Abstecher für Feinschmecker - Gourmetregion Trondheimfjord

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Mit zwei Vorurteilen sollte man aufräumen: dass in norwegischen Restaurants vor allem Hamburger oder Pizza zu bekommen sind und Aquavit eiskalt getrunken wird. Den Gegenbeweis tritt die Region rund um die Domstadt Trondheim an, wo man ganz bewusst auf lokales Essen setzt. Das schöne Wort dafür: »kortreist mat«.

Jørn schenkt ein. Langsam läuft die leicht ölige Flüssigkeit in das Glas. »Niemals sollte man Aquavit gekühlt trinken«,sagt er und lacht über die – aus seiner Sicht– Unsitte, das »Lebenswasser« im Kühlschrank zu lagern. »Ein guter Schnaps schmeckt bei Zimmertemperatur am besten«. Und damit meint der Norweger natürlich auch den von ihm selbst im Klostergården auf der Insel Tautra kreierten Klaren. Der hochprozentige Rohstoff dazu kommt aus Oslo, »wir verfeinern den Aquavit nach eigenen, historischen Rezepten, geben 23 verschiedene Kräuter dazu, die hier wachsen«, erzählt Jørn. 100 bis 150 Liter des Destillats werden alljährlich im Schatten der Klostermauern hergestellt. Früher kamen die Leute mit dem Boot nach Tautra, die Insel war damals in der Mitte der »Hauptstraße«, die über den Fjord führte. Machten die Schiffer vor der Klosterinsel fest, bekamen sie als Willkommensgruß einen »Ankerdram«, einen »Ankerschnaps«, angeboten. Seit 2008 produziert Jørn auch Bier. 2012 wurde das scharfe norwegische Alkoholgesetz geändert. Bis dahin durfte das eigene Gebräu nur in Flaschen abgefüllt verkauft werden. Nun steht auf dem Tisch im »Klostergården« ein Glas mit bernsteinfarben schillerndem Inhalt, der von Schaum gekrönt wird. Aus fünf Hähnen wird das Bier gezapft, je nach Wunsch mit mildem, sogar leicht süßlichem Geschmack, aber auch Hopfensaft, der kräftig und bitter schmeckt oder gar nach Kräutern. »Ich experimentiere viel«, sagt Jørn lachend.

