Zwei Winterwelten: Ylläs und Levi

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Sie sind wie zwei ungleiche Geschwister : die Orte Levi und Ylläs. Ersterer aufgekratzt und für jeden Spaß zu haben, Letzterer eher ruhig und zurückgezogen, etwas für stille Genießer. Für die Besucher ist das ein Vorteil: Sie haben die Qual der Wahl – oder können das Beste aus zwei Welten erleben.

Drei Stunden Flug, dann liegt die trübe Novemberbrühe Mitteleuropas hinter einem. Winterweiß ersetzt in Kittilä Einheitsgrau. Nun noch den Kragen der Jacke beim Aussteigen aus dem Flieger hochschlagen – an Minusgrade und Schnee in Finnisch-Lappland muss man sich erst einmal gewöhnen. Ein paar Minuten sind es vom Flughafen mit dem Auto nach Levi. Flutlicht hebt die Skipisten am Tunturi oberhalb des Ortes aus der dunklen Landschaft heraus wie eine illuminierte Skulptur bei einer Künstlerperformance. Ameisengleich schwingen die Skifahrer die Hänge hinunter. Und das schon im November. »Bis Mai haben wir hier Schnee und beste Pistenverhältnisse«, sagt Jussi, der sich um die Vermarktung seines Ortes kümmert. Und das dürfte nicht schwerfallen. Levi war einmal eine kleine Siedlung. An den Hängen der Tunturis knabberten die Rentiere an den Flechten, Elche streiften durch die Wälder und Biber bauten ihre Burgen in den Flüssen und Seen. Menschen? Gab es hier nicht allzu viele. Die Gegend war dünn besiedelt, zumeist von Samen. Doch das Bild hat sich mittlerweile gewandelt. Das Wachstum des Ortes begann in den 90er Jahren, woran auch der 1983 eröffnete nahe gelegene Flughafen in Kittilä seinen Anteil hat. Und sicherlich auch der Ski-Weltcup, der seit 2004 alljährlich in Levi Station macht. Mittlerweile wird hier sogar die Saison eröffnet – und das mit entsprechendem Brimborium.

Cowboys im Schneetreiben

Kuhglocken werden geschwenkt, als die Schweizer Skistars auf die Bühne springen, ein »Heja Sverige« brandet auf, als eine Trekronor-Fahrerin sich den Fotografen präsentiert. Und natürlich wird ein Späßchen über die Schweden gerissen, als die Finnin Tanja Poutiainen unter lautem Jubel ihre Startnummer in Empfang nimmt. In allen Austragungsorten des Weltcups ist die Vergabe der Startnummer schon längst kein Ereignis mehr, das sich in den Hinterzimmern der Funktionäre abspielt. Die Frage, wer als Erster starten darf oder muss, kann auch entscheidend für Sieg oder Niederlage sein. Außerdem ist die Startnummernvergabe heute eine gute Gelegenheit, den Stars auf den mittlerweile sehr kurzen Slalom-Brettern näherzukommen. Und getanzt wird am Ende auch noch.

Von ausgiebigen Feiern ist den Massen, die sich im Ziel oder an den steilen Hängen der Piste positionieren, am nächsten Morgen jedoch nichts mehr anzumerken. Volksfeststimmung ist hier, an Lagerfeuern werden Lachs und Rentier gegart, es gibt Mützen und Felle für die Last-minute-Ausrüstung. Die Sonne leuchtet gerade noch auf die Gipfel der umliegenden Berge, als die ersten Läuferinnen die scharfen Kanten ihrer Skier in den harten Untergrund pressen. Dass die Schwedinnen am Ende über ihre finnischen Konkurrentinnen triumphierten, dürfte diese wenig begeistert haben. Und die Gewinnerin Mikaela Shiffrin aus den USA bekommt am Ende neben ihrer Medaille sogar ein Rentier. »Das bleibt allerdings in Lappland«, schmunzelt der Sprecher,als er das überraschte Gesicht der Skifahrerin sieht. Im Schneetreiben verschwinden fast die Musikstars,die nach der Nummernvergabe der Männer den Platz der Skistars einnehmen. Die Schuhe der Musiker sind spitz nach oben gebogen wie die Schaufeln eines Alpinskis, ihre Frisur passt unter keinen Helm und mit ihrer Kleidung würden sie viele Zehntel zwischen den Torstangen liegen lassen. Und doch passen die – richtig geraten! – Leningrad Cowboys bestens zu dieser Veranstaltung, die sich gegen Mitternacht in die Hullu Poro-Arena verlagert. Verrückt ist an diesem Abend nicht nur das Rentier (so die Übersetzung dieses Namens), sondern auch das Publikum. Auf die Piste wird es der eine oder andere am nächsten Tag vermutlich eher nicht schaffen.

