Musik aus dem hohen Norden

Die färöische Musikerin und Sängerin Eivør im Nordis-Interview
Interview & Bilder: Ronja Söderblom-Frase  

Du hattest vor Kurzem großen Erfolg in Großbritannien. Was glaubst du, woran liegt das?

Ich hatte schon länger den Wunsch meine Karriere weiterzuentwickeln und in UK durchzustarten, aber ich bin ein sogenanter "Independent artist" (unabhängiger Künstler, Anm. d. Red.),  dass es für mich bisher schwierig war dort Fuß zu fassen. Man hört ja immer, dass es für Bands und Künstler schwierig in Großbritannien ist, da es so viel Auswahl an Künstlern gibt. Seit zwei Jahren arbeite ich an den Soundtracks zu einer Serie die "The Last Kingdom" heißt (Netflix-Serie über Sachsen und Wikinger. Anm. d. Red). Dieses Projekt hat mir einige Türe geöffnet.

Und dann hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mein letztes Album "Slør" ins Englische zu übersetzen, also eigentlich zuerst nur einige Songs für Bonustracks. Letzendlich habe ich alle Texte ins Englisch übertragen. Die CD habe ich gerade herausgegeben. Sie ist sehr gut angekommen – das ist sehr aufregend für mich. In England waren alle Konzerte, die ich gegeben habe ausverkauft.  

Glaubst du, du schaffst auch in Deutschland den entsprechenden Durchbruch?

Ich bin schon seit einigen Jahren immer wieder in Deutschland auf Tour, aber hier ist es anders hereinzukommen. Es wächst nur sehr langsam und so toure ich jedes Mal etwas mehr und auch zu größeren Locationst. So gesehen, läuft es auch in Deutschland sehr gut, nur eben gradweise in kleineren Schritten. Das ist natürlich schön und ich mag mein Publikum in Deutschland sehr. Sie sind sehr „dedicated“.

Was unterscheidet kleinere Konzerte von Auftritten vor einem großem Publikum? Und welche Auftritte magst du lieber?

Ich finde es immer schwierig auf diese Frage zu antworten. Für mich sind alle Konzerte speziell und einzigartig. Es geht so viel um den Moment mit dem Publikum. Für das Gefühl, was ich beim Auftritt habe, macht es keinen großen Unterschied, ob es 200 oder 1000 Zuschauer sind. Deswegen ist es für mich schwer zu sagen, was ich lieber mag.

Besonders gut gefallen mir auf jeden Fall intime Konzerte, wo ich das Publikum nah bei mir habe, aber es ist auch toll ein Konzert zu spielen, bei dem die Location vielen Zuschauern Platz bietet, beispielsweise mit dem Synfonieorchester in Dänemark. Aber am besten gefällt mir wohl doch ein intimes Konzert, wo ich gemeinsam mit meiner Band auf der Bühne stehe. Wo die Leute eng beieinander stehen und viel Energie freigesetzt wird.  

Wie würdest du jemandem deinen Musikstil beschreiben, der dich noch nicht kennt?

Da ich schon so lange Musik mache – meine erste CD entstand als ich 16 Jahre alt war – hat sich meine Musik im Laufe der Zeit sehr verändert. Aber meine Wurzeln liegen ja in der färöischen Folkmusik und die erste CD war sehr davon inspiriert. Seit dem habe ich zehn Platten gemacht und der Stil, den ich heute habe, ist wohl eine Mischung aus den verschiedenen Stilrichtungen, die ich selbst beobachtet habe. Wenn Leute fragen und ich meiner Musikrichtung ein Label geben müsste – was ich nicht sehr gerne tue – wäre sie wohl am besten mit dem Begriff "Folktronica" zu bezeichnen.

Meine Musik ist eine große Mischung aus organischen, ursprünglichen Elementen, durchmischt durch elektronische Einflüsse. Was mich zum Beispiel sehr inspiriert ist die Natur, die Geräusche und die Kontraste in der Natur und das Wetter. Wo ich herkomme sind die Menschen es gewohnt ihr tägliches Leben nach dem Wetter zu richten- das ist auf eine Art eine sehr inspirierende Tatsache.

Welche Musik hörst du selbst, was magst du gern? Alles?