 Gefragtes Getränk

Es gibt nur wenige Restaurants, in denen das edle Gebräu ausgeschenkt wird. »Im Vinmonopolet bekommt man es nicht«, sagt er schmunzelnd. Über mangelnden Absatz muss er trotzdem nicht klagen. »Der Keller ist nahezu leer«, freut er sich. Rund 15.000 Liter Bier wird er Ende des Jahresgebraut haben. Die Leute, so scheint es, mögen die überall gleich schmeckenden Biere der internationalen Großbrauereien nicht mehr so sehr und erleben gerne regionale Vielfalt. Das gilt auch für den Shop des Klostergårdens, in dem man neben Bier auch Säfte, selbstgemachte Marmelade – sogar aus Zwiebeln –, karamellisierte Minze, in Honig eingelegte Walnusskerne, getrocknete Kräuter und andere Köstlichkeiten bekommt. Und dann gibt es noch ein Produkt, das in Deutschland bisweilen auch unter dem Namen »Gesundheitsbeere« bekannt ist, in Norwegen aber schlichtweg Aroniabeere genannt wird. Der Strauch mit seinen dunkelblauen Früchten gedeiht prächtig im mitttelnorwegischen Klima, verträgt kühles Wetter und Wind und bildet im langen nordischen Sommer viel Vitamin C, was auch den leicht sauren Geschmack verursacht. Saft macht man aus dem Gewächs, zudem Marmelade und Gelee. An schönen Tagen könnte man es sich auf den Bänken vor dem Klostergården von Tautra in der Sonne bequem machen und auf die umliegenden Felder und Wälder blicken. Heute formt der Wind Schaumkronen auf dem Meer. Ein schönes Plätzchen hatten sich die Zisterziensermönche ausgesucht, die Anfang des 13. Jahrhunderts nach Mittelnorwegen gekommen waren und hier auf der Insel ein Kloster bauten. Die vermutlich bis zu 30 Kirchenmänner sorgten sich nicht nur um das Seelenheil der umliegenden Bauern, sondern bauten auch Gemüse, Obst und Kräuter an und fischten. Dann kam die Reformation, das Kloster ging an den Staat über und verfiel. Nun sind nur noch einige Mauern erhalten, doch in einem nur wenige Hundert Meter entfernten Marienkloster-Neubau – übrigens mit ausgezeichneter Architektur – leben seit 2006 wieder Nonnen. Heute benötigt man kein Schiff mehr, um nach Tautra zu kommen oder die Insel zu verlassen. Über den langen Damm, der die Insel mit der Halbinsel Frosta verbindet, geht es deutlich schneller, wenngleich man mittlerweile auf den Ankerdram verzichten muss. »Frosta ist der Gemüse- und Kräutergarten von Mittelnorwegen«, hatte Kirsten gesagt, die sich in der Region bestens auskennt. Schon seit Jahrhunderten beackern Bauern hier ihre Felder, Landwirtschaft hat eine lange Tradition. Kartoffeln und andere Feldfrüchte werden angebaut. Und die Knollen landen nicht unbedingt auf dem Teller, sondern zu einem guten Teil auch in den Destillen, wo der Rohstoff für den Aquavit hergestellt wird. »Auch 95 Prozent des hier angebauten Kümmels landen schließlich im Schnaps«, lacht Kirsten.

Abstecher für Genießer

Felder und Wälder, Städtchen, Dörfer und einzelne Höfe prägen das Landschaftsbild entlang der E6 an der Ostseite des Trondheimfjords. Wer nicht aufpasst, verpasst bei Røra den Abzweig zur Straße 755/761, die hinüber zur Halbinsel Inderøya führt. Es ist keine spektakuläre wilde Gegend, die die Besucher erwartet. Der Reiz liegt vielmehr in den kleinen Details und vor allem in dem, was die Menschen hier aus der Landschaft gemacht haben und immer noch machen. »Den Gyldne Omvei«, heißt die Strecke, die durch eine alte Kulturlandschaft führt. Auf dem Weg in den Norden sollte man auf diesem »goldenen Umweg« schon einmal ins Stocken geraten und für ein oder zwei Tage ein anderes, unbekanntes Norwegen genießen. »Kortreist mat« (kurzgereistes Essen) ist die charmante Übersetzung von dem, was man hier angeboten bekommt. Skandinavien als kulinarische Diaspora – das gilt schon seit einigen Jahren nicht mehr. Auch am Nordende des Trondheimfjords. Da gibt es die »Gangstad Gårdsysteri«, wo leckerer Käse hergestellt wird, der mit Camembert, Blauschimmelkäse oder hinzugefügten Kräutern Abwechslung zum Tine-Einheitsgeschmack bringt. Im Sommer wird auf dem schön gelegenen Hof sogar Eis selbst gemacht. In der Inderøy Slakteri bekommt man traditionelle Gerichte aus der Region mit Wurst und Gemüse und der Berg Gård bietet Produkte aus eigener Schlachterei und Hausmannskost an. Dazu kommen einige Geschäfte mit Kunsthandwerk.

