Es ist eine große Show im Theater von Aarhus, als Rebecca Matthews, Leiterin der Europäischen Kulturhauptstadt Aarhus 2017, und Juliana Engberg, künstlerischer Kopf hinter dem Kulturhauptstadt-Programm von Aarhus 2017, ihr Projekt vorstellen.

»Let's Rethink«: Europäische Kulturhauptstadt Aarhus 2017

Neudenken, umdenken, querdenken

Text, Interview & Fotos: Hans Klüche

Mit viel Multimedia wird die Show zelebriert,Musik von färöerischem Elfengesang bis DJ-Scratching, Hip-Hop und Break Dance sowie einem eingespielten Video, in dem zwei Kinder das erste Exemplar des gut drei Kilo schweren Programmkatalogs bei Schirmherrin Königin Margrethe II abgeben. Die Botschaft: Aarhus2017 ist vielfältig, ist jung, ist nordisch, ist weltoffen, bezieht Kinder in einem Maße einwie selten eine Kulturhauptstadt zuvor, und die Königin ist begeistert.

Aarhus, Dänemarks zweitgrößte Stadt mit derjüngsten Bevölkerung, stemmt das gigantische Programm zusammen mit den 19 Kommunen der Region Midtjylland von der Nord- bis zur Ostsee. Dabei beschränkt es sich nicht auf Musik von Klassik bis Rock, Kunstausstellungen, Landart-, Architektur- und Designprojekte, Comedy-, Theater- und Tanzaufführungen, Lichtinstallationen, Literaturworkshops und Kinderliteraturfestivals oder historische Zeitreisen.

Es gibt auch Leistungs- wie Breitensport-Events, Diskussionsforen und ein Forschungsprojekt am Ringkøbing-Fjord, das den Tourismus in diesem bei deutschen Urlaubern so populären Landstrich»neu denken« will, um ein nachhaltiges, besseres Zusammenspiel von Natur und Kultur zu entwickeln.

Kinder feiern eine eigene Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres

Klar im Mittelpunkt steht das Motto von Aarhus 2017 »Let's Rethink« –umdenken, neu durchdenken, querdenken. Am 20. Januar feiern die Kinder in der ganzen Region ihre spezielle Eröffnung des »Land of Wishes« (Land der Wünsche), ehe einen Tag später die Großen das Kulturjahr in Aarhus einläuten.

Schon am 11. Februar startet eine der wichtigsten Ausstellungen in Silkeborg, wo der weltbekannte CoBrA-Künstler Asger Jorn zuHause war. Das Museum Jorn präsentiert über 60 seiner Werke zusammen mit rund 50 wichtigen Gemälden seiner Inspirationsquelle Edvard Munch: Jorn + Munch läuft bis 28. Mai.

Sieben Todsünden in sieben Museen in sieben verschiedene Ausstellungen

Typisch für das Kulturjahr ist auch das Gemeinschaftsprojekt»Seven Deadly Sins« vom 3. Februar bis 28. Mai in sieben Kunstmuseen mit neuem Denken über die sieben Todsünden in unserer Zeit:

Völlerei in Lemvig, Hochmut in Viborg, Wollust in Randers, Faulheit in Ebeltoft, Neid in Skive, Zorn in Horsens und Habgier in Holstebro – dänische und internationaleKünstler arbeiten über jeweils eine Sünde und neben Ausstellungen gibt’s Diskussionen und Events zum Thema.


»Bekanntes neu betrachten«
Hans Klüche im Gespräch mit Juliana Engberg,der künstlerischen Leiterin von Aarhus 2017

[...] Du hast große Erfolge mit Kultur-Events »Down Under« gehabt, die Zeitung »The Sydney Morning Herald« beschreibt dich als »eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der australischen Kunstwelt«. Jetzt leitest du das Programm einer europäischen Kulturhauptstadt in einer dänischen Stadt: Wie viel Australien, wie viel Europa und wie viel Dänemark sind im Programm von Aarhus 2017?

(Juliana lacht) Ja, ich bin dank meines Vaters halbe Dänin und ich genieße es, einen alten nordischen Landschaftsnamen zu tragen. Ich glaube, das verwurzelt mich hier sehr gut. Wie die meisten Australier, die nicht Teil der Urbevölkerung sind, bin ich ein bisschen von diesem und jenem –Irisch, Walisisch, etwas Französisch und möglicherweise Norwegisch – wer weiß, eventuell auch Deutsch! Vielleicht fühle ich deshalb die frischen, positiven Energien so intensiv, die neu ins Land kommende Menschen mitbringen.

Was das Programm von Aarhus 2017 betrifft,so präsentiert es Künstler aus 45 Ländern.Die meisten aus Europa, aber es gibt auch Projekte aus Japan, Südafrika, Syrien, den USA, Mexiko, Israel und natürlich aus Australien. Ein australisches Highlight ist sicherlich das Ensemble Chunk Move unter der gefeierten niederländischen Choreografin Anouk van Dijk, die mit Falk Richter zusammenarbeitet, einem der wichtigsten Bühnenautoren und -regisseure Deutschlands.

