Mehr Muße! - Ferienhausurlaub in Island

Viele Islandurlauber hetzen von Unterkunft zu Unterkunft, um die Insel zu entdecken. Weniger ist jedoch oft mehr, denn um die karge Schönheit der Landschaft zu entdecken, sollte man Zeit und Muße mitbringen – und kann am Abend das Bad im Hot Tub seines Häuschens genießen.

Text & Bild: Thomas Krämer

»Und jetzt müsste es nach rechts abgehen«. Tatsächlich führt eine kleine Straße an Wiesen vorbei in Richtung eines Golfplatzes. Das stimmt mit der Beschreibung in der Skizze überein. In wenigen Minuten werden wir die Koffer in unser Ferienhaus tragen, Spaghetti in den Kochtopf werfen und dazu ein kühles Bier auf der Terrasse genießen. Tatsächlich sollte es jedoch ein paar Minuten länger dauern, denn noch haben wir uns nicht daran gewöhnen können, was in Island als Straße und was als Weg bezeichnet wird. Und dann ist da noch die Einsamkeit in der weitläufigen Landschaft. Sollte da wirklich noch ein Haus kommen? »Jaja, das passt«, bestätigt der Hausvermittler am Telefon unsere Frage nach dem Weg. Tatsächlich sitzen wir kurz darauf in unserem gemütlichen Heim ein Stück westlich von Selfoss. Schön eingerichtet ist es und bietet allen Komfort: moderne Küche mit Mikrowelle, TV, Stereoanlage und viel Platz. Nicht nur innen, sondern auch draußen auf der Terrasse, wo man auf der benachbarten Wiese ein Schaf blöken hört. Den Grill bringen wir an diesem Abend nicht mehr zum Glühen. Es ist schon spät und wir müssen früh raus.  

Farbenspiel im Untergrund
Es gibt Dinge, die vergisst man sein Leben lang nicht. Den ersten Kuss, vermutlich auch den ersten Rausch. Und die Fahrt in den – glücklicherweise erkalteten – Schlot eines ehemaligen Vulkans gehört in diese Reihe. Der Marsch vom Parkplatz am Skigebiet Bláfjöll bei Reykjavík dauert rund eine Stunde. Wer viel Geld oder keine Kondition – oder beides – hat, lässt sich vom Hubschrauber direkt neben der kleinen Hütte am Vulkan absetzen, verpasst dann aber auch die rund einstündige Wanderung vom Parkplatz am Blafjallavegur. Die stimmt hervorragend auf die raue Schönheit Islands ein. Trittsicher sollte man in der flachen Landschaft jedoch sein, da der Untergrund bisweilen uneben und steinig ist. In der kleinen Hütte neben dem Schlot gibt es warme Suppe, Kaffee, Helm und Klettergurt und Informationen über die Fahrt in den Vulkan. »Hoffentlich wird es euch nicht zu warm«, wird mit der ersten Gruppe gewitzelt, die sich von Schneeflocken umwirbelt zum Spalt an der Spitze des benachbarten Hügels aufmacht. Nach deren Rückkehr sind wir an der Reihe. Erklimmen die höchste Stelle des Vulkanschlots, blicken in ein schwarzes Loch, zu dem ein schmaler Steg führt. An dessen Ende wartet eine Fensterputzergondel. Ich klinke meinen Karabiner in das Sicherungsseil ein, laufe zur Gondel hinüber, stelle mich in eine Ecke.

»Wir haben jetzt 120 Meter Luft unter uns«, sagt Óli. Unser Gondoliere gibt noch ein paar Verhaltenstipps – »Passt auf, dass ihr nicht mit Schals oder Haaren in die Seile kommt«, nimmt dann langsam Fahrt auf. Gemächlich geht es wie in einem Ofenrohr hinunter, ab und an streifen die seitlich an der Gondel angebrachten Rollen den Fels, dann hängen wir frei in dem natürlichen Schacht, der sich mehr und mehr weitet. Erst langsam begreifen wir die Dimensionen dieser Welt, in die wir nun lautlos hinunterschweben. Es ist eine Halle, in die die Freiheitsstatue locker hineinpassen würde und die die Fläche eines halben Fußballfelds hat. Eine Symphonie der Farben gleitet an uns vorbei, der Fels leuchtet rot und grün und gelb und schwarz, an der Decke sind einzelne Gänge zu erkennen, in die einst das Magma geströmt sein muss. Und ganz tief unter uns werden die kleinen Lichtpunkte zu Stirnlampen. Sanft setzen wir auf dem Grund auf. Lassen uns von der einzigartigen Atmosphäre des Vulkans einfangen, erkunden die Halle, klettern über Blöcke, setzen uns auf Felsen. Genießen die Ruhe. 4.000 Jahre ist es her, dass wir an der Stelle, an der wir nun sitzen, in Sekundenbruchteilen verglüht wären.