Haus auf Abwegen

Auf einem Plateau hoch über dem Fjord liegt das Restaurant Øyna. Von dessen Terrasse blickt man auf das Meer, auf dem kleine Schiffe unterwegs sind, auf Wiesen mit muhenden Kühen und blökenden Schafen, auf große Höfe und kleine Dörfer sowie die Hügel hinter Levanger. »Sicherlich ein Grund, warum die Gäste zu uns kommen«, sagt Rune, der in dem Restaurant mit der ganz eigenen Architektur mit viel Holz und Gras auf dem Dach arbeitet. Die Besitzer – Bauern aus der Gegend – setzen auch auf eigene Rezepte und möglichst viele Produkte aus der Region. Der Käse kommt von Gangstad, Fleisch und Wurst von einer in der Nähe gelegenen Schlachterei, teilweise sind die Würste auch selbstgemacht. »Unser Fleisch gehört zum Besten, was man in ganz Norwegen bekommt«, ist der Koch überzeugt. Man müsse nicht viel würzen, nur etwas salzen, »das schmeckt von sich aus gut.« Zur Unterkunft im Husfrua Gårdshotell ist es ein angenehmer zehnminütiger Verdauungsspaziergang quer über Wiesen und Weiden. Die Dielen knarzen in dem alten Gebäude, das eigentlich einmal an einem ganz anderen Platz stand. »Der Umzug in 2008 war ein großes Ereignis«, erinnert sich Lise Lyngsaunet, die zusammen mit Per Magnus Værdal Haus und Hof betreibt. Das 42 Tonnen schwere und 18 Meter lange, für die Gegend am Trondheimfjord typische Haus von 1866 wurde per Transporter (auf 96 Räder an 18 Achsen) acht Kilometer durch die Gegend gefahren, um dann mit dem Kran an seinen jetzigen Standort bugsiert zu werden. »Die halbe Gegend hat damals zugesehen«, lacht Lise und blättert durch ein Fotoalbum, das diesen Umzug dokumentiert. »Mit dem Namen ›Husfrua‹, sollen all die Frauen geehrt werden, die einst hier gelebt und gearbeitet haben. Und sie wären sicherlich stolz darauf, was aus ihrem einstigen Heim geworden ist.

Allgemein

Die Gegend rund um den Trondheimfjord ist bestens geeignet für eine Gourmet-Tour. Die kann in den guten Restaurants Trondheims beginnen und dann auf einer Tour entlang des Fjords fortgesetzt werden. Allgemeine Infos zu Trøndelag unter www.trondelag.com oder am Telefon unter +47 73 84 24 40.

Anreise

Wer es eilig hat, nimmt das Flugzeug nach Trondheim (SAS, www.flysas.com) und setzt sich dann in einen Mietwagen. Auch die Kombination aus Fähre und Bahn ist eine gute Alternative. Und natürlich kommt man mit dem eigenen Auto nach Norden. Zum Beispiel mit Fjord Line (www.fjordline.com) von Hirtshals nach Norwegen oder mit Color Line (www.colorline.de) von Kiel nach Oslo.

Übernachtung

Rica Bakklandet Hotell
Nedre Bakklandet 60, N-7400 Trondheim
Tel. +47-72 90 20 00,
www.rica.no 

Husfrua
Sakshaugvegen 44 A
N-7670 Inderøy
Tel. +47-40 64 88 81
www.husfrua.no

Essen & Trinken

Øyna Restaurant
Sakshaugvegen 36
N-7670 Inderøy
Tel. +47-91 59 08 13

Klostergården Tautra
N-7633 Tautra
Tel. +47-74 80 85 33
www.klostergardentautra.no

NordisTipp

Ein lohnendes Ziel ist die Insel Tautra mit der alten Klosterruine, dem neuen Kloster und natürlich dem Klostergården mit kleiner Brauerei und Hofladen. Quer über die Halbinsel Inderøy führt der »Gyldne Omvei«, der »Goldene Umweg«, auf dem man diverse Hofläden und Kunsthandwerker besuchen kann. Zudem gibt es gute Restaurants und stilvolle Übernachtungsmöglichkeiten. Der Goldene Umweg ist außerdem bestens für eine ein- bis mehrtägige Radtour geeignet. Fahrräder können vor Ort geliehen werden. Infos dazu am Abzweig oder unter:

Visit Innherred
Postboks 91 N-7701
Steinkjer
Tel. +47-74 40 17 16
www.visitinnherred.com
www.dgo.no