Information

Anreise
Der nächste Flugplatz ist Gällivare, der von Stockholm aus angeflogen wird (www.nextjet.se). Alternativ kann man auch von Luleå fliegen. Von beiden Städten aus fahren regelmäßig Linienbusse nach Stora Sjöfallet. Alternativ dazu kann man auch mit dem Zug nach Gällivare (Inlandsbanan) fahren.

Übernachtung, Essen & Trinken
Stora Sjöfallet
S-982 99 Gällivare
Tel. +46-973-400 70
info@storasjofallet.com
www.storasjofallet.com
Direkt im Naturerbe Laponia gelegene Fjällanlage mit Zimmern, Restaurant und kleinem Shop.  

Sehenswert In unmittelbarer Nähe der Fjällanlage wurde im Herbst ein Naturum eröffnet, in dem man sich über Natur und Kultur des Laponia-Welterbes informieren kann. Auch Führungen etc. können gebucht werden. Der Eintritt ist frei.  

Wandern
Die Fjällanlage von Stora Sjöfallet ist ein guter Ausgangspunkt für Touren in der Umgebung. Das Hotelpersonal gibt gerne Tipps. Zudem verläuft hier auch der berühmte Kungsleden.

Nationalpark Stora Sjöfallet in Nordschweden - Im Schatten der Chefin

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Das Welterbe Laponia umfasst mehrere Naturreservate und Nationalparks. Einer davon ist der Stora Sjöfallet, der aufgrund der vor Jahrzehnten gebauten Wasserkraftwerke zu jeder Jahreszeit gut zu erreichen ist.  

Akka ist die Chefin. Nicht nur in der berühmten Geschichte rund um Nils Holgersson der Schriftstellerin Selma Lagerlöf, in der die alte und ehrwürdige Gans einen Schwarm Federvieh durch Schweden führt. Auch hier, am Südufer des Akkajaure, beherrscht Akka die Szenerie. Ein schön geformter Berg, mit dem Stortoppen (2015 m) als höchstem der beiden Gipfel. Akka mit ihren dunklen Felsmassiven und in der Sonne glänzenden Gletschern ist nicht nur dominant und schön, sondern auch klug. Zumindest steht in der samischen Mythologie die Göttin Akka für diese Eigenschaft. In ihr Reich ist eingebrochen worden, damals vor rund einem Jahrhundert, als man die Seen und Flüsse im Grenzgebirge zwischen Schweden und Norwegen für die Wasserkraft entdeckte. Das Land brauchte Energie! Erstes sichtbares Zeichen dafür ist der bunt bemalte Damm von Porjus ein ganzes Stück weiter im Osten, der den Store Lulevatten zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein langgestreckter See, der die Verbindung herstellt zwischen den weiten Wäldern Lapplands und dem baumlosen Fjäll weiter im Westen. Kilometer für Kilometer geht es dahin am Nordufer des Gewässers. Die Straße ist breit und gut asphaltiert, schließlich ist sie die Zufahrt zu den Wasserkraftwerken, sodass man hier auch im Winter auf gut geräumte Wege setzen kann. Und dann werden kaum merklich die Bäume niedriger und die Berge höher, mit ein paar Schneeresten auf den Schattenseiten der Gipfel und Wolken, die um die Flanken schweben. Man spürt die Einsamkeit und die Weite – und freut sich, mit dem Naturum und der Fjällanlage Stora Sjöfallet ein Stück Zivilisation vor sich zu haben. Etwas zum Essen und Trinken und auch ein paar Informationen über ein Stück großartiger Landschaft, die die Menschheit zu ihrem Erbe erklärt hat. Und das soll man ja schließlich bewahren.  