Ich freue mich sehr über unsere europäische Dimension und die Art und Weise, wie sie zwischen den Nationen vermischt wird. Aarhus 2017 ist aber in erster Linie ein dänisches Projekt, und vieles wird von dänischen Künstlern, Unternehmen und Netzwerken geschaffen. Die Chance, europäische Kulturhauptstadt zu sein, fördert ein hohes Maß lokaler Aktivität und inspiriert Kreative und alle, die mitarbeiten, wirklich ehrgeizig zu sein in dem Wissen, dass sie vor einem großen, internationalen Publikum agieren werden.

Es ist schwer für Menschen, etwas zu überdenken. Viele neigen dazu, auf Bewährtes zurückzugreifen. So war es eine besondere Herausforderung für viele Projekte, als sie unter das Motto »überdenken« gestellt wurden.

Betrachtet man jetzt das Programm, dann sieht man, welche Anstrengungen gemacht werden, Bekanntes neu zu betrachten und in unbekannte Räume vorzudringen. Man fühlt die Dynamik, die sich entwickelt, wenn sich Projekte hinterfragen und selbst fordern, neue Ideen zu entwickeln, diese anzunehmen, sich wechselseitig zu befruchten, zusammenzuarbeiten.

»Rethink« handelt auch davon, mutigzu sein, zu versuchen und wieder zu versuchen, und mit Beckett gesagt, zu scheiternund besser zu scheitern. Wir müssen bereitsein, zu experimentieren und Wege für Entdeckung zu öffnen.

Oh Yes! Es gibt hier ein Sprichwort: Aarhus ist nicht sehr weit von Kopenhagen, aber Kopenhagen ist sehr weit von Aarhus. Aber ich bin beeindruckt, wie groß Aarhus denkt und fühlt.

Die Stadt ist voller Einfallsreichtum und besitzt eine Art ausgeprägte Das-Können-wir-selbst-Attitüde. Aarhus hat seinen eigenen Rhythmus und fühlt sich in vielerlei Hinsicht leichter an als Kopenhagen. Es ist weniger formal, schneller und statistisch jünger mit einem Durchschnittsalter von etwa 37 Jahren.

Dazu kommtein tolles Angebot an Natur wie Kultur. Aarhus2017 fügt dem, was bereits hier ist, viel hinzuund sorgt dafür, dass es weltweit ein gesteigertes Interesse an Aarhus gibt.

Wer hier einen frühen Sommerurlaub verbringt, kann sich auf eines der größten Theaterereignisse dieses Sommers in Nordeuropa freuen, auf das grandiose Wikinger-Epos »Die Rote Schlange«, inszeniert vom Ensemble des Königlichen Theaters auf dem Dach des Moesgaard Museum.

Für alle, die Essen, Kochen, Nahrung lieben, sind wir auch Europäische Region der Gastronomie 2017. Also kommt und esst Hotdogs und Austern! Und wer auf zeitgenössische Kunststeht, findet rund ums Jahr tolle Kunsthallen und Museen mit erstaunlichen Ausstellungen von Küste zu Küste.

Ich kann nur jeden ermutigen, herumzufahren und soviel mitzunehmen, wie möglich. Sonst ist die choreografische Inszenierung von »Treeof Codes« ein Muss und in der Tat bieten wir einiges vom Besten, was darstellende Kunst heute ausmacht – mit Vorreitern wie Wayne McGregor, Robert Wilson, Lucida Childs, Blast Theory, Yael Bartana und natürlich Anohni, unserem »Artist in Residence« für das Kulturjahr.

Was wir hinterlassen, ist sehr wichtig für uns, wie für alle Kulturhauptstädte. Aber natürlich müssen Stadt und Region die Finanzen, Strukturen und Chancen bewahren. Ich hoffe, einige Projekte können sich dauerhaft etablieren wie das Internationale Kinderliteraturfestival, die RISING ArchitectureChallenges, die Strategien des More Creative Event und natürlich das Netzwerk von Gastkünstlern und den vor Ort in der Kunst Tätigen. Wir setzen Prozesse in Gang undbringen den Ball ins Rollen! So gesehen ist unser Jahr ein großartiger Start in ein neues Spiel.

Rebecca Matthews (links) und Juliana Engberg präsentieren zu Recht mit Stolz ein riesiges und vielfältiges Programm für Aarhus 2017.
Große Show im Aarhus Theater: Aarhus 2017 will als Europäische Kulturhauptstadt für alle da sein, für Klassik-Liebhaber ebenso wie für Hip Hop-, Breakdance- und DJ-Fans.
Die Färingerin Eivør begeistert mit elfenartigem Gesang, ihr Landsmann Sunleif Rasmussen komponiert die Fanfare des Kulturhauptstadtjahres – Uraufführung am 21. Januar.
Mit der Australierin Juliana Engberg hat das Projekt Aarhus 2017 eine international vernetzte, künstlerische Leiterin gewinnen können.
Schrei oder nicht Schrei? Däne trifft Norweger: Jorn meets Munch.

Wir werden das gesamte Kulturhauptstadt-Jahr im Magazin und im Netz begleiten und immer wieder Hinweise auf besondere Veranstaltungen von Aarhus 2017 geben.

In der kommenden Print-Ausgabe findet ihr außerdem eine Sonderbeilage exklusiv zum Kulturhauptstadt-Jahr, den:

Nordis Aarhus-Guide 2017

Wer mag, kann ihn bereits jetzt und hier online lesen oder kostenlos als E-Paper downloaden.