Abseits ausgetretener Pfade

TEXT & BILD: Thomas Krämer

Man muss die E6 zwischen Narvik und Bardufoss verlassen, um die grandiose Natur am Lavangenfjord zu entdecken. Dafür wird man mit tollen Wanderungen, einer Höhlentour, frischem Fisch und einem Kuss entlohnt – dem eines Wolfes.

Die Eule hat es Tor angetan. »Dort hinter dem Haus hängt der Kasten«, erzählt der Hotelier und Naturfreund. Im Frühjahr, das hier oben weiter nördlich des Polarkreises spät beginnt, hatten die lautlosen Jäger in der an einem Baum aufgehängten Behausung gebrütet. Fast jeden Tag war er dort, hat nach »seinem« Vogel geschaut. Bis er eines Tages ausgeflogen war.
Einer der Pfade vom Hotel Fjellkysten in Tennevoll führt an den gefiederten Raubtieren vorbei hinauf auf das Fjell. Gut markiert, mit Karte am Start. So haben auch weniger erfahrene Wanderer kein Problem, den Weg zu finden. Genau das ist ein großes Plus in der Gegend am Lavangenfjord. So führt ein Pfad gut 500 Höhenmeter hinauf zum Henrikafossen. Über große Strecken wenig anstrengend und nur leicht ansteigend, an manchen Stellen jedoch auch steil bergauf bis zur Felskante, über die sich das Wasser des Gebirgsbaches Gischt versprühend in die Tiefe stürzt. Ein faszinierender Anblick, der genauso begeistert wie die Sicht auf den Fjord. Oder hinauf zur Reitetind, was schon deutlich anspruchsvoller ist. Schließlich ist man rund fünf Stunden unterwegs und hat – bei fantastischem Ausblick vom 1.077 Meter hohen Gipfel – am Ende mehr als 1.000 Höhenmeter in den Beinen. Wer es weniger anstrengend mag, spaziert über den Kulturpfad Spandalen mit zahlreichen Infotafeln zur Gegend.

Unbezwingbare Klamm

Aus dem Fahrweg zum Åsevatnet, auf dem wir bei unserer Tour unterwegs sind, wird schon bald ein richtiger Wanderpfad, der sich durch den Wald nach oben schlängelt. Ein Stopp an der Brücke. »Willst du die Klamm sehen?«, fragt Tor. Klar! Also laufen wir am Ufer des Baches ein Stück bergauf, hüpfen von Fels zu Fels, landen auch einmal mit einem Fuß im zum Glück flachen Wasser, drücken uns an senkrechten Felswänden vorbei bis es nicht mehr weitergeht. Zumindest, wenn man einigermaßen trocken bleiben will. Denn es hatte in der Nacht einen heftigen Regenguss gegeben, dessen dicke Tropfen nun mit geballter Macht nach unten in Richtung Fjord streben. Tor unternimmt einen letzten Versuch, kraxelt über Felsen, Gras und Gestrüpp noch ein paar Meter nach oben. Immerhin: Man bekommt einen tollen Blick in die Klamm, durch die – mit der passenden Ausrüstung – der Freiluftsportler mit seinen Gästen läuft, kraxelt, rutscht, turnt. »Macht einen Riesenspaß«, sagt er lachend. Und immer mehr kommt die Freude durch, die der Norweger in der Natur hat und die er gerne mit anderen teilt.