Bei seinem letzten Ausbruch muss der Thrihnukagigur enorme Massen an Lava ausgespuckt haben, woraufhin dieser bunt schillernde Hohlraum blieb. Sechs Minuten dauert es, bis wir von der Magmawelt wieder an die Oberfläche kommen und gleich von einigen Windböen begrüßt werden.  

Landschaft für einen Mysterythriller
»Aufheiterungen an der Südküste«, zitiert Begleiter Ulli den Wetterbericht, als wir wieder in unserem Landrover sitzen. Nach dem unterirdischen Nervenkitzel bietet sich ein touristisches Programm geradezu an. Im Südwesten Islands heißt das natürlich: Geysir, Gulfoss und – nein, nicht Þingvellir. Wir wollen stattdessen die Allrad-Fähigkeiten unseres Fahrzeugs ausnutzen, lassen uns zuerst vom Seljalandsfoss, dann vom Skógafoss »verzaubern« und fahren schließlich auf einer Piste ein paar Kilometer hinunter zum Meer. Die Wellen laufen rauschend an den Strand und versickern im schwarzen Sand. Wolkenfetzen umspielen die Vestmannaeyjar, ein paar Möwen schießen über das Meer. Auch ein mäßig begnadeter Regisseur könnte hier einen stimmungsvollen Mysterythriller drehen – mit der Natur in der Hauptrolle. Der strömende Regen, der uns auf dem Weg zurück zu unserem Urlaubsdomizil begleitet, würde sein Übriges dazutun.  

Paddeltour und Dosenbier
Jón ist ein waschechter Isländer, hat jedoch lange Jahre in Bayern gelebt. Mit zwei Kajaks auf dem Dach holpern wir nun vom Ferienhaus Brekka über eine Wiese hinunter zum Strand des Hvalfjörður nördlich der Hauptstadt Reykjavík. »Vielleicht sehen wir paar Seehunde“, sagt er, während wir uns in die Spritzdecken zwängen. Tatsächlich werden wir schon beim Einsteigen in die Kajaks neugierig beäugt. Doch die Köpfe der beiden Tiere verschwinden im Wasser, als wir hinaus auf den Fjord paddeln. Es ist eine fantastische Kulisse, auf die wir zusteuern. Auf den Bergen im Hintergrund liegt noch Schnee, während unten auf der gegenüberliegenden Seite die Wiesen gerade grün werden. Ein Schwall Wasser, der vom Bug meines Bootes aufspritzt, erinnert mich daran, dass es gerade einmal Ende Mai ist: Badetemperaturen sind es sicher nicht. Wir lassen einen schützenden Steinwall hinter uns und erreichen das offene Wasser des Fjords. Der Wind, der von Osten her über die Berge herunterweht, baut kleine Wellen. Nicht so, dass es gefährlich wäre. Nein, es ist genau die richtige Dosis, die das Salz in der Meeressuppe des Seekajakfahrens ausmacht.

Wir paddeln über historisches Terrain. Der Hvalfjörður hatte im Mittelalter eine große Bedeutung für diesen Teil Islands als Handelsplatz, aber auch als Fischereizentrum. Vermutlich gab es hier am Südufer mit Maríuhöfn sogar den wichtigsten Handelsplatz des Landes. »An der Nordseite des Fjords wurde bis in die Achtzigerjahre die bedeutendste Walfangstation Islands betrieben«, ruft Jón von seinem Boot aus zu mir herüber. Und natürlich weckte der mit 84 Metern tiefste Meeresarm Islands das Interesse der Militärs. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg die Nordmeer- Geleitzüge der Alliierten zusammengestellt, Briten und US-Amerikaner hatten eine Marinebasis. Jón zeigt auf seine Uhr und weist zurück zum Strand. Das Kommando ist klar, die Arme sind mittlerweile schwer. Der Gegenwind hat einiges an Kraft gekostet. Bereitwillig lassen wir uns vom Wind in Richtung Auto schieben – und kommen dort gerade noch rechtzeitig an. Die Flut hat das Wasser so weit ansteigen lassen, dass die Wellen schon fast an die Räder schwappen. Also erst einmal den Geländewagen ein Stück aufwärts bugsieren, erst dann können wir uns um die Boote und uns selbst kümmern. Bis zum am Hang gelegenen Ferienhaus Brekka, in dem wir nun einige Nächte verbringen, ist es nicht weit. Und der Weg vom Kühlschrank mit dem Bier bis zum Hot Tub noch kürzer. Klack, zisch – »Prost«. Ein Dreiklang, der wunderbar zu diesem Abend passt. Zumal wir auch nicht mehr selbst kochen müssen. Denn gespeist wird im nur wenige Hundert Meter entfernten Hotel Glymur, das für seine exzellente Küche bekannt ist.

