Grenzweg durch das Sami-Land - Grandiose Natur am Tysfjord

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Der Stetind kratzt am blauen Himmel über dem Tysfjord. Doch viele Touristen lassen das Gebiet mit den blauen Fjordarmen und kunstvoll geschliffenen Gipfeln links liegen. Sie verpassen etwas, wie eine Wanderung auf dem Grenseleden zeigt. Dass man dabei noch eine ganze Menge über die samische Kultur erfährt, macht die Tour umso interessanter. 

Wellen schlagen ans Boot, die Gischt spritzt. Wir sind unterwegs auf dem Indre Tysfjord von Kjøpsvik nach Sørfjord, der Talstation eines Wasserkraftwerks. Am Abend zuvor hatte mich Svein zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Es gab Fisch – natürlich selbst gefangen – und die prächtige Aussicht auf Presttind und Stetind. »Der Fjord, übrigens der zweittiefste in Norwegen, ist ein tolles Angelgewässer«, hatte er mir gesagt. Hummer, Dorsch und Köhler würden dort gefangen.
Nun brausen wir über die Tiere hinweg ans Ende des Fjords. Gleiten an ein paar einsamen Gehöften vorbei, auch einer kleinen Insel. »Dort wurden früher die Toten bestattet«, sagt Anna wenig später, als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben. Neben Svein und Anna wird Stig unser Wanderquartett vervollständigen. Der Hüne wuchtet einen gewaltigen Rucksack auf seine Schultern – und ist bestimmt nicht unglücklich darüber, dass wir die ersten Meter auf der Ladefläche eines klapprigen Pick-ups zurücklegen, mit dem ansonsten das Kraftwerkspersonal auf steiler Schotterstraße hinauf zum Staudamm des Brynvatnets fährt.

Die Berge hier am Tysfjord sind der Beginn – oder besser das Ende – des Grenseledens, der von Gällivare nach Kjøpsvik führt. Luftlinie sind das alleine mehr als 200 Kilometer, weshalb die meisten mit dem Bus oder dem Auto zur STF-Fjällstation Rijtjem (auch Ritsem genannt) fahren und dort die Tour beginnen. Auf den Wanderwegen sind das immer noch 65 Kilometer bis zum Bootslandeplatz. »Drei Tage sollte man dafür schon rechnen, wenn man die Landschaft auch genießen will«, sagt Svein. Diese komplette Tour steht jedoch nicht auf unserem Programm. Zumindest nicht per pedes. Wir wollen die Gegend erkunden, die hier am Fjord an vielen Stellen steil abfällt. »Hier gibt es genug zu sehen«, deutet Svein bei einer Tasse Kaffee geheimnisvoll an. Denn über der Bootsfahrt und dem Ritt auf dem Pick-up war es Mittag geworden und damit Zeit für Rentierschinken und dunkles Brot, das Stig aus den Tiefen seines Rucksacks hervorzaubert hat. Wenig später machen wir uns auf den Weg, laufen ein paar Meter am Ufer des Stausees entlang und schlagen uns durch Weidengebüsch nach oben. Ein schmaler Pfad weist uns anfangs den Weg, dann, nachdem wir die Büsche hinter uns gelassen haben, orientieren wir uns vor allem an den roten Wegmarkierungen. Der Norweger an sich liebt es nun einmal, seinen eigenen Weg zu finden. Bald müssen wir eine Pause einlegen. Wir haben Durst, Wasser rinnt durch die Kehlen und füllt den Flüssigkeitsvorrat wieder auf. Es ist richtig warm hier oben im Fjell, 20 Grad und Sonne sowie der Anstieg haben den Schweiß aus allen Poren getrieben. Glücklicherweise streicht ein leichter Lufthauch über die Hochfläche, die sich nun vor uns ausbreitet. »Altes Sami-Land«, sagt Anna, durch deren Adern noch Blut des einstigen Nomadenvolkes fließt. Das erklärt auch, warum auf den Schildern neben »Grenseleden« auch immer »Rádjebálges« steht – was Grenzweg auf Samisch bedeutet. Mindestens die Hälfte der Einwohner von Kjøpsvik seien Sami, erzählt Anna, obwohl das nicht immer einfach zu beantworten ist. »Alles hat sich durchmischt«, sagt sie lachend. Und doch besinnt man sich wieder auf seine Herkunft, auf die alten Traditionen. »Während ich Samisch nicht sprechen und kaum verstehen kann, lernen meine Kinder diese Sprache«, berichtet sie voller Stolz und blickt hinaus in ein weites Land.

