Ein toller Hecht! Angeln in der Mitternachtssonne Finnisch-Lapplands

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Die nicht enden wollenden Sommertage im Norden Finnlands erlebt man wie in einem Rausch. Wenn der noch durch den Jagdtrieb verstärkt wird, sind spannende Tage weit nördlich des Polarkreises garantiert.

Es ist gerade einmal ein paar Wochen her, dass man mit dem Motorschlitten zum Fischen auf den Inari-See fuhr und dort nicht die lange Rute, sondern das einfache, kleine Eisangel- Besteck auspackte, nachdem man mit dem Eisbohrer ein kreisrundes Loch in den Untergrund gebohrt hatte. Jetzt sind wir mit Tapanis Boot auf Finnlands drittgrößtem See unterwegs. Karte und GPS braucht er auf seinem Hausgewässer eigentlich nicht. Doch immerhin zeigt die moderne Elektronik auch Untiefen an. Und davon gibt es unter der heute ruhigen Wasseroberfläche genug. Je mehr Ruten, desto mehr Fische: Diese Rechnung geht bei uns nicht auf. Zehn Angelruten haben wir vor einer knappen Stunde auf dem Dach des Bootes befestigt. Rechts und links des Bootes pflügen sie durch das Wasser. Doch die kleinen Plastikteile, die ein energisches Zucken und Zappeln unter Wasser an die Crew über Wasser anzeigen, bleiben ruhig. »Wir versuchen es einmal hinten neben der Insel «, sagt Tapani und nimmt Kurs auf ein kleines, bewaldetes Eiland. »Dort ist der Ukko, der heilige Berg der Samen«, erklärt er und zeigt auf einen Felsen, der wie ein Zuckerhut aus dem Wasser ragt.
Doch auch in dessen Schatten bleiben die Plastikeimer leer.

Wobbler statt Würmer

Mangels Fang gibt es zum Mittagessen eingelegten Lachs, Rentiersalami und Preiselbeermarmelade, dazu das typisch finnische Fladenbrot. Tapani hatte am Steg einer Insel – seiner Insel – festgemacht, wo er auch eine kleine Jagdhütte hat. Ein leichter Windhauch weht durch die Kiefern, angetrieben von einer dunklen Wolke, die in der Ferne über das Wasser segelt. Wir wechseln nach dem obligatorischen Kaffee die Ausrüstung, setzen im klaren, wenngleich durch die Moore der Umgebung leicht bräunlichen Wasser auf der Außenseite der Insel auf Handarbeit. Der Finne empfiehlt einen Wobbler genannten, fünf Zentimeter langen Kunstköder an der Spinnrute. Bei mir funktioniert das nur leidlich. Nach etlichen Versuchen zappelt an meinem Haken ein kümmerliches Exemplar an der Leine. Das ist eine Größe, die unversehens wieder zurück ins Wasser fliegen muss. Wenn der Fisch gierig genug ist, wird er in wenigen Jahren erneut einem Köderfisch nachjagen – und hat dann die richtige Größe für den nächsten, vom Petri Heil verwöhnten Angler. Kurt hat dagegen mehr Glück und auch mehr Können. Stolz präsentiert er seine beiden Äschen. Und erfreut sich nicht nur daran, sondern auf den Felsen stehend an den tollen Angelbedingungen. »Ist so schön ruhig und einsam hier«, sagt der gebürtige Niederländer, der aus seiner Heimat ganz andere Menschenmengen kennt.  Verglichen mit Kurt oder Uli bin ich ein Angel- Greenhorn. Und der Vergleich mit dem blinden Huhn, das auch einmal ein Korn findet, hinkt gewaltig, wenn es ums Fischen geht. Doch das, was da am Seil zerrt, muss etwas Größeres sein.
Ein Wurf vom mit Wasser überfluteten Steg in einer seichten Bucht auf der Innenseite der Insel hatte mir dieses Erfolgserlebnis gebracht. Mein Hilferuf lässt Kurt herbeieilen, der mit fachmännischem Blick die noch draußen im Wasser kämpfende Beute beurteilt. »Ein Hecht«, sagt er, »ein großer sogar. « Während ich seinen Rat befolge und das Tier beschäftige, mal etwas Schnur gebe und wieder einhole, um den Raubfisch zu ermüden – mich und meine Arme dabei übrigens auch – holt Kurt den Kescher. Greift damit zu, sobald der Hecht in Reichweite ist. Das mehrere Kilogramm schwere Tier zappelt im Netz um sein Leben. Aber nur für kurze Zeit. Ein gezielter Schlag von Kurt, ein schneller Schnitt, dann ist es vorbei. »Der hat einige Kilo«, meint er zufrieden und legt den Raubfisch in die Plastikwanne. Ich habe meinen Teil zum Abendessen beigetragen, schlendere ein wenig über die Insel. Ein Möwenpaar nimmt lauthals schreiend Reißaus vor einem größeren Raubvogel, der sich auf der Spitze einer Kiefer festkrallt. Schon seit langer Zeit ist die Gegend bewohnt, hatte Tapani uns erzählt. Samen wohnten am Ufer des Sees, hatten hier ihre Rentiere, lebten aber vor allem vom Fischfang.Schließlich konnte man sich und die Familie auch während der kalten und dunklen Wintertage mit frischer Nahrung versorgen. Ein dumpfes Grollen reißt mich aus meinen Gedanken. Die schwarze Wolke ist zu einer ebenso gefärbten Wand geworden, die sich nun über der Insel auftürmt. Die ersten Regentropfen platschen auf die Wasseroberfläche, als ich wieder auf das Boot klettere. Wir verstauen rasch alles im Boot, lösen die Leinen und nehmen Kurs auf Inari. Wir entwischen dem Schauer, beginnen mit dem Ausnehmen im Licht eines Regenbogens, der sich mystisch über den See spannt. Natürlich kommen am Abend im Hotel Kultahovi weder Rentier noch Elch auf den Tisch. Klar, das hätte auch zu Lappland gepasst. Aber hier am Ufer des Juutuanjoki kurz vor der Mündung in den Inari-See gibt es selbstverständlich Fisch. Den Fang des Tages, unseres Tages! Frisch zubereitet vom Koch des Hotels. Äsche als Vorspeise und dann die zu Bällchen verarbeiteten Hechte. Ein Genuss! Nur das Dessert kommt nicht aus dem See, sondern aus dem Wald: Multebeeren mit Vanilleeis
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Im Langboot zu den Lachsen