Puuh, ja wirklich alles. Ich mag sehr viele verschiedene Musikrichtungen und oft habe ich Phasen, in denen ich einen bestimmten Künstler oder eine bestimmte Richtung gern mag. Das kann sich dann aber auch schnell wieder ändern. In letzter Zeit höre ich viel eine französische Künstlerin die "Jain" heißt. Das ist Popmusik, aber mit sehr intelligenten Texten. Dann habe ich auch viel die Musik des schwedischen Künstlers Tammy T. gehört.

Aber ich kann einfach nicht alle nennen, die ich gern mag, das sind zu viele und in zwei Wochen sind es vielleicht schon wieder andere. Aber wenn wir jetzt über Künstler sprechen, die mich inspirieren, dann sind das solche wie Leonard Cohen, Joni Mitchell und Björk, oder auch Radiohead. Solche Musik die eine Geschichte erzählt, das mag ich sehr.  

Was glaubst du, welche Bedeutung hat deine Musik für die Färöer? Bist du eine Art Botschafter für das gesamte Land? Und wenn ja, willst du dich so sehen, oder sehen dich die Leute gerne so?

Man wird das irgendwie automatisch, ob man will oder nicht, wenn man aus einer so kleinen Gesellschaft kommt. Ich habe nie diese Rolle aktiv annehmen wollen, aber andererseits sind die Färöer so tief in meiner Musik verwurzelt, dass ich sie überall hin mitnehme. Insofern kann man mich dann wohl doch einen Botschafter nennen.

Es gibt ja zum Beispiel jede Menge Musik aus Schweden, die nicht explizit als solche gekennzeichnet ist und trotzdem erfolgreich ist. Woran liegt das wohl?

Naja manchmal möchte man einfach, dass die Musik für sich selbst steht, ohne jetzt explizit "nordische" oder "färöische" Musik zu sein. Das was mir immer wichtig ist, dass meine Musik frei bleibt für Interpretationen und dass ich über alle Themen schreiben kann, von denen ich inspiriert werde. Viele der Lieder auf der aktuellen CD sind durch LGBT-Fragen auf den Färöern inspiriert, eine lange Debatte über die gleichgeschlechtliche Ehe, die vor zwei Wochen auf den Färöern endlich gesetzlich in Kraft getreten ist.

Trotzdem ist es für mich immer wichtig, dass die Hörer die Musik so interpretieren, wie sie es möchten; dass sie Platz lässt, so dass Leute ihre eigene Geschichte wiederfinden können. Ich will keine Türen verschließen, da muss man eine Balance halten.  

Hast du eine persönliche Empfehlung, warum (und wohin) unsere Leser auf die Färöer-Inseln reisen sollten?

Oh es gibt so viele gute Gründe. Wenn man Natur mag, ist es ein super Reiseziel. Aber man darf keine Angst vor Regen haben (lacht). Man kann natürlich auch Glück haben und es ist strahlendes Wetter, aber man sollte bereit sein, seine Pläne zu verschieben, falls es an einem Tag nicht klappt. Eigentlich finde ich, dass das ein positives Merkmal ist.

Wenn man gutes Essen mag, haben die Färöer gerade einen Michelin Stern bekommen, im Restaurant „Koks“ in Torshavn. Dort zu essen ist ein fantastisches Erlebnis: Elemente und Zutaten aus der Natur und auch traditionelle Zutaten aus der färöischen Küche. Das alles allerdings ein wenig neu interpretiert, etwas künstlerischer und eleganter, sodass Besucher ein schönes Geschmackserlebnis vom „Fremden“ bekommen können, ohne dass es zu fremd wird.

Es gibt so viele schöne Orte, die man bereisen kann z.B Mykines, die Vogelinsel, mit sehr steilen Klippen. Im Sommer gibt es ein Festival, das G!-Festival (13.-17.7.2017) , mein absolutes Lieblingsfestival. Noch ein Tipp, es gibt Segeltouren in Berghöhlen, in denen man in der Grotte Musik hören kann. Sehr viele tolle Reiseziele auf jeden Fall. Und Torshavn hat auch ein reges Nachtleben, wenn jemand darauf Wert legt. Ich empfehle einen Club der "Sirkus" heißt.  

Vielen Dank für das Interview!