Abendessen aus dem Fjord

Am Abend sind wir noch mit Kumpel Steinar unterwegs. Der hat im Lavangenfjord ein Boot liegen. So ein schönes, altes Holzboot mit beruhigend tuckerndem Motor und kleiner Kajüte, nicht so ein schnittiges Plastikgefährt, das in der untergehenden Sonne so sehr glänzt, dass man die Sonnenbrille braucht. Wobei: Das mit der untergehenden Sonne ist so eine Sache. Denn eigentlich wird sie hier nördlich des Polarkreises nicht untergehen. Wenn da nicht dieser Berg wäre, in dessen Schatten wir nun eintauchen. »Auch ein toller Wandergipfel«, erzählt Tor. Doch im Moment stört mich das Felsmassiv eher, zu gerne würde ich nach der Wanderung einfach in der Sonne dösen. Gemächlich ziehen wir unsere Bahn über das ruhige Wasser, blicken auf die Siedlung. Rund 1.000 Einwohner leben in der Kommune und Nordsamisch ist zusammen mit Norwegisch die Amtssprache. Vor allem am Fjordufer, dort, wo die Abendsonne die Hänge in ein goldenes Licht taucht und im Winter wenigstens für ein wenig Wärme sorgt, da haben sich die Menschen angesiedelt. »Probiert es hier«, holt mich Steinar aus meinen Gedanken und gibt zwei Angelrouten aus. Bald schon zuckt es an Tors Leine, dann zieht es mit unbändiger Kraft. Stück für Stück zieht er seinen Fang hinauf, lässt ihm wieder ein Stück Leine, kurbelt erneut an der Rolle, bis aus dem Wasser ein Fischmaul auftaucht und das Wasser im Überlebenskampf spritzen lässt. Doch der Dorsch hat verloren, tags darauf wird er als Dorschfilet serviert werden. Frischer geht es kaum. Auch ich habe Glück, bereichere seine Speisekarte um ein weiteres Exemplar.

Rauschen in der Unterwelt

Dass Tor sich nicht nur mit einfachen Wanderpfaden zufriedengibt, zeigt er am nächsten Tag. Mit dem Auto geht es ein paar Kilometer hinauf auf eine Hochebene, dann hinein in eine schmale Einfahrt. Aus dem Kofferraum kramt er zwei Taschenlampen heraus und weist auf einen schmalen Pfad. »Dort geht's lang«, sagt er geheimnisvoll und stapft hinunter zu einem Bach. Der fließt mal wild, mal gemächlich durch ein von Felsen eingerahmtes Tal – und verschwindet plötzlich im Gestein. »Wir werden das Wasser wieder finden«, grinst Tor verschmitzt und steigt über Felsen hinauf zu einem großen Portal. Felsbrocken hatten sich irgendwann in der Vergangenheit von der Decke gelöst und liegen nun auf dem Boden. Ein wenig versteckt ist ein dunkles Loch zu erkennen. Und genau dort klettert Tor hinunter. Der kühle Atem der Höhle steigt uns entgegen. Schlagartig fällt die Temperatur. Deutlich ist ein Rauschen zu vernehmen. Über einige glitschige Steine geht es weiter, das Rauschen wird lauter. Im Licht der Taschenlampen glitzern Wassertropfen, die der Höhlenbach in die Luft geschleudert hat. »Die Höhle ist nicht groß«, erklärt der Norweger. Aber sie ist doch etwas Besonderes in einem Land, das alles andere als durchlöchert ist wie Schweizer Käse. Der unterirdische Bach verleiht zusätzliche Attraktivität.