Knackendes Holz am Lagerfeuer
Ylläs mit seinen beleuchteten Pisten, seinen schnieken Restaurants und bassdurchwaberten Bars ist vom Lainio Snow Village so weit weg wie die Copacabana an Karneval vom Sandstrand einer einsamen Insel. Rammi und sein Team sind ins Schwitzen gekommen. »Wir sind zwei Wochen hinterher«, sagt der Finne, der für den Bau der eisigen Herberge verantwortlich ist. Schnee könne man erst bei Temperaturen unter -6° produzieren, ergänzt er. »Und das hatten wir in den vergangenen Tagen und Wochen leider nicht.« Im Vergleich zum Naturschnee sei Kunstschnee wesentlich kompakter, sagt Rammi. 25.000 Kubikmeter Schnee werden hier alljährlich mit Schaufeln und Baggern aufgeschichtet, um den Gästen ein eindrucksvolles Erlebnis zu bieten. Die Wände und Decken sind bis zu 1 m dick. Wer hier übernachtet, friert trotzdem nicht. »Man legt sich auf eine Matratze, kriecht in den dicken Schlafsack und zieht einfach die Kapuze zu«, sagt er und ergänzt, dass man so Temperaturen von bis zu -30° und darunter trotzen könne. Aber so kalt wird es im Schutz der Schneewände nie – ein paar Grad unter null sind hier die Regel. Die Stille in den Räumen des Snow Villages ist beeindruckend, unterscheidet sich aber nicht sehr von der in der freien Natur. Und so ist am Ufer des Sees Luosojärvi nichts zu hören außer dem Knacken des Holzes am Lagerfeuer, über dem schon bald in einem Kessel das Wasser kocht. Kari, der als Führer für Lapland Safaris arbeitet, bereitet den Kaffee, jenes finnische Lebenselixier, nach Waldläufermanier zu: Kessel vom Feuer nehmen, Pulver hineinschütten, noch mal kurz aufkochen, vom Feuer nehmen, wieder aufkochen und dann mit etwas kaltem Wasser den Kaffeesatz dazubringen, sich am Topfboden abzusetzen. Fertig. Draußen auf dem zugefrorenen See ist ein Mann mit dem Hundeschlitten unterwegs, zieht seine Bahn im Licht der untergehenden Sonne. Wenig später geht schon der Mond über einem Rentiergehege auf. Ungewohnt riesig erscheint die milchige Kugel, die für kurze Zeit über die kahle Schulter des gegenüberliegenden Berges zu rollen scheint. Dann versteckt sich die Lichtscheibe hinter einer kleinen Wolke,um dann während der restlichen Nacht mit den Sternen um die Wette zu leuchten.

Mythen am Feuer

In einer Kota sitzt ein alter Mann. Ein flackerndes Feuer in der Mitte des Raumes veranstaltet ein Schattenspiel auf seinem Gesicht. Falten zeugen von einem langen Leben. Doches sind Lachfalten, die wunderbar zu seinen wachen und leuchtenden Augen passen. »Schamane sei er«, sagt er, ein Same, der die alten Erzählungen und Gesänge seines Volkes kennt. Ob das alles so stimmt, was er erzählt? Spielt in diesem Moment auch nicht so eine große Rolle. Der Schamane schafft es in jedem Fall, unsere Augen und Ohren zu öffnen für diese großartige winterliche Landschaft. Ähnlich heimelig wie in der Kota ist es in der unmittelbar benachbarten Haltiakammi. Chef Matti Hirvasoja hat es geschafft, die Legenden und die Mythologie Lapplands in sein einzigartigesRestaurant zu bringen. Fein gedeckt ist der Tisch, das funkelnde Silber des Bestecks kontrastiert mit dem rustikalen Braun des Holzes der Hütte. »Ich habe wohl weit und breit den besten Weinkeller«, schmunzelt der weitgereiste Finne, der in seinem Leben schon viele Jobs hatte und heute den Gaumen seiner Gäste verwöhnt. Schon mit der fantastischen Pilzsuppe wäre man zufrieden. Doch Matti tischt eine Köstlichkeit nach der anderen auf, die ihren Ursprung fast ausschließlich in den finnischen Wäldern und Seen haben: Rentier, Lachs, Elch, kleine, ungemein geschmackvolle Kartoffeln, leckerer Käse und zum Schluss ein Dessert mit Waldbeeren, die er selbst gepflückt hat. Nach einem solchen Essen ist ein Spaziergang durch eine klirrend kalte finnische Winternacht ein Muss, wenngleich sich die Hoffnung auf Nordlicht nicht erfüllt. Aberwann kann man in Mitteleuropa schon einmal einen solchen Sternenhimmel sehen!

