Im Rhythmus der Paddelschläge - Kanutour im südschwedischen Dalsland

Die Seen in Dalsland sind für Paddelenthusiasten ein Genuss. Doch man muss kein erfahrener See-Mann/Frau sein, um ein paar schöne Paddeltage auf dem Wasser zu erleben. Auch Anfänger finden hier beste Möglichkeiten – kombiniert mit dem beruhigenden Gefühl, nahezu überall aussteigen zu können.

Das soll alles ins Boot passen? Vor uns stehen zwei wasserdichte Tonnen auf dem Boden, daneben liegen neben dem silbrig in der Sonne glänzenden Aluboot die Stechpaddel und die Schwimmwesten. Davor stapelt sich unser Krimskrams. Zelt und Schlafsäcke, Kocher und Proviant für zwei Tage, Fotoausrüstung, Ersatzklamotten, falls es regnet oder einer von uns ins Wasser fällt – oder wir beide. »Wasser braucht ihr keins, das könnt ihr aus dem See trinken«, sagt der Schwede, bevor er sich wieder in seinen Uralt-Volvo (»Der fährt und fährt und fährt.«) schwingt. Welch gesegnetes Land, in dem solche eigentlichen Selbstverständlichkeiten noch möglich sind! Zuvor hatten Ina und ich zusammen mit Bertil überlegt, welche Gewässer in der Umgebung für eine Wochenendtour geeignet sind. »Der Stora Le ist klasse«, hatte Bertil gesagt und auf das Gewässer direkt vor seinem Kanu- Camp gezeigt. Doch wenn man nur zwei Tage und nicht eine ganze Woche im Boot verbringen will, habe er noch eine andere Idee: den Kornsjö. Ein deutlich kleineres Gewässer direkt an der norwegischen Grenze mit einigen kleinen Inseln, ein paar Umtragestellen und einem netten kleinen Flussabschnitt. »Dort werdet ihr das richtige Skandinaviengefühl bekommen«, so seine Worte. »Ich bringe euch hin«, hatte Bertil gesagt und war kurz darauf mit seinem Auto vor dem Schuppen aufgetaucht. Ausrüstung rein, Anhänger dran, Boot drauf. Hoffentlich haben wir nichts vergessen! Nach dem Einpacken, Auspacken, Umpacken können wir die Tonnen endlich wasserdicht verschließen. Wuchten sie in das Boot und uns dazu. Ein paar Paddelschläge, ein leichtes Schürfen auf dem sandigen Untergrund, dann sind wir frei. Und das in jeder Hinsicht. Denn Bertil hatte uns eine Karte gegeben mit Stellen, wo er uns mit dem Auto wieder einsammeln kann. Sowohl Ina als auch ich haben Lust zum Paddeln, aber auch zum gemütlich auf den Felsen in der Sonne Dösen, etwas baden und nach Möglichkeit auch Biber beobachten. Die soll es hier nämlich auch geben.

Tomatensuppe mit Mittelmeergefühl

Wir folgen einer Linie, die in der Landschaft nicht zu sehen ist: der Grenze zwischen Norwegen und Schweden, die auch die Leute hier nicht wesentlich interessiert, allenfalls Zöllner bei der Fahndung nach Alkohol und Zigaretten. Noch etwas unrund läuft es am Anfang, die Arme müssen sich erst wieder an den ungewohnten Rhythmus gewöhnen: Vorne in das Wasser einstechen, langsam und doch kraftvoll nach hinten ziehen, dann noch ein Ausgleichsschlenker, um den Kahn in der Richtung zu halten. Alle paar Minuten dann ein Wechsel auf die andere Seite. Schließlich soll der Muskelkater in beiden Armen und Schultern zu spüren sein. Schon bald zeigt Ina auf das Ufer. Verräterisch sind hier Äste aufeinandergestapelt. Eine Biberburg. Doch es ist später Vormittag und von den nacht- und dämmerungsaktiven Tieren natürlich nichts zu sehen. Die pennen in ihrem Bau und träumen von frischen Knospen und saftigen Ästen, ihrer Lieblingsnahrung. Aber immerhin: Wir wissen, dass es die Tiere im und am Kornsjö gibt. Bertil hatte uns eine sehr detaillierte Karte mitgegeben, auf der jede Bucht, jedes Inselchen zu erkennen ist. Das erleichtert das navigieren, Kompass und GPS-Gerät können in der Tonne bleiben. Und nachdem man sich auf den Kartenmaßstab eingestellt hat, ist die Orientierung kein Problem mehr. Wir gleiten in jene meditative Stimmung, die man so nur beim Paddeln bekommt, hören das leise Plätschern der Wassertropfen, die von den Paddeln ins Wasser fallen, das Geräusch der Bootspitze, die das Wasser zerteilt, lauschen der Stille, die nicht einmal durch Vogelgezwitscher unterbrochen wird. Bis mein Magen knurrt. »Da vorne können wir an Land«, sagt Ina, die diesen Laut meines Körpers mit einem Lachen quittiert. Also ran ans Ufer, das Boot ein Stück auf die Felsen hinaufziehen, dann nach den Lebensmitteln und dem Trangia-Kocher suchen. Natürlich zuerst in der falschen Tonne. Kurz darauf blubbert eine Suppe im Topf, »Mediterrane Tomatensuppe« – passend zum Wetter. Dann Kaffeewasser. Nicht einmal dessen Koffeingehalt kann verhindern, dass ich danach kurz wegdöse.