Wenig später durchstreifen wir das Gelände, klettern über Felsblöcke, umrunden kleine Seen und stapfen mit den wasserdichten Bergstiefeln durch Pfützen, stehen kurz darauf vor einer windschiefen Hütte, hinter der sich eine traurige Geschichte verbirgt. »Vor etlichen Jahren ist hier in der Gegend ein junger Mann5verschwunden«, erzählt Svein. Er sei im teilweise noch schneebedeckten Fjäll unterwegs gewesen, aber nie wieder zurückgekehrt. »Seine Eltern haben sich dann diese Hütte gebaut und wochenlang nach ihrem Sohn Ausschau gehalten«, ergänzt der Norweger. Jedoch vergeblich. »Vielleicht ist er in einen der Höhlenschächte gestürzt, die es hier gibt.« Das weckt meine Neugier. Höhlen hier im norwegischen Fjell? Das besteht zumeist aus Gneis und Granit und ist nicht für eine ausgedehnte Unterwelt bekannt. Doch Svein kennt einen Platz, an dem sich eine Kalkader durch das Urgestein zieht. Und die steuern wir nun an. Er orientiert sich an einem Mast, der für die Vermessung des Geländes errichtet wurde, tastet mit seinem Blick das Gelände ab, zeigt auf eine Elchkuh, die mit ihrem Jungen über die Hochebene trabt. Noch einige Male geht es durch Senken und über nackten Fels, dann stehen wir vor einem Canyon. Ein atemberaubender Anblick! Unter uns liegen gewaltige Blöcke auf dem Boden, bilden mit Gras ein grau-grünes Mosaik. Regenwasser hat im Laufe der Jahrhunderte tiefe Furchen – sogenannte Karren – in schräg abfallende Felsen gefressen. Und an einigen Stellen ist nichts zu sehen außer einem dunklen Loch. Der Eingang in die Unterwelt kann so fantastisch schön aussehen! »Höhlenforscher haben hier ein riesiges System an Schächten, Hallen und Gängen erforscht«, sagt Svein. Sie hätten sich in 50 Meter tiefe, senkrechte Schächte abgeseilt, seien durch Engstellen gekrochen und über Hunderte Meter lange Gänge gewandert. Ebenso ausdauernd wie ihr Forscherdrang war ihre Kreativität bei der Namensgebung. Die am niedrigsten gelegenen Teile des etwas mehr als 2.100 Meter langen und knapp 200 Meter tiefen Höhlensystems heißen »Kartoffelkeller des Zaren« und »Folterkammer des Zaren«. Wir sitzen lange in der Sonne, essen Schokolade und Orangen, saugen diese einzigartigen Formen in uns auf – bis Svein zum Weitergehen mahnt. Unsere Rucksäcke hatten wir an einem Tümpel zurückgelassen, laufen zu diesem zurück. Noch rund eine Stunde sind wir bis zur Hütte am Krokvatnet unterwegs. Diese erstrahlt im Sonnenlicht ein paar Meter oberhalb eines Sees auf einem Hügel. Die strahlende Abendsonne ist auch der Grund, warum es uns noch gar nicht so richtig in die Hütte zieht. Ich erfrische mich kurz im benachbarten See, entdeckte dabei eine aus groben Steinblöcken gebaute Hütte. »Ein Wachposten der Deutschen«, erklärt Svein, »die haben hier im Zweiten Weltkrieg die Grenze bewacht«.

Anna erweist sich wieder einmal als perfekte Köchin. Sie bereitet den Lachs zu, ich schäle Kartoffeln, Svein und Stig kümmern sich um die Hütte, die immer wieder kontrolliert und gegebenenfalls repariert werden muss.Es ist schon spät, die Sonne prallt auf den Horizont wie ein Ball auf den Rasen eines Fußballplatzes. Genau der richtige Moment für einen Abendspaziergang. Die umliegenden Berge sind in ein zauberhaftes, rötliches Licht getaucht, das wunderbar mit dem Blau des Himmels und der sich im See spiegelnden weißen Hütte kontrastiert. Es sind Momente, die man auf ewig festhalten wollte und die glücklicherweise so vergänglich sind wie die weiße Wolke, die sich über dem Gipfel des Gihtsetjåhkkå in Luft auflöst. Dann kehrt Ruhe ein in der Hütte am Krokvatnet. Anna, Svein und Stig sitzen schon in der Sonne auf einer Bank vor der Hütte, als ich mich aus dem Schlafsack schäle. Das Koffein im schwarzen Kaffee und die Aussicht auf einen weiteren traumhaften Tag im Fjell vertreiben schnell die Müdigkeit. Nach einem ausgiebigen Frühstück schultern wir wieder die Rucksäcke und laufen auf anderer Strecke zurück in Richtung Tysfjord. Wir laufen am Rande einer tiefen, engen Schlucht, die das Middagsfjell mit dem Mannfjord verbindet, einem Seitenarm des Tysfjord. Sind die Felswände noch mit klaren Konturen zu erkennen, so verschwimmt das blaue Wasser des Meeres schon im Dunst. Und die Gipfel der vorgelagerten Inseln sind eher zu erahnen denn zu sehen. »Da lang«, sagt Svein und blickt auf sein GPS-Gerät. Denn die Freiheit des Fjells bekommt heute eine Einschränkung. Die drei haben ein Treffen an einem der benachbarten Seen mit einem Helikopter ausgemacht. Der soll Stigs mittlerweile betagte Eltern ins Gebirge bringen und uns anschließend zurück zum Ausgangspunkt der Tour nach Køpsvik. Vor dem vereinbarten Zeitpunkt sind wir an der neu gebauten Übernachtungshütte, an der der Hubschrauber landen soll. Svein kocht auf dem Trangia einen Kaffee, dann nähert sich knatternd ein kleiner Punkt am Himmel, der zu einem glänzenden lilafarbenen Helikopter wird. Sanft setzt der Pilot neben dem See auf, lässt seine Passagiere aussteigen.