Lebensfeindliches Plateau
Der Geländewagen steht vor der Tür, aber jetzt im Mai sind viele Hochlandpisten noch geschlossen. Trotzdem wollen wir ein Stück in Richtung4 5 Gebirge fahren. Wir nehmen dafür von Brekka die Schotterpiste via Skorradalsvatn. Den Versuch, den See zu umrunden, geben wir bald auf. Hier wird der ohnehin schmale und schlechte Weg zu einem Bach. Also wieder zurück zum Hauptweg und dann nach Borgarnes, wo wir uns in einer Imbissbude kauend über isländische Hamburgerkultur informieren und dann weiter nach Osten fahren. Ein kurzer Stopp in Reykholt, wo wahrscheinlich schon der mittelalterliche Dichter Snorri Sturluson in einer der heißen Quellen gebadet hat. Ein weiterer Halt bei den nahe gelegenen Hraunfossar, wo das Wasser aus unzähligen Spalten im Gestein in den darunter strömenden Fluss rinnt. Dann noch ein paar Kilometer flussaufwärts an der Hvítá, wo das mit normalen Pkw befahrbare Straßennetz an einem riesigen Schwemmfächer endet. Die F550, der Kaldadalsvegur, wird mit ihren lediglich 40 Kilometern Länge die »Hochlandpiste für Anfänger« genannt. Wie viele andere F-Strecken wird auch diese erst zwischen Ende Mai und Mitte Juni geöffnet. Doch zumindest das erste Teilstück wollen wir erleben, fahren auf der Schotterpiste entlang des von groben Felsblöcken durchsetzten Schwemmfächers und blicken fasziniert auf eine bizarre Landschaft. In mehreren Kurven geht es nun bergauf, links von uns tanzt die Gischt eines Wasserfalls in der Luft. Schließlich erreichen wir ein rund 500 Meter hoch gelegenes Plateau. Eine Schotterwüste aus dunklem Lavagestein, über der die schneebedeckten Hänge der umliegenden Berge im Licht der Sonne funkeln. Darüber sind die Gletscher mit ihren Spalten und Klüften zu erahnen. Es ist ein Bild, das sich tief einprägt – nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im Herzen. Weiter geht es nun nicht mehr: Das »Durchfahrt verboten«-Schild sollte man ernst nehmen, zumal die Strafen empfindlich sein können. Ohnehin schließt sich das Wolkenloch über uns wieder, eine dunkle Wand nähert sich mit rasanter Geschwindigkeit. Wir drehen um, fahren durch das Kaldidalur wieder hinunter, müssen an den Hraunfossar die Scheibenwischer auf höchste Stufe stellen und erreichen am frühen Abend wieder unser Ferienhaus. Jón war einkaufen und hat noch ein paar Freunde mitgebracht. Doch bevor der Fisch auf den Grill auf der Terrasse kommt, tauchen wir wieder in den von einer heißen Quelle gespeisten Hot Tub, blicken über den Hvalfjörður, an dessen Westende sich ein Schauer austobt, auf die Berge über uns, deren Spitzen in Wolkenfetzen verborgen sind. Es macht »klack, zisch« – ein Prost auf einen ereignisreichen Ferienhausurlaub in Island.

Allgemein

Allgemeine Infos zu Island unter www.visiticeland.com.

Anreise

Nach Island kommt man mit dem Flugzeug, z.B. Icelandair (www.icelandair.de), Germania (www.flygermania.de), WOW-Air (www.wow-air.de) oder dem Schiff (www.smyrilline.de)

Autovermietung

ISAK 4x4 Rental
Smiðshöfði 21
IS-110 Reykjavík
Tel. +354-544 88 60
info@isak.is
www.isak.is

Übernachtung

Nordic Lodges bietet ein Netz von exklusiven Ferienhäusern in Island, die zu jeder Jahreszeit für eine Periode von drei Tagen am Wochenende oder vier Tagen in der Woche gemietet werden können (Roof’n Route-Konzept).
Nordic Lodges Smiðshöfði
21 IS-110 Reykjavík
Tel. +354-897 30 15
lodges@nordiclodges.com
www.nordiclodges.com

Essen & Trinken

Hotel Glymur
Hvalfjardarsveit
IS-301 Saurbaer
Tel. +354-430 3100
www.hotelglymur.is

Aktivitäten

»Inside the Volcano« ist ein Highlight jeder Island- Reise für alle, sich ihr Staunen über die Natur bewahrt haben. Die insgesamt 5- bis 6-stündige Tour ist für jeden ab zwölf Jahren geeignet, der eine Stunde über raues Terrain laufen kann und keine Angst vor der Höhe hat. Preis: 39.000 ISK p.P. (ca. 265 Euro).

Inside the Volcano
Tel. +354-863 6640
info@insidethevolcano.com
www.insidethevolcano.com