Suche nach dem Zeltplatz

Erst das Gezeter einer Möwe weckt mich. Ina hebt ebenfalls den Kopf. Ja, wir sollten weiter. Wir passieren ein paar vereinzelte Ferienhäuser, erreichen dann einen Bauernhof, neben dem ein kleiner Wasserlauf eingezeichnet ist. Ob wir uns paddelnd die eingezeichnete Umtragestelle in den Mittleren Kornsjö, die etwas weiter südlich am Ende unseres Gewässers liegt, sparen können? Langsam bugsieren wir das Boot durch das Schilf, der Untergrund nähert sich immer weiter dem Bootsboden, dann das Schürfen auf Sand. »Das wird wohl nichts«, sind wir uns beide einig. Also zurück und noch ein paar Hundert Meter weiter nach Süden paddeln, dann mit dem Kanadier anlanden. Wir hieven die Fässer aus dem Boot, schleppen dann das Boot selbst ein paar Meter die Böschung hinauf zu einem Schotterweg. Zum Glück haben wir einen Bootswagen dabei, mit dem der Weg zum nächsten See zum Kinderspiel wird. Sollte es regnen, könnten wir uns dort in eine jedem offen stehende kleine Schutzhütte zurückziehen. Doch das ist nicht nötig. Nach dem makellosen Morgenhimmel segeln nun lediglich ein paar typisch schwedische Wattebäusche über unseren Köpfen. Ein leichter Wind ist mittlerweile aufgekommen und haucht uns – wie könnte es auch anders sein – von schräg vorne ins Gesicht. Doch unser restliches Pensum für den Tag ist nicht sehr ambitioniert, die Nacht wollen wir an diesem See verbringen. Am schönsten wäre es auf einer der Inseln, im Idealfall mit Abend- und Morgensonne. Vor uns sind auf der Karte eine Handvoll Inseln eingezeichnet. Da könnte etwas gehen. Also noch ein wenig paddeln und dann nach dem Traumplatz schauen. Das erste Eiland sieht wenig einladend aus. Bäume stehen dicht an dicht bis ans Ufer heran. Kaum eine Chance für ein sonniges Plätzchen. Also zur nächsten Insel, deren Südspitze wie ein Keil in den Kornsjö hineinragt. Nur wenige Paddelschläge genügen und das Boot schiebt sich in eine kleine, sandige Bucht. »Hier ginge es«, rufe ich Ina zu. Doch auf Morgensonne müssten wir verzichten. Wir kämpfen uns durch das Dickicht zu einer schmalen Landzunge. Genau die Stelle, die wir uns auf der Karte ausgeguckt hatten. Es gibt einen kleinen Naturhafen, Felsen, über die man trockenen Fußes aussteigen kann – ideal. Doch wo kann man das Zelt aufstellen? Wiese gibt es hier keine. Entweder ist der Boden steinig, von Preisel- und Blaubeersträuchern bedeckt oder von Fichten bestanden. Wir entdecken eine ebene Fläche, auf der es genügend Platz für das Zelt gibt, sogar die Heringe versinken an einigen Stellen so tief im lockeren Untergrund, dass sie zumindest bei Windstille genügend Halt geben. »Stürmen darf es heute Nacht nicht«, schmunzelt Ina und wickelt zur Sicherheit die Schnur noch um einen schweren Stein. Es wird einer jener Abende im Norden, die man nicht vergisst: mit Nudeln und Tomatensoße, einem Glas Wein, dem Rufen eines Käuzchens, Knacksen im Gehölz am gegenüberliegenden Ufer – und vor allem der langen Dämmerung, die sich so zauberhaft beruhigend auf das Gemüt legt wie eine Schachtel Baldrian. Nur viel, viel schöner! Lautes Geschnatter auf dem See weckt uns am nächsten Morgen. Eine Ente ist mit ihrem Nachwuchs auf Ausflug, umkreist neugierig unser Boot, wie ich beim Blick aus dem Zelt heraus sehe. Die Sonne hat sich schon am Himmel hinauf gehangelt, erwärmt unser »Esszimmer« auf einem Felsen. Etwas Sprit in den Trangia-Kocher kippen, Wasser aus dem See holen, Müsli anrühren: Das ist die Beschäftigung für die nächste Stunde. Wir haben es ja nicht eilig.