Abgetaucht

Das Frühstück gibt es am nächsten Morgen in der Navettagalleria. Das klingt zwar eher nach modernem Einkaufszentrum mit viel Glas undGlitzer, hat damit aber so viel zu tun wie ein finnischer See mit einer tropischen Lagune. Fabelwesen bevölkern den fast komplett aus Holz bestehenden Raum. Anhänger von klarer Ordnung und kühlen Farben würden laut schreiend das Café verlassen, wo Omelette serviert wird, selbstgebackenes Brot, natürlich Fisch und auch Marmelade. Wir sitzen auf Holzbänken oder schlürfen unseren Kaffee in einem der Sessel, lassen die Augen wandern durch dieses Märchenreich mit skurrilen Figuren, Wurzeln, Moosen und Flechten, die vor allem von Kerzen beleuchtet sind. Das Einzige, was an moderne Zeiten erinnert, ist ein Feuerlöscher an der Wand. Aber der muss wohl sein. Besitzerin Lea liebt die alten Zeiten, die Geschichten von geheimnisvollen Wesen, die im Wald leben. Und das seit Urzeiten, wie die Sagen erzählen,die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und wenn man nicht genau wüsste, dass die zwei skurrilen Gestalten, die am in der Kälte dampfenden Fluss umhertoben, selbstverständlich Waldwesen sind, dann könnte man schon auf die Idee kommen, dass Lea …Aber nein, ein völlig absurder Gedanke. Spätestens beim Bad im See Ylläsjärvi bekommt man einen kühlen Kopf und klare Gedanken. Für das Abtauchen im Eislochbraucht man trotz des knallorangefarbenen Überlebensanzugs ein wenig Mut. Dafür ist das Erlebnis umso intensiver. Und die Sauna? Die ist auch schon eingeheizt! 

 

Allgemein

...zu Finnland unter www.visitfinland.de.
Mehr zu Levi unter www.levi.fi
sowie Tel. +358 (0)16-639 33 00
und zu Ylläs unter www.yllas.fi
sowie Tel. +358 (0)40-550 24 24.

Anreise

Im Winter bequem und schnell per Flieger mit FlyCar von Stuttgart und Hannover nach Kittilä (www.fly-car.de).

Übernachtung

Das Lainio Snow Village kann man nicht nur anschauen, sondern hier kann man auch übernachten. Infos dazu unter www.snowvillage.fi. In Levi gibt es eine große Zahl von Übernachtungsmöglichkeiten – von Alpenhütten und Appartments für Selbstverpfleger über einfache Hotels bis zu edlen Herbergen wie dem Panorama-Hotel auf dem Gipfel des Levitunturi. Urige Ferienhäuschen und -appartements findet man z.B. bei der  Hüttenvermietung KRT (www.krt.fi).

Essen & Trinken

Uriges Café mit Fabelwesen: Karilan Navettagalleria, Karilantie 31, FIN-95970 Äkäslompolo, www.navettagalleria.fi
Tolle Kneipe mit Hotel-Restaurant: Pub Ylläs Humina, Tiurajärventie 27, FIN-95970 Äkäslompolo, www.yllashumina.com.

Aktivitäten

Sowohl in Levi als auch in Ylläs sind Ski alpin und Langlauf möglich. Dazu kommen Hunde- und Motorschlittentouren, Schneeschuhwanderungen und vieles mehr. Eine Vielzahl von Aktivitäten in mehreren finnischen Orten, darunter auch Levi und Ylläs, bietet Lapland Safaris (www.laplandsafaris.com). In Ylläs kann man den Konijänkä-Tierpark besuchen und bei Ylläs Sauna (www.yllassauna.fi) mit Anzug im eiskalten Wasser plantschen.