Bootstour zum Wasserfall

»Der Nationalpark Stora Sjöfallet ist mehr als 100 Jahre alt«, sagt Thomas Brandlöv, der am südöstlichen Ende des streng geschützten Gebiets das gleichnamige Fjällhotel betreibt. Der Stuor Muorkkegårttje, wie der große Wasserfall auf samisch heißt, war ein wichtiger Grund, warum dieses Gebiet geschützt wurde. 1919, zehn Jahre später, nahm der Reichstag das Naturschauspiel aus dem Schutzgebiet heraus. Das Wasser des Akkajaure und seinen Zuflüssen strömt heute zu großen Teilen über die Schaufeln von gewaltigen Turbinen und nicht mehr über die Felsbarriere am Ende des Gewässers. Mit dem Boot bringt mich Emil zu dem, was einst ein großer Wasserfall war. Zwei Kormorane sitzen auf Felsen, hinter ihnen plätschert Wasser über kleine Stufen. »Hier strömte einst der Fluss hinunter«, erzählt der Guide. Es ist immer noch ein hübscher Anblick. Doch das schon fast ohrenbetäubende Tosen des Wassers, die Gischt, die die Luft erfüllt haben muss, das spielt sich nun nur noch in der Fantasie ab. Wir machen am Ufer fest, der junge Schwede bindet das Boot an einem Baum. Steigt auf einen Hügel, seine Stiefel versinken im weichen, moosigen Untergrund. »Ich liebe diese Natur hier und die Ruhe, genieße die Freiheit, über das Fjäll zu streifen, auf den Gipfeln zu sitzen oder an einem See«, erzählt er. Dann habe er allerdings meistens eine Angel dabei und ziehe sein Abendessen aus dem klaren Wasser. Wir umrunden einige Birken, balancieren über Steine – und blicken auf einen kleinen See, in dessen Ende ein silbernes Band taucht. Der Stora Sjöfallet ist heute um einiges kleiner, aber immer noch ein lohnendes Ziel für eine kurze Wanderung. Wir setzen uns auf einen Stein, hören das Rauschen des Wasserfalls und den Wind in den Blättern. Über uns kreist ein Seeadler, der seinen Horst ein Stückchen in Richtung norwegischer Grenze habe, wie Emil erzählt. Ansonsten lebten hier noch Rentiere und Elche, auch Luchse, Vielfraße und Bären streiften umher. »Lust auf eine Kletterpartie?« Emil schaut mich fragend an, zeigt hinüber zur Wand mit dem Wasserfall. Wir umrunden den See, kraxeln über Moospolster und Felsen hinauf, halten uns an Bäumen fest und am Gestein, erreichen mit ein paar Schweißtropfen auf der Stirn einen Felssporn, der auf halber Höhe direkt zum Wasserfall führt. Ein imposanter Platz! Das Wasser stürzt über mehrere Stufen in einen Felskessel, beruhigt sich kurz und strömt weiter in die Tiefe. Moose wachsen in den Ritzen des Gesteins, ein paar Farne, an deren Blättern Wassertropfen glitzern wie auf einer mit Diamanten besetzten Krone. Es ist ein Anblick, von dem man sich kaum losreißen kann, der besser ist als ein spannender Krimi im Fernsehen.  

