Unterwegs in Island

Wintermärchen mit Überraschungen

TEXT & BILD: Hans Klüche

Zwischen Nightlife und Nordlicht kann man gerade in der dunklen Jahreszeit in Island viel erleben. Noch dazu, wenn man mit einem ortskundigen Führer unterwegs ist, der mehr kennt als nur Gullfoss und Geysir.   

Nach meinem rund dreieinhalb-stündigen Flug spült es mich auf Reykja­víks Flaniermeile, den Laugavegur. Tagsüber bildet er zusammen mit Austurstræti und Bankastræti den über Jahrzehnte gewachse­nen Einkaufsboulevard der isländischen Hauptstadt und an einem Freitagabend wie bei meiner Ankunft auch die Achse einer munte­ren, oft geradezu schrillen Kneipen- und Clubszene. Sogar der Flughafenbus, der mich vor die Tür des kleinen Hotels Frón direkt an dieser Lifestyle-Ader bringt, muss sich in den für Mitteleuropäer so ungewohnten, scheinbar unendlichen Autokorso durch die schmale, verkehrsberuhigte Straße einreihen: Dieser »Rúnturinn« verpestet zwar die gute isländi­sche Luft, aber die Cliquen, die hier im Schritt­tempo ihre Runden drehen oder auf dem Bür­gersteig flanieren, stört es nicht. Man gibt nicht so viel Geld aus wie drinnen, sieht sich trotzdem, wird gesehen, quasselt durchs Autofenster mit Kumpeln draußen – und von den Bierdosen unterm Sitz reden wir lieber nicht. Während ich für ein letztes Beinevertreten in wärmendes Fließ gehüllt und damit unzwei­felhaft als Tourist zu erkennen bin, staken Reykjavíks Hipster so luftig aufgebrezelt durch diese Februarnacht, als sei’s ein Som­merabend auf dem Sunset Strip. Pub crawl à la Reykjavík findet bei jedem Wetter auch drau­ßen statt, allein schon, weil man vor vielen Clubs und Kneipen immer erst vor der Tür Schlange stehen muss. Öffnen die sich, um neue Leute hineinzulassen, klingt aus vielen Livemusik auf die Straße. In Reykjavík gibt es rund dreihundert Bands und Solisten, die re­gelmäßig auf Bühnen stehen – kein Wunder, dass diese kleine Bevölkerung von nur wenig mehr als 300.000 Menschen so viele Popstars hervorbringt.  

Besuch im Pferdestall

Im Laufe des nächsten Tages trifft der Rest der kleinen Reisegruppe ein, mit der ich das ei­gentliche isländische Wintererlebnis angehen will: Die Natur verwöhnt die Vulkaninsel un­ter dem Polarkreis um diese Jahreszeit mit ei­nem besonderen Phä­nomen, für das sich immer mehr Besucher von beiden Seiten des Atlantiks hier ein Stell­dichein geben: Aurora borealis, das Polar- oder Nordlicht. Island zählt weltweit zu den wenigen, leicht er­reichbaren Hotspots, an denen man dieses grandiose Schauspiel vom späten September bis etwa Ostern beob­achten kann.
Als ich es an einem der folgen­den Tage erleben darf, beginnt es mit einem zarter Schleier, der hoch über den Himmel streicht, sich verdichtet wie eine leichte Gar­dine, tiefer kommt und schließlich als dicker Vorhang über einem nahen Bergmassiv hängt. Ich bekomme die Show in Grüntönen, aber es können auch andere Farben auftauchen. Doch so viel will ich im Detail gar nicht wissen, da­mit nicht der Zauber des Augenblicks von den Fakten erschlagen wird. Wichtig ist wohl nur, dass Häufigkeit und Intensität von Aktivitäten der Sonne und folgenden Partikelstürmen in der Erdatmosphäre abhängig sind und sich so­gar vorhersagen lassen. Noch wichtiger aber ist die Wettervorhersage, denn der Himmel muss klar sein ... Das einzige Manko ist Is­lands Lage im Nordatlantik. Arinbjörn Jóhannsson, kurz Abbi, der diese Winterreise veranstaltet und die Gruppe führt, verfolgt einen Ansatz, der weit über das Abha­ken von Sehenswürdigkeiten oder das Beob­achten des Nordlichts hinausgeht. Er will im­mer das Bild eines au­thentischen Island zei­gen, vor allem auf dem Lande. Island, wie es wirklich ist. Er kennt Gott und die Welt auf seiner Insel und fängt so das miese Wetter des ersten Tages auf, indem er mit ein paar Telefonaten einen Be­such in einem privaten Reitstall in einer der vielen Pferdesiedlungen am Rande von Rey­kjavík organisiert. Tausende Ställe säumen den Stadtrand am Übergang in die Heiden, in denen man bestens ausreiten kann. Kaum ein Stall, an den nicht ein Wohntrakt angebaut ist, in dem man bequem ein Wochenende verbrin­gen oder ungestört feiern kann. Hier haben sich die Bewohner der Hauptstadt – im Groß­raum Reykjavík leben gut zwei Drittel aller Is­länder – ihre spezielle Art von »Schrebergär­ten« geschaffen.  

