Ausgekifft - Zur Räumung der Pusher Street in Christiania

TEXT & BILD: Hans Klüche

In einer geradezu historischen Aktion haben Bewohner der Freistadt Christiania die legendäre Pusher Street geräumt und Dutzende Dealer-Buden dem Erdboden gleich gemacht. Die Gasse mit dem offenen Drogenhandel war Christiania-Idealisten lange ein Dorn im Auge. Zwar gehört für viele Christianitter, wie sich die engagierten Bewohner des "Hippie-Refugiums" in Kopenhagen selbst nennen, der Konsum von Cannabis-Produkten zum Lebensgefühl und den Freiheiten, für die Christiania seit seiner Besetzung vor 45 Jahren steht. Der Handel organisierte sich jedoch zunehmend kommerzieller wie krimineller, mit Rocker-Banden als Drahtzieher.

Nach Polizeischätzungen gingen jedes Jahr Drogen im Wert von rund 1 Milliarde Kronen (ca. 135 Mio. EUR) auf dem nur wenige hundert Meter langen Straßenzug offen über die Budentheken. Neben "Rohware" warteten rauchfertige Joints, hygienisch verpackt im Glasröhrchen oder im Schmuckkästchen auf die Kunden, vornehmlich aus den nordischen Ländern. Rund um den illegalen Handel florierten Geschäfte mit Devotionalien der Szene von T-Shirts und Sweatshirts mit Cannabis-Symbolen über Chillums in allen Varianten und XXL-Blättchen bis zu Bob Marley Postern.

Anlass für die radikale Räumung war eine Schießerei, bei der ein 25jähriger Däne mit Wurzeln auf dem Balkan, zwei Polizisten, die ihn wegen Drogenhandels festnehmen wollten, durch Schüsse verletzte, einen lebensgefährlich. Außerdem wurde ein unbeteiligter Tourist angeschossen. Der Täter, auch als Anhänger einer IS-nahen Salafisten-Gruppe bekannt, wurde später außerhalb der Freistadt gestellt und bei einem neuerlichen Schusswechsel tödlich verletzt. Diese Gewaltexplosion bewirkte das Umdenken der Christianitter.

Nach einem Treffen des höchsten Selbstverwaltungsorgans der Freistadt erfolgte ein öffentlicher Appell an alle Dänen, keine Drogen mehr in ihrer Freistadt zu kaufen, um dem Handel den Boden zu entziehen. Gleichzeitig wurde die Räumung der Dealer-Buden beschlossen und einen Tag später umgesetzt, als Signal an die Szene, nicht wieder zu kommen. Auch wurden die großen "No Foto" Wandmalereien übertüncht, mit der sich die Drogenhändler ihren rechtfreien Raum schützten. Andererseits beobachteten dänische Journalisten bereits wieder einen Cannabis-Handel in kleinem Stil, jedoch eher von Amateuren als von organisierten Kriminellen.

Aus einer ähnlichen Situation heraus, waren 1979 alle Formen harter Drogen erfolgreich bis heute aus Christiania verbannt worden. Nach Einschätzung der Polizei wird der Rauswurf aus Christiania den Handel mit weichen Drogen in Kopenhagen aber kaum beenden, es müsse genau beobachtet werden, wo und wie sich die Szene neu organisiert. Experten befürchten bei dieser "Reorganisation" Bandenkriege um Marktanteile. 

Zur Berichterstattung des dänischen TV2 über die vergangenen Tage inklusive einer Fotoserie über die Räumung der Pusher Street (Text/Sprache Dänisch).

Und hier ein Video von der Räumung bei Spiegel Online.