Rund zwei Stunden ist man mit dem Auto unterwegs, um einen der besten Lachsflüsse des Landes, sogar Skandinaviens zu erreichen. Beim Namen Tenojoki – der auf norwegischer Seite Tanaelv heißt – hören erfahrene Fliegenfischer schon die Angelschnur durch die Luft sirren. Unser Männerquartett bezieht erst einmal das direkt am Flussufer gelegene Ferienhaus. Hier ist man auf Angler eingestellt. Eine Kamera überträgt die Live-Bilder aus dem Fluss direkt auf das Fernsehgerät im Wohnzimmer. Ab und zu huscht ein Lachs über den Bildschirm.
Es gibt sie also wirklich, die Fische. Wir sind angefixt! Traditionell wird hier von langen Kähnen aus gefischt.
So röhren bis in den späten Abend hinein ab und zu Boote über den Fluss, aus denen Ruten herausgehalten werden. Kurt versucht es mit der Fliegenrute, der einzig erlaubten Art, wie man vom Ufer aus fischen darf.
Es ist immer die gleiche Bewegung, die seine Silhouette vor der sich im Tenojoki spiegelnden Abendsonne ausführt. Schnur geben, die Route kontrolliert durch die Luft schwenken und dann mit einem gezielten Wurf die Fliege dort platzieren, wo man auf fette Lachse hofft. Männerballett der anderen Art bis in den Morgen hinein ... Wer erwartet, dass Kurt am nächsten Morgen müde ist, täuscht sich. Da ist dieses Leuchten in den Augen, dorthin gezaubert von der Aussicht auf eine Fahrt mit dem Langboot über den Fluss. Pekka, den wir kurz darauf treffen, ist sozusagen nah am Wasser gebaut. Und das im wahren Wortsinne, denn er ist am Ufer des Teno aufgewachsen, quasi Auge in Auge mit den Lachsen. Und vielleicht ist das der Grund, warum wir mit seinem Boot erfolglos unsere Bahnen über den träge fließenden Strom ziehen. Die Tiere müssen den erfahrenen Angler kennen und fürchten. Die Haken sind im Wasser, »die Fische bestimmt auch«, schmunzelt der Finne und startet erneut den Motor. »Wir versuchen es an einer anderen Stelle«, sagt Pekka und lässt den Außenborder aufheulen. Elegant gleiten wir auf dem Langboot durch das Wasser. Der Finne blickt ans Ufer, vergleicht die Position des Holzkahns mit einem größeren Baum. »Hier war ich gestern erfolgreich «, erzählt er. Doch vielleicht sind die Lachse schon weitergezogen oder noch ein wenig schläfrig. Auch dieser Versuch schlägt fehl. Kurt versucht sein Glück zu einer Zeit, als die Sonne schon wieder langsam nach oben steigt, am Nebenfluss des Teno. Im Utsjoki darf man zwar nicht so große Lachse wie im Teno erwarten – wo zehn Kilogramm schwere Schuppentiere keine Seltenheit sind – dafür kann man hier sowohl mit Kunstködern als auch der Fliege auf Beutezug gehen. Und Größe ist ja bekanntlich nicht das Entscheidende, sondern der Geschmack! Und der ist vorzüglich.

Allgemein

Allgemeines zu Finnland unter www.visitfinland.de. Angel- und Ferienhausreisen hat der Finnland-Spezialist fintouring im Programm. Infos und Buchung unter Tel. 05135-92 90 30  oder www.fintouring.de. Hier kann man auch die Unterkunft in Inari (www.hotelkultahovi.fi) und Utsjoki (www.poronpurijat.fi) buchen.

Ausrüstung

Die Angelausrüstung kann vor Ort geliehen werden. Ansonsten sollte man so weit oben in Nordeuropa für fast jedes Wetter gewappnet sein. Insofern gehören warme, wasser- und winddichte Kleidung ebenso ins Gepäck wie Badehose und Badeanzug. Mückenmittel, mückenfeste Kleidung sowie ein Hut mit Mückennetz helfen, falls vor Ort die Moskitos beim Angeln stören.

NordisTipp

Der Kevo-Canyon rund 25 Kilometer südlich von Utsjoki ist ein faszinierendes Ziel für Wanderer. Vom Parkplatz an der Str. 4 aus wandert man leicht ansteigend durch Birkenwald auf ein Plateau mit Mooren und Seen. Nach rund sechs Kilometern führt der Weg bisweilen recht steil in den Kevo-Canyon hinunter, wo er der Fluss- und Seenkette folgt. Wer den gesamten Canyon durchwandern will, hat eine mehrtägige Tour vor sich. Aber allein schon die Tagestour zur Schlucht und wieder zurück zum Parkplatz ist ein Erlebnis.