Ringelnatter voraus!

Etwas leerer und leichter sind die Tonnen nun, als wir sie wieder ins Boot zurückstellen. Rückwärts schieben wir den Kanadier aus unserem Hafen wieder hinaus, bis er genügend Wasser unter dem Kiel hat. Paddeln um eine Insel herum, die sich wie ein Sperrriegel vor den südlichen Zipfel des Mellan Kornsjös legt, erreichen den Auslauf eines kleinen, mäandrierenden Flusses, dem wir nun folgen. Es wird das schönste Teilstück dieser Tour, unterbrochen nur von einer Umtragestelle, wo Untiefen und ein kleiner Wasserfall überwunden werden. Wir lassen uns treiben, blicken auf Sumpfdotterblumen und Schilf am Ufer, recken den Kopf, um den Flug eines Hähers zu verfolgen, starren begeistert auf eine Ringelnatter, die sich vor uns elegant in das Gebüsch am Ufer flüchtet. Genießen die Stille, die nun nicht einmal mehr von Paddelschlägen gestört wird. Erst am Wehr neben einer Mühle endet dieses phantastische Paddelstück. Erneut wird das Boot auf den Karren gewuchtet, dann geht es ein paar Meter steil über Felsen hinunter. Der Schattenplatz auf den Felsen unterhalb der Mühle scheint wie geschaffen für eine kurze Mittagspause, dann geht es wieder auf das Wasser, diesmal des Södra Kornsjös. Hier bläst uns der Wind etwas kräftiger entgegen. Pitschpatsch klatschen die Wellen gegen den Bug, patschpitsch watscheln wir eine gute Stunde später ans Ufer. Ziehen das Boot über den Kiesstrand aus dem Wasser und hören hocherfreut das uns bekannte Brummen von Bertils Alt-Volvo. Unsere Nachricht, dass wir an dieser Stelle unsere Paddeltour beenden und um Transfer bitten, hatte ihn also erreicht. »War's schön?«, fragt er, als das Boot auf dem Anhänger verzurrt und die Tonnen im Kofferraum des Wagens verschwunden sind. Der Blick in unsere begeisterten Gesichter ist ihm Antwort genug. Es waren zwei Tage in der schwedischen Natur, wie man sie sich nicht schöner vorstellen kann.

Allgemein

Allgemeine Infos zum Dalsland unter www.vastsverige.com 

 

Anreise

Die Fähren der Stena Line (www.stenaline.de) verkehren zwischen Kiel und Göteborg. Von dort sind es noch knapp drei Stunden mit dem Auto nach Ed.

Übernachtung

Vandrarhemmet Ed
Strömstadsvägen 18
S-668 31 Ed
Tel. +46-(0)534-101 91
www.vandrarhemmet-ed.com

Paddeln in Dalsland

Die vielen Seen und Flüsse in Dalsland sind ein perfektes Paddelrevier sowohl für Anfänger als auch Experten. Wer kein eigenes Boot und die passende Ausrüstung hat oder diese nicht in den Norden transportieren will, kann alles vor Ort ausleihen. Eine gute Adresse dafür ist der Kanu- und Ausrüstungsverleih Canodal in Ed am Südufer des Stora Le. Ed ist der ideale Ausgangspunkt für Paddeltouren zwischen zwei Tagen und zwei Wochen. Direkt vom Kanu- Zentrum aus kann man in See stechen. Auch der Transfer zu anderen Gewässern ist möglich. Canodal Gamla Edsvägen 4 S-668 30 Ed Tel. +46-(0)534-618 03 info@canodal.com www.canodal.com

Mit Kanuking auf Tour durchs Dalsland

Ein weiterer Anbieter, der individuelle Kanu-Urlaube in Dalsland organisiert - ist der Reiseveranstalter Kanuking. Das Unternehmen blickt auf mehr als 10 Jahre Kanu- und Wildniserfahrung in Schweden, Norwegen und Finnland zurück und bietet Urlaube in einer familiären Atmosphäre ohne Massentourismus. Ob auf eigene Faust oder von einem Guide begleitet startet man hier in ein außergewöhnliches Wildnis-Abenteuer.  Mehr Infos unter: www.kanuking.de.