Während der Hubschrauber wieder in den Himmel aufsteigt, begrüßt Stig seine Verwandtschaft. Besonders sein Vater kennt das Gebiet hier oben sehr gut, er hatte hier immer wieder nach seinen Rentieren geschaut und Tage und Wochen einsam im Gebirge verbracht. Eine gute Stunde haben wir Zeit zum Essen – frisch gebrutzeltes Rentiergeschnetzeltes à la Anna – dann soll der Hubschrauber uns abholen. Davor gibt es jedoch noch den obligatorischen Kaffee, dessen noch heiße Überreste ins Gras geschüttet werden – und das nicht ohne ein »Pass på«, einem Ruf an die Erdgeister, um sie vor der heißen Flüssigkeit zu warnen. Als kleine Überraschung fliegen wir kurz darauf sogar noch den Grenseleden ab. Via Bordfunk erzählt Stigs Vater von früher, als man noch zu Fuß ins Fjell gegangen war und nicht auf Hilfe aus der Luft setzen konnte. Noch ein Schlenker über die Schneefelder und grünlich schimmernden Spalten des Gihttse-Gletschers, dann fliegt der Helikopter über den tiefblau schimmernden Tysfjord und landet in Kjøpsvik. Beim Aussteigen habe ich noch den Blick auf den Grenseleden im Kopf. Eines Tages werde ich dort wieder unterwegs sein, nicht im Hubschrauber, sondern zu Fuß.

Allgemein

Northern Norway Tourist Board
Tollbugata 13, Bodø
P.O. Box 434
N-8001 Bodø
Tel. +47-901 77 500
post@nordnorge.com
www.nordnorge.com/de (auf Deutsch)

Übernachtung, Essen & Trinken

Stetind Hotel
Granveien 4
N-8590 Kjøpsvik
Tel. +47-75 77 41 00
post@stetind-hotell.no
www.stetind-hotell.no

Literatur

Turkart »Rádjebálges«, Maßstab 1:100.000, erschienen bei Nordeca Broschüre »Grenseleden«, erhältlich vor Ort im Rathaus von Kjøpsvik

Unterwegs im Fjell

Für eine mehrtägige Tour ins einsame Fjell ist unbedingt eine gute Ausrüstung notwendig. Gerade hier an der Küste kann das Wetter sehr schnell wechseln, weshalb eine wasserdichte Jacke und Hose unbedingt in den Rucksack gehören, aber auch Sonnenhut und Sonnenschutz. Wer unabhängig von Hütten sein will, kommt um ein stabiles Zelt nicht herum, ein Schlafsack ist auch bei Hüttenübernachtungen notwendig. Ins Gepäck gehören außerdem Lebensmittel und Kocher. Die Orientierung ist nicht immer einfach, weshalb auf jeden Fall Karte und Kompass, möglichst auch ein GPS-Gerät dabei sein sollten. Wer die komplette Tour von Gällivare/Ritsem zum Tysfjord oder umgekehrt macht und sein Fahrzeug am Ausgangspunkt stehen hat, benötigt einen Rücktransport. Auf der Straße oder Schiene kann man dafür einen Tag einplanen, mit dem Hubschrauber dauert es nur eine Viertelstunde – und ist je nach Personenzahl auch nicht teurer. Eine Helikopterbasis von Fiskflyg ist in Ritsem, Infos und Buchungen unter Tel. +46-973-400 32 oder info@fiskflyg.se.