Nervenkitzel im Wolfsgehege

Frisch geduscht und mit neuen Klamotten sind wir wenig später wieder in der Sonne unterwegs. Bisher hatte ich nicht das Glück gehabt, Tiere beobachten zu können. Das wird sich jetzt ändern – garantiert. Denn ein paar Kilometer vom Lavangenfjord entfernt befindet sich der Polar Park. Keines dieser Tiergehege, in dem die Tiere im Laufe der Jahre Kreise in den Beton laufen. Nein: eine Anlage mit Platz für Menschen und Tiere. Hier gibt es Elche, Rentiere, Bären, Moschusochsen und ein Vielfraß-Pärchen. Niemals zuvor hatte ich diese wenig beliebten Raubtiere gesehen. Rentierzüchter und Schafhirten haben ein besonders distanziertes Verhältnis zu Tieren, denen besondere Mordlust nachgesagt wird. Eines ist sicher: Den Kiefern dieser Marderart kann kaum etwas widerstehen, was sie zu erfolgreichen Jägern macht. Wenn man das Vielfraß- Pärchen so hinter dem Zaun herumlaufen sieht, ihnen in die Augen schaut, dann ist es schwer zu begreifen, wie diese Tiere einen solch schlechten Ruf bekommen konnten. Und dann gibt es im Polar Park noch Wölfe, mit denen man auf Tuch- oder besser: Pelzfühlung kommen kann. Denn zusammen mit den Pflegern besucht man – gegen einen Extraobolus – ein kleines Wolfsrudel, lässt sich – so die Tiere wollen – von ihnen beschnüffeln, sogar das Gesicht abschlecken. »Macht keine hektischen Bewegungen«, war unsere kleine Gruppe von den Betreuern vorher gewarnt worden. Langsam waren wir zum »Treffpunkt« gelaufen, hatten uns auf den Boden gesetzt, um für die Wölfe im Gehege keine Bedrohung zu sein. Kurz darauf kamen die Tiere angetrabt, lugten ebenso vorsichtig und respektvoll auf uns wie wir auf sie. Schließlich haben sie die deutlich schärferen Zähne. Ein wenig Schnüffeln, ein wachsamer Blick, dann suchen sie Kontakt. Körperkontakt. Schlecken mit ihren feuchten, warmen Zungen über das Gesicht. Ein unbeschreibliches Gefühl, gepaart mit ein wenig Nervenkitzel! Obwohl die Wölfe zusammen mit Menschen aufwuchsen, sind es immer noch Raubtiere, wenngleich sozialisiert. Minuten werden zu einer Ewigkeit, die Wölfe bekommen Gesichter, jedes einzelne Tier wird zu einer Persönlichkeit, schon allein durch die Mimik unterscheidbar von den anderen. Da ist das Leittier – ein Weibchen, wie Maja sagt. Mutig und gleichzeitig vorsichtig führt das Tier die Gruppe an. Zwei andere Wölfe stehen in der Rangordnung klar unter ihr, müssen sich zurechtweisen lassen. Trotzdem genießen sie innerhalb des Rudels eine gewisse Freiheit. Und dann ist da noch ein Weibchen, dessen Gesichtsausdruck schon Unsicherheit zu zeigen scheint. Steht sie im Weg, wird sie von den anderen Tieren abgedrängt, auch einmal gezwickt. Den menschlichen Besuchern darf sie sich nur nähern, wenn die anderen gerade anderweitig beschäftigt sind und ihr Interesse verloren haben. Und das dauert an diesem vergleichsweise heißen Tag im Norden nicht sehr lange. »Für die Wölfe ist es zu warm«, erklärt die Tierpflegerin und zeigt hinauf auf einen Felsen. Dorthin hat sich das Rudel mittlerweile zurückgezogen, faulenzt auf den Steinen in der Sonne. Sie haben genug gespielt für heute. Ich auch!

Allgemein

Der Lavangenfjord liegt ein Stück westlich der E6 zwischen Narvik und Bardufoss. Idealer Ausgangspunkt für Naturerlebnisse aller Art ist das Hotel Fjellkysten, wo auch Aktivitäten angeboten werden. Dazu gehören im Sommer Wandern, Angeln, Bootstouren, Vogelbeobachtung sowie Höhlen- und Flusstouren, im Winter Skitouren, Langlauf und Eisklettern. Vom architektonisch sehr ungewöhnlich gestalteten Gebäude mit seinem Grasdach genießt man einen herrlichen Blick auf den Fjord und die Berge.

Fjellkysten
N-9357 Tennevoll
Tel. +47-47 92 47 92
post@fjellkysten.com
www.fjellkysten.com

NordisTipp

Hinweisschilder an der E6 leiten zum Polar Park. Die Anlage ist unbedingt einen Stopp wert, kommt man doch den in Nordskandinavien lebenden Tieren sehr nahe. Auch Familien mit Kindern können hier vergnügliche und trotzdem lehrreiche Stunden verbringen. Auch Picknicken ist möglich.