Traumjob in Island

Der Postbote vom Polarkreis

Für den Bildband "Island - Zuhause am Polarkreis" hat der Autor Pascal Frai eine besondere fotografische Reise durch Island unternommen und dabei in allen Landesteilen Auswanderer portraitiert. Hinter den scheinbar gewöhnlichen Alltags-Menschen verbergen sich ungewöhnliche Geschichten.

Text: Pascal Frai, Bilder: Claus Sterneck

Millionen Schneeflocken wirbeln durch die arktische Luft und bedecken die bunt verkleideten Häuser wie ein weißer Schleier. Knirschend drücken sich unsere Schuhsohlen in den Untergrund. Claus Sterneck wischt die Flocken aus dem Gesicht und beschleunigt den Schritt.

„Zusätzlich zur üblichen Post sind heute eine Menge Prospekte zu verteilen“, sagt er und steigt die vereisten Stufen eines Hauses in der Grettisgata 33 hinauf.Dabei zieht er einen Briefumschlag und ein Päckchen aus den umgehängten Taschen. Ein kurzes Klopfen und Hlín Gunnarsdóttir strahlt durch den Türspalt.

Die Einheimischen heißen den Deutschen herzlich willkommen

„Góðan daginn, koma í“, bietet uns die blonde Isländerin freundlich lächelnd einen Ort zum Aufwärmen an. Als die Jacken über der Heizung trocknen, stößt Hlíns Ehemann Sigurgeir dazu und klopft sich zufrieden einige Späne aus dem Hemd.

Seit dem Herbst wird im Treppenhaus des Paares gesägt, geleimt und geschraubt und manchmal auch stolz innegehalten. Es sind Momente wie diese, die Claus zeigen, dass er angekommen ist auf Island, dass es richtig war, 2008 ein neues Leben in Reykjavík zu beginnen und der Arbeit als Postbote eine Chance zu geben.  

In Hanau, seinem früheren Wohnort  vor den Toren Frankfurts, hielt ihn nichts. „Ich fühlte mich wie ein Zahnrad in einem großen Getriebe“, denkt der 46-Jährige an die stetig wachsende Routine zurück. „Ich wollte raus aus meinem Alltagstrott, mir neue Möglichkeiten erschließen und mich weiterentwickeln.“

Auf die Kündigung folgt das Abenteuer

Trotz eines guten Gehalts kündigt Claus und wagt in Reykjavík  den Neuanfang. „Einen Umzug im klassischen Sinne gab es dabei nicht. Ich habe ausprobiert, ob ich mit der neuen Umgebung zurechtkomme und bin bis heute auf Island geblieben“, sagt er mit ruhiger Stimme und lächelt. Einfach zu bleiben, das hieß für den Deutschen eine möblierte Wohnung zu mieten und sich erfolgreich nach Arbeit umzusehen. 

Nach dem Zwischenstopp bei Hlín und Sigurgeir stapfen wir zurück auf die Grettisgata, zurück in den Postleitzahlenbereich 101. „Die drei Ziffern werden gern als Synonym für das Zentrum Reykjavíks verwendet“, erklärt Claus.

Reykjavík bietet alles, was man zum täglichen Leben braucht

In einem Radius von nur einem Kilometer befindet sich nahezu alles, was Besucher in der Mini-Metropole sehen und erleben möchten: Bars und Diskotheken, Museen und Geschäfte, die imposante Hallgrimskirche und das isländische Parlament. Hinzu kommt mit dem Opernhaus Harpa ein neues Wahrzeichen im Hafen von Reykjavík.

In den Straßen, die Claus mit Post beliefert, geht es nicht ganz so belebt zu. Vom Bergmassiv Esja weht eisige Luft herüber. Die wenigen Menschen, die an diesem Vormittag unterwegs sind, haben die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Dicke Jacken und Wollpullover schützen sie gegen die nordische Kälte. 

Mit ausgefallenen Fotos hat sich der Postbote einen Namen gemacht

Unterwegs in den Straßen Reykjavíks hat Claus seine Stadt genau im Blick. Veränderungen, Neuheiten, Ungewöhnliches – kaum etwas entgeht ihm auf seiner Runde. Manchmal hält er an und zieht eine kleine Kamera aus der Jackentasche.

„Statt der Highlights des Landes fotografiere ich scheinbar Banales“, verrät er. Als Teil seines Projekts „One Picture Per Day“ veröffentlicht der Einwanderer täglich eine erlebte Island-Ansicht im Internet. Das können bunte Luftballons sein, die an einem Gartenzaun flattern oder auch markante Graffiti und Wolkenformationen.

Manchmal nimmt Claus Geräusche zu den Fotos auf. So öffnet er für alle Islandfreunde ein Fenster zu seiner neuen Heimat, die eben nicht nur aus Bergen und Wasserfällen besteht, wie der Briefträger betont. Durch etliche Ausstellungen in Deutschland und Island hat sich Claus inzwischen einen Namen als Künstler und Kurator gemacht.

Vom guten Gefühl, am Ende des Tages etwas geschafft zu haben

Um kurz nach 14 Uhr ist der letzte Brief verteilt und der Postbote macht sich auf den Heimweg. Abends treffe ich ihn in einem der vielen Cafés auf Reykjavíks Haupteinkaufsstraße Laugavegur wieder. Claus sitzt am Fenster und nippt zufrieden an einem Café Latte.

„Am Ende des Tages weiß ich genau, was ich alles geschafft habe. Das ist mit meinem früheren Job in Deutschland nicht vergleichbar“, fasst er sein Gefühl in Worte. Claus ist stolz, auf der Vulkaninsel gut integriert zu sein und als „deutscher Isländer“ zu gelten.

Es wartet bereits die nächste Postrunde am Polarkreis

Die Mutter des Briefträgers musste sich erst daran gewöhnen, dass ihr Sohn nun dauerhaft in Reykjavík lebt. Anderen erschien der Schritt längst überfällig. „Was mich wundert, ist, warum du erst jetzt nach Island gehst“, zitiert Claus seinen ehemaligen Chef und schmunzelt.

Als der Kaffeebecher geleert ist, schlüpft der Einwanderer wieder in seinen Wintermantel. „Es riecht nach Neuschnee“, bemerkt Claus draußen, schlägt den Kragen hoch und verschwindet zwischen den Lichtinseln der Laugavegur. In wenigen Stunden beginnt die nächste Postrunde.


Infos zum Buch:

Mehr über das Leben von Claus in Reykjavík und die Abenteuer weiterer Island-Auswanderer aus Deutschland und Österreich erfährt man im Bildband "Island - Zuhause am Polarkreis" des Journalisten und Island-Kenners Pascal Frai. Es ist im April 2016 im Carl Schünemann Verlag erschienen. Letzte Exemplare der ersten Auflage können über die Seite www.facebook.com/Islandbuch/ bestellt werden.

Trotz(t) Kälte und erstem Schnee: Claus Sterneck auf der Postrunde durch Reykjavík.