Abendlicher Streifzug

Doch der knurrende Magen holt uns in die Realität zurück. Wir rutschen und klettern die Felswand hinunter, schweben über das Moos zum See und dem Boot. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass das Restaurant sicherlich schon geöffnet hat. Dessert und Kaffee beschließen das Abendessen. Aber nicht den Tag. Noch lange nicht. Im Westen bricht die Sonne immer wieder durch ein paar Wolken hindurch. Es sind Lichtspiele, die sich in die Erinnerung brennen wie die Laserstrahlen auf einer DVD. Mit dem Auto geht es ein paar Kilometer am See entlang nach Westen. In einer Parkbucht stelle ich das Fahrzeug ab, schultere den Rucksack und mache mich auf den Weg. Ein tolles Gefühl, so durch den langen Abend streifen. Ich spaziere am Ufer entlang durch ein Gebiet, das völlig zu Recht seit knapp 20 Jahren zum Welterbe der UNESCO gehört. Seine Fläche ist größer als die Korsikas und schließt die Nationalparks Muddus, Sarek, Padjelanta und Stora Sjöfallet sowie einige Naturreservate ein. Die Lebensräume reichen von borealen Nadelwäldern mit Fichten und Kiefern über die höher liegenden Birkenwälder bis hin zur subarktischen Bergtundra mit Gräsern, Moosen und Zwergsträuchern sowie extremen Regionen, in denen an den Felsen nur noch Flechten wachsen. Und dann sind hier noch die Samen, die in diesem Gebiet schon seit Jahrhunderten Rentiere weiden lassen und Fischfang betreiben. »Allein um die Fjällanlage Stora Sjöfallet leben rund 1000 Rentiere«, hatte Thomas am Abend zuvor erzählt. Mit etwas Glück sieht man nicht nur die Vierbeiner mit den knacksenden Gelenken, sondern auch die Koppeln, in denen sie zusammengetrieben werden, oder auch die Schutzhütten der Rentierzüchter. »Die dürfen die Samen überall dort bauen, wo sie notwendig sind«, hatte der Schwede ergänzt. Ich beobachte auf meinem Streifzug jedoch nur einige Fische, die aus dem Wasser springen, weiter oben im Wald entdecke ich einigen Finken, die zeternd vor mir flüchten. Eine leichte Böe weht das Rauschen eines Wasserfalls zu mir herüber. Ich folge meinem Gehör, laufe an duftenden Pflanzen vorbei und blicke auf eine Steilwand, über die ein Bach seinen Weg nach unten findet. Die roten Strahlen der untergehenden Sonne tauchen die Szenerie in ein ungemein warmes Licht. Über eine Felsstufe geht es weiter nach oben – immer gefolgt von der Schattenlinie, die schnell in Richtung Gipfel klettert. Doch die Zeit spielt keine Rolle. Es wird noch lange hell sein, sodass ich noch ein Stück bergauf laufen kann. Erst nach Mitternacht liege ich im Bett. Es sind auch und ganz besonders diese langen Abende, die den Norden so faszinierend machen.  

Knorriger Kiefernwald

Am frühen Nachmittag wird der Bus mich wieder zurück nach Gällivare bringen. »Du hast also noch genügend Zeit für eine Wanderung«, sagt Thomas und schlägt mir eine Tour in das Soldalen vor. Sonnental, ein vielversprechender Name! Thomas bringt mich auf einem Schotterweg ein Stückchen nach oben und weist mir die Richtung. »Halte dich einfach an den Bach, du kannst dich nicht verlaufen«, sagt er schmunzelnd und braust wieder davon. Sicherheitshalber zücke noch mein GPS-Gerät und schaue auf die digitale Karte. »Viel schief gehen kann wirklich nicht«, denke ich und laufe im Slalom durch ein Birkenwäldchen. Üppig wächst hier das Gras, hüfthoch wuchern Blumen, von denen manche noch gelbe oder lilafarbene Blüten haben – und das, obwohl schon Spätsommer ist. Nach bequemem Beginn geht es nun steiler bergauf, Schweißtropfen bilden sich auf der Stirn. Auf einer Lichtung raste ich, schöpfe mit der Hand ein wenig klares Wasser aus dem Bach und lasse es die Kehle herunter rinnen. Über mir entdecke ich einen Taleinschnitt – das muss das Soldalen sein. Meter für Meter geht es bergauf, mal steiler, mal flacher. Bald erreiche ich die Baumgrenze und stapfe weiter nach oben. Ein leichter Windhauch festigt mir frische Luft ins Gesicht. Zeit für eine Pause. Weit könnte man noch laufen. Ohne Steg und Pfad, bestimmt nur von Karte, Kompass und GPS Gerät – und der eigenen Nase, die die Richtung vorgibt. Man könnte zum nächsten Flusstal absteigen, über den kargen Bergrücken zu einem der vielen Gipfel wandern oder die Füße in das eiskalte Wasser eines Bergsees halten. Oder, und genau das ist mein Plan: Auf einem schönen Wanderpfad mit alten, knorrigen Bäumen wieder zum Fjällhotel zurückkehren, wo eine Dusche wartet. So völlig verschwitzt will ich mich doch nicht in den Bus zurück nach Gällivare setzen.