend zu verständigen weiß. Der Schwede ist Ansprechpartner für alle Fragen an Bord und praktisch immer im Dienst. »Ich ruhe mich ein wenig aus, wenn ihr esst«, sagt er schmunzelnd.
Es ist der erste Abend an Bord, mittlerweile haben sich alle sortiert. Man kennt seinen Tisch, weiß, in welche Liste man seinen Wunsch für das Tischgetränk eintragen kann und wo man sein Kreuzchen für Bier, Wein oder Limonade machen muss. Auch das leckere Mehrgängemenü, das in der kleinen Küche unter Deck gezaubert und per Speisenaufzug nach oben gebracht wird, lernt man spätestens jetzt zu schätzen. Den obligatorischen Kaffee nach dem Essen gibt es wieder an Deck, während die Juno durch das Schärenreich vor Nyköping gleitet und die Abendsonne mit ihren wärmenden Strahlen das Schiff umhüllt. Erst kurz vor Mitternacht lehren sich die Sessel, kehrt Ruhe ein auf der Juno, auf der nur noch das sanfte Tuckern der Diesel und die Lenkbewegungen des Ruders zu hören sind.

Frühsport am Kanal

Ein leichter Schlag weckt mich, das erste Licht des Tages dringt durch die leicht geöffnete Tür. »Frühaufsteher können morgen ein Stück neben dem Schiff herlaufen«, hatte Kristoffer am Abend vorher empfohlen. So klettert eine Handvoll Passagiere von Bord, als die Juno an der Schleusenkammer festmacht. »Lasst euch Zeit«, sagt Crewmitglied David beim Ausbooten. Das Schiff würde zwar mit rund fünf Knoten fahren und damit schneller sein als ein Wanderer. »Wir müssen jedoch immer wieder Schleusen passieren, das kostet Zeit«.
Es ist gerade einmal halb sechs, Nebelschwaden wabern über das Wasser des Kanals, der Himmel im Osten färbt sich mehr und mehr rot, dann taucht ein gleißender Punkt am Horizont auf, wird schnell größer, dann fallen die Sonnenstrahlen auf das Land, fangen sich an den Tautropfen auf den Wiesen, zaubern Streifenmuster zwischen die Bäume eines kleinen Wäldchens. Ein schlicht atemberaubender Anblick, was vielleicht auch daran liegt, dass die Frühwanderer zum einen ohne Kaffee unterwegs sind und der Kreislauf erst langsam in Schwung kommt, zum anderen auch daran, dass die Juno im Morgennebel hinter einer Biegung entschwindet. Aber David hatte ja gesagt, dass wir uns Zeit lassen können ...

Zeit zum Schauen und Plaudern

Können wir auch. Schnell holen wir unser schwimmendes Heim – zu dem ist die Juno sehr schnell geworden – an der nächsten Schleuse ein. Meter für Meter klettert sie nach oben, um in eine weitere Schleusenkammer zu tuckern. Gesteuert wird der Aufstieg von der Schleusenwärterin, die uns auf diesem Stück mit dem Auto begleitet und Schleusentore öffnet und schließt. Mittlerweile knurrt der Magen. Es ist kurz nach sieben Uhr, die Sonne steht schon ein ganzes Stück höher am Himmel. Da kommt der Kaffee an Deck gerade richtig, und bis zum Frühstück dauert es auch nicht mehr lange. Das gibt es, während die Juno die Flussschlingen bei Norsholm nimmt und schließlich über den völlig ruhigen See Roxen gleitet.
An dessen Ende liegen die Schleusen von Berg – und für die Passagiere eine weitere gute Möglichkeit, sich die Füße zu vertreten. Ziel des kurzen Fußmarschs ist das um 1100 gebaute Kloster von Vreta. Davon stehen heute nur noch die imposante Kirche sowie ein paar restaurierte Mauern der im 16. Jahrhundert aufgegebenen Anlage. Das Schiff erreichen wir an der letzten Berg-Schleuse wieder. Nun zieht eine Wald-, Wiesen- und Feldlandschaft an uns vorbei. Zeit zum Lesen, Dösen, Plaudern, Schauen. Es sind genau diese Momente, gar Stunden, die eine Fahrt auf dem Götakanal so eindrücklich und erholsam machen, das Leben verlangsamen. Das einzig Aufregende bis zum Anlegen am Abend in Motala ist eine Schleuse, die sich erst nach einigen Versuchen schließen lässt und die Weiterfahrt zulässt.

