Island - Natureindrücke zwischen Feuer und Eis

TEXT & BILD: Thorsten Brönner  

Wer sich von dem rauen Wetter Islands nicht abhalten lässt, der wird mit Naturerlebnissen überhäuft. Vor allem abseits der Ringstraße wartet das Abenteuer. Thorsten Brönner hat es gewagt und ist überwältigt.  

Beim Anflug auf Keflavik werden unsere Sorgenfalten größer und größer. Der Pilot steuert die Boing durch dichte Wolken. Erst 100 Meter vor dem Boden klart die Sicht auf. Die Rollbahn ist triefend nass. Daneben verbläst der stürmische Wind kurzstielige Blumen. Vier Wochen Island mit dem Fahrrad, worauf haben wir uns da eingelassen? Am nächsten Morgen kehren wir der Ringstraße Nr. 1 den Rücken und wählen eine einsame Piste, die sich um den Hvalfjördur zieht. Von den steilen Bergrücken stürzt das Wasser in Kaskaden in die Tiefe. Es hat sich eingeregnet. Seit Stunden nichts als Regen. Der Hunger kommt schleichend. Die Kälte kriecht in die Kleidung. Bei der Fahrt auf der Nordseite des Meeresarmes in Richtung See dreht der Wind auf. Er bläst, zerrt, ruckt. Schlingernd steuern wir die schwer beladenen Reiseräder über die Straße. Nach vier Stunden Regenschlacht bei fünf Grad hebt Monika den Kopf. »Da die Hütte kann man mieten«, ruft sie euphorisch aus. Die Packtaschen werden abmontiert, der Tee aufgebrüht. Draußen entwickelt sich das Ganze immer mehr zu einem Sturm. Der Regen fällt nahezu waagerecht und die steife Brise heult durch die Ritzen unserer kleinen Behausung. Was für eine Etappe.  

Die Westfjorde
Eine Woche steuern wir die Küste Islands entlang – stets Kurs Nord. Heute nähern wir uns dem Höhepunkt der Tour, der uns seit über 400 Kilometern antreibt: Vestfirðir – die Westfjorde. Der Nordwesten Islands ist durch eine schmale Landenge mit dem Rest der Insel verbunden. Das von Meeresarmen durchzogene Bergland ist dünn besiedelt. Weniger als 7.400 Menschen trotzen den Elementen der See. Etwas Glück braucht man schon, um einen wolkenlosen Himmel zu erwischen – heute ist so ein Tag. Vorbei an verstreut liegenden Farmen strampeln wir weiter. Rechts die dunklen Basaltberge, links das Meer. Nach rund 40 Kilometern dreht die Straße in Richtung Berge ab und erklimmt den ersten Pass der Reise. Um uns wird es still. Einzig das Murmeln der klaren Bäche ist zu hören. Das Wasser stürzt durch kleine Canyons, spring über Steine, umspült Flechten und Moose. Oben auf der Passhöhe halten sich hartnäckig die letzten Schneereste.  

Das Ende Europas
Die Piste kippt ab, die Räder rollen los. Sie kommen an einem rostenden Schiffswrack zum Stehen. Es ist der Trawler Garðar aus dem Jahr 1912. Hier ist der Abzweig zum Vogelfelsen Látrabjarg. Die Schatten der Tafelberge senken sich bereits auf das Land herab. Vor uns bauen sich nochmals zwei kräftezehrende Hügel auf, die die verbliebene Energie aus den Beinen saugen. Die Sonne verschmilzt mit dem Meer. Wieder Stille. Dämmerlicht. Es ist weit nach Mitternacht und empfindlich kalt, als wir die erlösende Abfahrt antreten. Total erschöpft, aber rundum glücklich schlagen wir unser Zelt am westlichen Ende Europas auf. Tags darauf schälen wir uns gut erholt aus den mollig warmen Schlafsäcken und spazieren über grüne Wiesenmatten zum nahen Vogelfelsen. Beeindruckt stehen wir dort, wo Island sich mit dem Atlantik auf dramatische Weise vereint. 440 Meter hoch sind die Klippen, 14 Kilometer lang. Unten krachen hohe Brecher an die Felsen - Stunde um Stunde, Monat für Monat, seit Jahrmillionen. Bis an die Gestade von Grönland nichts als Wasser, Wellen, Wind. Und Vögel. Papageientaucher tänzeln vor der Kameralinse. Darunter brüten tausende Tordalken, Eisturmvögel, Dreizehenmöwen, Lummen. Es ist ein Kommen und Gehen. Es ist ein Geflatter und Geschnattere. Es ist ein Spektakel!  