Isländische Originale

Auch in den folgenden Tagen, die die kleine Reisegruppe auf Abbis Hof Brekkulækur nahe Hvammstangi im Nordwesten Islands verbringt, bleibt er seinem Konzept treu. Statt langer Fahrten zu weit entfernten Highlights erkunden wir kleinräumig die Umgebung. Ihr fehlen weltbekannte Attraktionen, dafür faszi­nieren Details des Ungewohnten. Wir beob­achten Seehunde und Robben an der Küste der Halbinsel Vatnsnes oder liegen mit Einheimi­schen unter freiem Himmel in den heißen Pöt­ten des lokalen Thermalbads und grinsen die vorbeihastenden Wolken hämisch an: »Ihr könnt uns nichts, wir haben es hier warm.« Nur die erwartete Winterlandschaft fehlt. Dicke Eisschollen auf dem Lachsfluss Mið-fjarðará gleich hinter Abbis Gästehaus zeigen, dass aber auch dieser Winter schon deutlich kältere Tage erlebte. Island im Februar scheint unberechenbar und launisch. Jetzt ist es in der Sonne fast frühlingshaft und bei Wandertou­ren kommt man schon ins Schwitzen. Nur die Natur scheint dem noch nicht zu trauen, die Wiesen sind braun vom alten Gras des letzten Sommers, neues Grün hält sich zurück. Die schneefreien Straßen machen es natürlich leicht, Abbis Nachbarn zu besuchen. Ganz normale isländische Bauern sind sie alle. Ganz normale Bauern? Schafzüchter Helgi ist be­gnadeter Holzschnitzer, seine Figuren knorri­ger Isländer und geschmeidiger Islandpferde sind begehrt, selbst Museen nutzen sie in Di­oramen für Alltagsszenen vom Lande und wichtige Augenblicke aus bekannten Sagas. Von Helgis Hof überblickt man wie aus einer Panoramalounge das weite Tal der Miðfjar-ðará und auf einer anderen Anhöhe residiert Jón Eíriksson auf dem Hof Búrfell. Der exa-minierte Landwirt ist Milchbauer und Maler – äußerlich kommt der Künstler deutlich mehr durch, als der Bauer. Jón liebt Serien, 365 klei­ne Aquarelle mit Kühen in skurrilsten bis sur­realen Situationen waren sein bisher größter Erfolg. Der Bauernverband organsierte damit sogar eine Ausstellung und vom Honorar konnte er sich endlich ein Atelier leisten. Jetzt hat er sich Hunde vorgenommen, 120 Gemäl­de sollen es werden.

Grüner Schleier über der blauen Lagune

Das milde Wetter und die problemlos zu be­fahrenden Straßen lassen mich spontan mei­ne Islandwinterreise um vier Tage verlän­gern. Einen Mietwagen zu bekommen ist um diese Jahreszeit nicht schwer und was die Übernachtungen angeht, ist es kein Problem, offene Hotels oder Bauernhausunterkünfte zu finden. Schon eher passiert es, dass Her­bergen ausgebucht sind, weil so viele Urlau­ber unterwegs sind, vor allem Briten und Amerikaner. Die meisten sind auf Fotoexkur­sion, jagen dem ultimativen Nordlichtbild nach. Aber wer lässt sich dabei in den hellen Stunden des Tages nicht von der glitzernden, unwirtlichen Eiswelt am Fuße des Vatnajö­kull faszinieren, von einem zum Teil vereisten, aber vom Gischtbogen gekrönten Gull­foss oder dem gerade jetzt besonders aktiven Geysir Strokkur im Haukadal. Und fast so voll wie zur Hauptsaison präsentiert sich die Blaue Lagune, der schönste Badesee zwi­schen alter und neuer Welt. Hier kommt das Nordlicht dann noch einmal bei einem letz­ten Bad vor dem Rückflug: Ich liege auf dem Rücken im Wasser, es wird langsam dunkel und über den Himmel weht wieder der grüne Schleier. Island kann traumhaft schön sein, zu jeder Jahreszeit! 

Länder-Informationen

Allgemeine Infos zu Island unter www.visiticeland.com.

Anreise

Flüge nach Island z.B. mit Icelandair (www.icelandair.de) ganzjährig nonstop ab Frankfurt/M. und München nach Keflavík. Im Sommerhalbjahr auch ab Hamburg, Zürich und Genf. Islands internationaler Flughafen Keflavik liegt nahe Reykjavík mit regelmäßigen Bustransfers zu allen wichtigen Hotels in der Hauptstadt. Anschlussflüge innerhalb Islands u.a. nach Akureyri, Egilsstaðir und Ísafjörður möglich.

Icelandair - Winterangebot

Neben Flügen bietet die Fluglinie Icelandair auch Kurzreisen, z.B. den Icelandair Superdeal ab € 349 inklusive Flug, 3 Hotelübernachtungen und Frühstück – ideal für ein verlängertes Wochenende um den Winterzauber der Insel zu entdecken. www.icelandair.de.

Übernachten

Hótel Frón, Laugavegur 22a, 101 Reykjavík, www.hotelfron.is, günstig, zentral und gute Zim­mer, auch buchbar über gängige Hortelportale.
Northern Light Inn, Northern Lights Road 1, 240 Grindavik, www.nli.is; direkt an der Blauen Lagune, Shuttle Service ab/bis Flughafen Keflavík. Ideal für die erste/letzte Nacht in Island. Exzellen­ter Service im Winter mit Nordlicht-Wache: Kommt es überraschend, wird man auf Wunsch geweckt.

Mietwagen

Mietwagen können u.a. über die Airline oder z.B. bei Europcar Island gebucht werden: www.europcar.is, www.holdur.is.

Veranstalter der Reise

»Nordlicht, Eis und Winterstille«-Tour inkl. Flug z.B. ab Frankfurt mit Icelandair. Termine 2016:2016: 4.2.–9.2. und 25.2–1.3. Infos bei Arinbjörn Jóhannsson, Brekkulækur, IS-531 Hvammstangi, Tel. 00354 451 2938 (immer deutschsprachige Mitarbeiter am Telefon), www.abbi-island.is.