Gesang in Forsvik

Noch im Licht der Sterne legt die Juno am kommenden Morgen ab und nimmt quer über den See Vättern Kurs auf Karlsborg. Hinter den gewaltigen Mauern der hiesigen Festung hätte Schweden im 19. Jahrhundert bei einem Angriff regiert werden sollen. 1819 wurde mit dem Bau begonnen, 90 Jahre (!) später war sie endlich komplett fertig – und völlig überholt. Moderner Artillerie hätte das Bollwerk nicht widerstehen können, weshalb die Festung als Verteidigungsanlage aufgegeben wurde und heute der immer kleineren schwedischen Streitmacht als Kaserne dient. Während wir uns vor Ort durch die Anlage führen lassen, steht bei der Crew eine Sicherheitsübung auf dem Programm. »Mal sehen, ob wir ins Wasser springen müssen«, hatte Kristoffer zum Abschied gesagt. Bei unserer Rückkehr lacht er uns an – und ist völlig trocken. »Wir sind drum herum gekommen«, freut sich der Kreuzfahrtdirektor. »Nun folgt einer der Höhepunkte der Strecke«, sagt Kapitän Thomas nach dem Ablegen bei einem Besuch auf der Brücke. Zuerst geht es über den See Rotten, dann die Schleusen von Forsvik hinauf zum See Viken, dem 92 Meter über dem Meer liegenden »Gipfel« des Götakanals. Problemlos bugsiert Thomas die Juno um eine Engstelle herum, was vielleicht auch an den guten Wünschen liegt, die die christliche Kindbom-Familie den Reisenden in Wort und Klang an der Schleuse mitgegeben hatte. Der Viken selbst ist an vielen Stellen sehr flach, die Fahrrinne mit Holzplanken markiert, die früher zum Treideln der Boote genutzt werden. Man hat auf den engen Passagen das Gefühl, bei einem Waldspaziergang unterwegs zu sein und nicht auf einer Schifffahrt.
Wie ein umgedrehtes V liegt der See in der südschwedischen Landschaft. An seinem Südende geht es in den ersten Schleusen wieder abwärts. Der Kanal, von 58000 Soldaten mühsam in den schwedischen Untergrund gesprengt und gegraben, schlängelt sich durch ein Mosaik aus Feldern und Wäldern. Ursprünglich hätte er für die Schweden den freien Zugang von der Nord- zur Ostsee sichern sollen. 22 Jahre dauerte die Umsetzung der Idee von Baltzar von Platen. Doch die 190 Kilometer lange Wasserstraße sollte nach ihrer Eröffnung 1832 nur für kurze Zeit eine wichtige Rolle für die Infrastruktur des Landes spielen und Wirtschaftszentren verbinden.
Die Eisenbahn machte ihm als Transportweg für die Waren Konkurrenz – und setzte sich durch.
So spielt das »blaue Band« Schwedens heute vor allem für den Tourismus und Freizeitsportler eine wichtige Rolle. Thomas hat unterdessen wieder das Ruder von seinem ersten Offizier übernommen. Acht Tage ist er im Sommer an Bord, dann hat er eine Woche frei. Für den Rest des Jahres führt er auf einem großen Containerschiff das Kommando. Die Frage, was er lieber mag, beantwortet er mit einer Gegenfrage: »Was denkst du?« Die Antwort fällt nicht schwer. Er liebt die Abwechslung auf den Fahrten auf dem Götakanal, wo man mit dem Schiff auch einmal im Schlick stecken bleiben kann oder starker Wind die Passage der beiden großen Seen unmöglich macht. Thomas steuert nun das Schiff in Richtung der untergehenden Sonne. Als wir in Sjötorp am Vänernsee festmachen und das dortige Kanalmuseum besuchen, ist schon die Nacht hereingebrochen. Für die Besatzung bricht nun die Nachtschicht an, während sich die meisten Passagiere noch zu einem Absacker auf Deck treffen. Es ist schließlich der letzte Abend, den man auf dem Boot verbringt. Über Nacht haben wir den größten See Schwedens überquert. Nun schippert die Juno an Vänersborg vorbei und steigt die berühmte Schleusentreppe in Trollhättan hinunter, bevor es auf der natürlichen Wasserstraße des Götaälv zur Küste geht. Am Nachmittag kommt der »Lipstick«, eines der Wahrzeichen Göteborgs in Sicht. Dann gleitet die Juno an den Schiffen des Seefahrtsmuseums vorbei, von denen es einige vom Alter her durchaus mit der betagten Dame aufnehmen können. Die Koffer hat die Crew zu diesem Zeitpunkt schon längst zum Ausgang gehievt. Dann legt die Juno mit einem sanften Schaukeln an. Mannschaft und Koffer stehen am Kai Spalier. Kapitän Thomas Blum lächelt die Passagiere an. Er und die Crew haben es wieder einmal geschafft, pünktlich in Göteborg anzulegen. Und immerhin hatte eine klemmende Schleusentür für Abwechslung auf der Brücke gesorgt.

Sehenswürdigkeiten

Die Fahrt über den Götakanal lässt sich wunder¬bar mit einem Besuch in Stockholm oder Göteborg verbinden. In der schwedischen Hauptstadt wird man natürlich die Altstadt und das Schloss besuchen. Auch ein Ausblick vom Turm des Stadshuset sollte nicht fehlen. Auf dem Programm stehen sicherlich auch ein Gang durch das Freilichtmuseum Skansen und ein Besuch des Vasamuseums. Neben Klassikern wie dem Nordischen Museum und dem Moderna Museet sollte man sich auch das neue ABBA-Museum oder das Spritmuseum ansehen. Kunstfreunde dürfen sich auf das Fotografiska Museet und das Artipelag im Stockholmer Schärengarten freuen. Am besten kommt man mit der Stockholmskarte voran, mit der Busse und Bahnen sowie einige Boote gratis genutzt werden können und mit der man auch freien Eintritt in mehr als 80 Museen und andere Attraktionen hat (www.stockholminfo.se). Außergewöhnlich sind Stadtbesichtigungen mit dem Fahrrad, dem Segway oder dem Kajak (www.stockholmadventures.se).Göteborg lockt mit einer umtriebigen und maritimen Atmosphäre. Unzählige Geschäfte laden zum Shoppen ein. Wissbegierige finden im Wissenschaftszentrum »Universum« sowie im Maritimmuseum genügend Anschauungsmaterial über Technik und Tierwelt, Kunstinteressierte in den Kunstmuseen und Galerien. Stärken kann man sich in der Markthalle oder der Feskekörka oder im gemütlichen Stadtteil Haga. 

Info

Buchung der Reisen auf dem Götakanal bei: Nordic Holidays Marie-Curie-Straße 5, 25337 Elmshorn Tel. 04121-791 10, www.nordic-holidays.de