Das harte Leben der Fischer
In Isafjörður genehmigen wir uns den nächsten Ruhetag. Der Fischfang ist auf Island bis heute einer der einträglichsten Wirtschaftszweige. Der Hauptort der Westfjorde widmet ihm ein Fischereimuseum. Die Anlage öffnet sich zum Eisfjord hin. Wir sind am Mittag die einzigen Besucher. Ein gutmütig dreinblickender Seebär mit Rauschebart führt uns durch die grasüberwucherten Fischerhütten. In einem der Häuser hängen getrocknete Fische von der Decke herab. Es riecht streng. »Eishai«, erklärt er freudig. Das Leben der isländischen Fischer war bis ins 19. Jahrhundert mühsam. In den Wintermonaten brachen fast täglich Nussschalen mit sieben Mann Besatzung in aller Früh auf. Die Seeleute mussten drei bis vier Stunden zu den reichen Fischgründen hinaus rudern, bevor sie die Seile mit den Ködern auslegen konnten. Dann begann die Zeit des Wartens, der Kampf gegen die eisige Kälte, bis sie den Fang endlich einholen konnten. Am späten Abend erwartete die einzige Frau der kleinen Siedlung die Männer zurück. Erst als der Fang eingesalzen sowie aufgehängt und das Boot an Land gezogen war, konnte man zum Abendessen gehen. Ein hartes Los.  

Aufbruch ins Ungewisse
Auf den nächsten Etappen erklimmen wir kurvenreiche Passstraßen, campen in abgelegen Fjorden und sind begeistert von der rauen Schönheit Islands. Anschließend nähern wir uns Blönduós, einem 900-Seelen-Ort an der Nordküste. Hier beginnt ein neuer Abschnitt: Die Kjölur Hochlandpiste. 160 Kilometer Einsamkeit. Als wir nachts bibbernd vor Kälte um den Schlaf ringen, ist mehr als die Hälfte der Strecke gemeistert. Unser Zelt steht wie in einer Oase am Ufer eines winzigen Baches, der ein wenig Grün in die endlos weite Steinwüste zaubert. Gerädert packen wir am Morgen zusammen, ziehen drei Lagen Gore-Tex-Kleidung an. Der schneidende Wind jagt dunkle Wolken über die karge Hochebene. Das holprige Schotterband dreht nach Südwesten. Jetzt stimmt die Fahrtrichtung. Im Nu erfasst uns die unsichtbare Kraft und schiebt die Räder voran. Nach einer Kuppe weitet sich plötzlich das Panorama. Vor uns erhebt sich der Langjökull, der mit ca. 925 Quadratkilometern zweitgrößte Gletscher Islands. Als wir den Gullfoss erreichen, klart der Himmel auf. Schäumend donnert der Gletscherfluss Hivta über zwei breite Stufen in einen felsigen, bis zu 70 Meter tiefen Canyon. Das Dröhnen wird mit jedem Schritt bedrohlicher, die Wasserschleier mystischer. Ein noch beeindruckenderes Werk als den »Goldenen Wasserfall« hat die Natur mit dem zehn Kilometer entfernten geothermalen Gebiet Haukadalur geschaffen. Wir sind spät dran. Die Sonne berührt gleich den Horizont. Ihre Strahlen tauchen das Tal, aus dem weiße Dampfwolken aufsteigen, in ein magisches Licht. Der Liebling der Fotografen ist der Geysir Strokkur. Man blickt auf ein großes, fast kreisrundes Loch. Es leuchtet in den malerischsten Blautönen. Dann ein kurzes Blubbern. Eine Wassersäule bäumt sich auf. Explosionsartig schießt der Strahl in die Höhe. Bis zu 30 Meter – einfach atemberaubend. Mit diesem Spektakel endet ein weiterer Tag unserer Reise auf der Insel der Kontraste.

Allgemein

Visit Iceland
 Rauchstr. 1
10787 Berlin
Tel. 030/50 50 42 00
www.visiticeland.com

An/Abreise

Der Internationale Flughafen von Keflavík befindet sich 50 km westlich der Hauptstadt Reykjavík. Mit dem Schiff erreicht man ab dem dänischen Hirtshals via Tórshavn auf den Färöern die Stadt Seyðisfjörður im Osten Islands (Smyril Line, Sell Speicher Wall 55, 24103 Kiel, Tel. 0431/20 08 86, www.smyrilline.de). Die Insel verfügt über ein gut ausgebautes Linienbusnetz. So lassen sich Teilstücke bequem mit den Überlandbussen überbrücken, in denen auch Fahrräder mitgeführt werden können.

Streckencharakter

Der beschriebene Rundkurs beinhaltet unbefestigte Abschnitte und Asphaltstraßen. Die größten Höhenunterschiede bewältigt man in den Westfjorden und im Hochland. Das Fahrrad sollte über breite, ausreichend profilierte Reifen verfügen. Da Island das mit Abstand am dünnsten besiedelte Land Europas ist, muss man in entlegenen Gebieten seine Vorräte gut vorplanen.

Literatur

Reise Know-How Island, ISBN 978-3-8317-2226-6, Reise-Know-How DuMont Reise-Handbuch Reiseführer Island, ISBN 978-3-7701-7746-2, DUMONT REISEVERLAG